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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Eine Alternative zur Koloskopie? Darmkrebsfrüherkennung allein durch einen Bluttest

Eine Alternative zur Koloskopie? Darmkrebsfrüherkennung allein durch einen Bluttest
In diesem Artikel
Leitfaden zur Früherkennung der nächsten Generation in der Onkologie

Mit Flüssigbiopsie und künstlicher Intelligenz führt der Weg vom bloßen Aufspüren von Krebs zum Verständnis der ersten stillen zellulären Veränderungen in Polypen.

Warum müssen wir über herkömmliche Methoden hinausgehen?
Obwohl Darmkrebs (kolorektales Karzinom, KRK) weltweit jedes Jahr Millionen Menschen betrifft, gehört er zu den wenigen Krebsarten, denen die Medizin besonders gezielt vorbeugen kann. Das als Adenom-Karzinom-Sequenz bekannte stille Zeitfenster von 10-15 Jahren bietet die Möglichkeit, die Erkrankung aufzuhalten, solange die Betroffenen noch gesund sind. Die aufwendige Vorbereitung einer Koloskopie und die begrenzte Empfindlichkeit von Stuhltests halten jedoch Tausende Menschen von Früherkennungsprogrammen fern. Die KI-gestützte Analyse genomischer Spuren im Blut und der zellulären Reaktion des Körpers eröffnet heute in der Onkologie eine Strategie, die über die Diagnose hinaus auf Eradikation, also Beseitigung, abzielt.

Das stille Zeitfenster der Krebsentstehung: die Adenom-Karzinom-Sequenz

Darmkrebs entsteht nicht plötzlich. Meist handelt es sich um einen langsamen Prozess, bei dem scheinbar harmlose Polypen (Adenome) der Darmwand über 10 bis 15 Jahre genetische Mutationen ansammeln und sich in bösartige Tumoren verwandeln. Dieser lange Zeitraum ist für Ärzte eine unschätzbare Gelegenheit. Werden diese Zellen bereits im Polypenstadium erkannt, bevor sie entarten, können den Patienten belastende Chemotherapien und große Operationen vollständig erspart bleiben.

Die im bisherigen Untersuchungsablauf eingesetzten FIT-Tests beziehungsweise Tests auf okkultes Blut im Stuhl erkennen solche frühen Läsionen leider nur eingeschränkt. Die Koloskopie gilt zwar als Goldstandard, wird wegen ihres invasiven Charakters jedoch von einem großen Teil der Bevölkerung aufgeschoben. Genau hier kommen Flüssigbiopsien aus dem Blut ins Spiel.

Zwei unterschiedliche Blickwinkel: Tumorspuren und das Echo des Körpers

Die Frage, wonach ein Bluttest suchen muss, um einen unauffälligen Darmpolypen zu finden, hat die Wissenschaft auf zwei unterschiedliche Wege geführt. Beide dienen in der onkologischen Praxis als jeweils eigener Kompass.

Genomik & Epigenomik Guardant Shield (cfDNA)

Fokus: Gesucht werden zellfreie DNA-Fragmente (cfDNA), die beim Absterben von Zellen in den Blutkreislauf gelangen.

Prinzip: Über die Plattform LUNAR-2 werden bestimmte Genmutationen wie APC, KRAS und p53 sowie DNA-Methylierungsmuster wie genetische „Ausweise“ untersucht.

Entscheidende Einschränkung: Das Verfahren hängt davon ab, wie viel DNA der Tumor ins Blut abgibt („Shedding“). Kleine Polypen geben keine DNA ab und lassen sich deshalb schwer erkennen.

Multiomik & künstliche Intelligenz PreveCol (Wirtsantwort)

Fokus: Gemessen wird die systemische und immunologische Reaktion des Körpers auf die Veränderung, also ihr Echo, ohne auf eine Spur des Tumors im Blut warten zu müssen.

Prinzip: 21 verschiedene Biomarker (Mikro-RNA und Proteine) werden mit KI-Verfahren des „Ensemble Learning“ (kombinierten Lernens) analysiert.

Vorteil: Durch „biologische Amplifikation“ kann der zelluläre Stress, den Polypen mit Entartungspotenzial (AA) verursachen, früh erkannt werden.

Klinische Validierung: Was die Zahlen verraten

Die Aussagekraft wissenschaftlicher Behauptungen bemisst sich an Kennzahlen, die in großen Patientengruppen bestätigt wurden. Für Guardant Shield ist die im NEJM veröffentlichte ECLIPSE-Studie die Referenz. Der neue Algorithmus von PreveCol zeichnet sich durch umfangreiche Validierungsdaten von 3.158 Personen aus, die auf dem SEOM-Kongress 2023 vorgestellt wurden.

Klinischer Parameter Guardant Shield (ECLIPSE) PreveCol (SEOM 2023 / Neue KI)
Nachweis fortgeschrittener Adenome (AA) 13.0 % 73.0 % (Potenzial zur Krebsprävention)
Nachweis von Krebs im Stadium 1 65.0 % 94.0 %
Gesamtsensitivität für Krebs 83.1 % 94.0 % (AUC: 0.94)
Spezifität (richtig negativ) 89.6 % 86.0 %

Hinweis: Der neue, durch KI-Integration weiterentwickelte PreveCol-Algorithmus hat die diagnostische Genauigkeit für fortgeschrittene Adenome (AA) auf ein bislang unerreichtes Niveau gebracht.

Klinische Anwendung und Einordnung: Welcher Test zu welchem Zeitpunkt?

Die technischen Profile beider Tests sprechen für unterschiedliche Einsatzbereiche in der klinischen Praxis. Shield ist ein leistungsfähiges Werkzeug zum Nachweis eines bestehenden Krebses, während PreveCol durch sein Präventionspotenzial hervorsticht.

Parameter Guardant Shield PreveCol
Regulatorischer Status FDA-Zulassung (2024)
Von Medicare erstattet.
FDA-Status „Breakthrough Device“
CE-Kennzeichnung in Europa.
Zielgruppe Menschen mit durchschnittlichem Risiko, die eine Koloskopie oder einen FIT-Test ablehnen. Menschen mit durchschnittlichem Risiko sowie Triage von Patienten mit positivem FIT-Test.
Hauptvorteil Hohe Erfolgsrate beim Nachweis invasiver Karzinome (83 %). Leichte Zugänglichkeit. Überlegene Erkennung präkanzeröser Läsionen (Adenome) (70.8-73 %).
Einschränkungen Übersieht einen Großteil der Adenome. Wirkt nicht präventiv. Eine große zulassungsrelevante FDA-Studie ist noch nicht abgeschlossen.

Gezielte Orientierung und die Philosophie der Heilung in der Onkologie

Im Umgang mit Krebs geht es uns darum, früh zu verstehen, weshalb eine Zelle aus dem biologischen Gleichgewicht gerät, statt erst zum Schwert zu greifen und sie zu zerstören. Bei Darmkrebs, dessen biologische Entwicklung so gut bekannt ist, gehört der Verlust von Patienten infolge der Zurückhaltung gegenüber der Koloskopie zu den größten Tragödien der Medizin.

Die von Flüssigbiopsien, insbesondere PreveCol, erreichte Adenom-Erkennungsrate von 73 % deutet darauf hin, dass in der Onkologie eine Ära der Befreiung von Krebs beginnt, die über reine Krebsfrüherkennung hinausgeht. Diese neue Phase, in der wir unter Anleitung künstlicher Intelligenz mit einer einfachen Blutuntersuchung auf die inneren Signale jedes Patienten hören, ist sowohl für die individuelle Heilung als auch für die öffentliche Gesundheit revolutionär. Heilung beginnt damit, Veränderungen richtig zu erkennen und rechtzeitig wahrzunehmen.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Lektüre

  • 1. Chung DC, et al. A Cell-free DNA Blood-Based Test for Colorectal Cancer Screening (ECLIPSE Study). NEJM 2024;390:973-983.
  • 2. Planelles L, et al. PreveCol®: A new diagnostic test for early detection. SEOM 2023 Congress, Barcelona.
  • 3. Guardant Shield FDA Premarket Approval (PMA) Documents (P230032). May 2024.
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