Was ist die Variantenallelfrequenz (VAF)? Die Bedeutung genetischer Varianten verstehen

In diesem Artikel
Genetische Analysen sind ein wegweisendes Instrument der modernen Medizin und Krebsforschung. Mithilfe der DNA-Sequenzierung lässt sich das Erbgut eines Organismus detailliert untersuchen. Ein dabei häufig verwendeter Begriff ist die Variantenallelfrequenz (Variant Allele Frequency, VAF), die insbesondere in der Krebsbiologie und bei der Diagnose genetischer Erkrankungen eine zentrale Rolle spielt.
Was ist die VAF und wie wird sie berechnet?
Die Variantenallelfrequenz (VAF) gibt den Anteil einer genetischen Variante an der gesamten DNA-Sequenz an und hilft, biologische Zusammenhänge wie somatische Mutationen, Keimbahnmutationen und Tumorheterogenität zu verstehen.
Die Variantenallelfrequenz (VAF) wird mit folgender Formel berechnet:
- Anzahl mutierter Allele: Anzahl der DNA-Sequenzierungsreads, die an einer bestimmten Position eine Mutation aufweisen.
- Gesamtzahl der Allele: Summe der mutierten und der Wildtyp-Reads, also der normalen Reads, an derselben Position.
Rechenbeispiel
- Gesamtzahl der DNA-Reads: 1000
- Anzahl mutierter Reads: 450
In diesem Beispiel beträgt die VAF 45%.
Unterscheidung zwischen somatischen und Keimbahnmutationen anhand der VAF
Die VAF ist ein wichtiger Anhaltspunkt dafür, ob eine Mutation somatisch, also erworben, oder in der Keimbahn vorhanden und damit erblich ist:
1. Somatische Mutationen
- Die VAF ist meist niedrig (5-30%).
- Die Mutation findet sich nur in Tumorzellen.
- Aufgrund der zellulären Heterogenität des Tumorgewebes ist der Variantenanteil gering.
2. Keimbahnmutationen
- Die VAF liegt meist im mittleren Bereich (40-50%).
- Die Mutation ist in allen Zellen des Menschen, also im gesamten Körper, vorhanden.
- Bei einer homozygoten Mutation kann die VAF 90-100% betragen.
Klinische Bedeutung und Anwendungen
1. VAF in der Krebsbehandlung
- Niedrige VAF (5-30%): Sie weist auf somatische Mutationen hin, die für zielgerichtete Therapien wichtig sein können. Wird beispielsweise eine EGFR-Mutation mit niedriger VAF nachgewiesen, kann diese Mutation gezielt behandelt werden.
- Mittlere VAF (40-50%): Sie kann eine genetische Beratung wegen möglicher erblicher Mutationen erforderlich machen. Erbliche Mutationen in Genen wie BRCA1/2 können das Risiko sowohl des Patienten als auch seiner Familie beeinflussen.
- Hohe VAF (90-100%): Sie kann auf eine homozygote Keimbahnmutation oder eine klonale Expansion im Tumor hinweisen, bei der die Mutation in den meisten Tumorzellen vorkommt.
2. Therapieansprechen und Resistenz
Die VAF-Analyse ist ein wichtiges Instrument zum Verständnis von Therapieresistenzen, da sie neue Mutationen oder eine klonale Selektion während der Behandlung nachweisen kann.

Sequenzierungstechniken und Bestimmung der VAF
VAF-Werte beruhen auf den Reads aus der DNA-Sequenzierung. Für eine hohe Genauigkeit sind folgende Schritte entscheidend:
1. Reads und Alignment
- Die Sequenzierungsdaten werden an einem Referenzgenom ausgerichtet.
- Eine hohe Sequenzierungstiefe (Coverage) erhöht die Verlässlichkeit der VAF-Berechnung.
2. Filterung und Analyse
- Reads geringer Qualität werden aus der Analyse ausgeschlossen.
- Für die VAF-Berechnung wird die Anzahl sowohl der mutierten als auch der Wildtyp-Allele bestimmt.
Ein konkretes Beispiel: BRCA1-Mutation
Im Tumorgewebe eines Patienten wurde eine Mutation im BRCA1-Gen nachgewiesen:
- Gesamtzahl der Reads: 2000
- Anzahl der Reads mit dem mutierten Allel: 800
Einordnung dieses Ergebnisses
- VAF = 40%: Hier liegt wahrscheinlich eine heterozygote Keimbahnmutation vor.
- Um den Verdacht auf eine Keimbahnmutation zu bestätigen, ist eine Keimbahntestung an einer Blut- oder Speichelprobe erforderlich.
Einschränkungen und weitere Faktoren
1. Tumorheterogenität
- Aufgrund der zellulären Heterogenität eines Tumors liefern VAF-Werte nicht immer eine eindeutige Aussage.
2. Mosaizismus
- Bei Mosaizismus können niedrige VAF-Werte irreführend sein.
3. Technische Grenzen
- Sequenzierungsfehler oder eine geringe Sequenzierungstiefe können die Genauigkeit der VAF-Analyse beeinträchtigen.
Fazit: Die Bedeutung der VAF
Die Variantenallelfrequenz ist entscheidend, um die biologische Bedeutung genetischer Varianten zu verstehen. Sie wird in zahlreichen Bereichen von der Krebsbiologie bis zu genetischen Erkrankungen eingesetzt und bietet eine wichtige Orientierung für Diagnose und Behandlung. Zur Unterstützung einer VAF-Analyse müssen jedoch zusätzliche Tests und der klinische Zusammenhang berücksichtigt werden.
Dieser Beitrag soll Gesundheitsfachkräften und Forschern einen umfassenden Überblick geben, die die Bedeutung genetischer Analysen und die klinischen Anwendungen der VAF verstehen möchten.
Quellen
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3. Malcikova, J., Pavlova, S., Baliakas, P., Chatzikonstantinou, T., Tausch, E., Catherwood, M., Rossi, D., Soussi, T., Tichy, B., Kater, A. P., Niemann, C. U., Davi, F., Gaidano, G., Stilgenbauer, S., Rosenquist, R., Stamatopoulos, K., Ghia, P., & Pospisilova, S. (2024). ERIC recommendations for TP53 mutation analysis in chronic lymphocytic leukemia—2024 update. Leukemia, 38, 1455–1468. https://doi.org/10.1038/s41375-024-02267-x
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