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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Die digitale Kluft bei Krebspatienten: Das eigentliche Problem ist der Zugang, nicht die Nutzung

Die digitale Kluft bei Krebspatienten: Das eigentliche Problem ist der Zugang, nicht die Nutzung
In diesem Artikel
JCO ONCOLOGY PRACTICE • 19. NOVEMBER 2025

Der schwierige erste Schritt auf dem digitalen Weg von Krebspatienten

Wie nutzen besonders vulnerable Patienten digitale Gesundheitssysteme? Liegt die Hürde bei der „Nutzung“ oder schon beim „Zugang“?

In der onkologischen Praxis vollzieht sich ein stiller, aber grundlegender Wandel: Krebsbehandlungen verlagern sich zunehmend von den Infusionsstationen der Krankenhäuser in das Zuhause der Patienten und von der intravenösen Verabreichung hin zu oral einzunehmenden zielgerichteten Medikamenten . Diese Ära der „Behandlung zu Hause“ bietet Patienten viel Komfort und Freiheit, schafft für die behandelnden Fachkräfte jedoch einen neuen blinden Fleck.

Orale Krebsmedikamente erfordern eine hohe Therapietreue und eine engmaschige Überwachung der Symptome. Nimmt der Patient sein Medikament ein? Kann er seinen Arzt sofort erreichen, wenn Nebenwirkungen auftreten? Hier werden Patientenportale (digitale Gesundheitsakten) zu einer Notwendigkeit für die Sicherheit. Doch ist die Technologie für alle Patienten gleichermaßen zugänglich?

Am 19. November 2025 erschien in der angesehenen Fachzeitschrift der American Society of Clinical Oncology, JCO Oncology Practice, eine von Dr. Yenong Cao geleitete Untersuchung, die genau dieses Problem aufgreift. Anhand von Daten zeigt sie, wie Patientengruppen, die als „vulnerabel“ bezeichnet werden, Gefahr laufen, von diesem digitalen Bestandteil der modernen Krebsversorgung ausgeschlossen zu werden.

Studiendesign und Methodik

Diese retrospektive (rückblickende) Analyse am Tufts Medical Center in Boston untersuchte das digitale Verhalten von Patienten, die neu mit einer oralen Krebstherapie begannen. Die Einzelheiten der Studie:

  • Stichprobe: Untersucht wurden Personen, die zwischen Oktober 2022 und März 2024 eine orale onkologische Therapie begannen; die Stichprobe umfasste 280 Patienten .
  • Analysekriterien: Die Forschenden bewerteten die Kennzahlen „aktive Nutzung“ (mindestens eine Nachricht gesendet) und „bedeutsame Nutzung“ (gegenseitiger Nachrichtenaustausch zwischen Patient und Behandelnden).
  • Analyse der Stellvertretung (Proxy): Anhand englischsprachiger Nachrichten von Patienten ohne Englischkenntnisse oder durch die Prüfung der Nachrichteninhalte wurde ermittelt, ob der Patient selbst oder ein Angehöriger das Portal nutzte.

Kriterien für „vulnerable“ Patienten

56% der Studienpopulation erfüllten mindestens eines der folgenden Kriterien:

👴🏻
Alter ab 75 Jahren
(20%)
🗣️
Keine Englischkenntnisse
(Sprachbarriere 26%)
🏥
Krankenversicherung für Menschen mit geringem Einkommen
(Medicaid 30%)

1. Problem: Die Registrierung im System (der erste Zugang)

Den Studienergebnissen zufolge registrierten sich vulnerable Patienten deutlich seltener erstmals im System. Die statistischen Analysen zeigten, dass weniger das Alter oder der Versicherungsstatus als vielmehr die Sprachbarriere das größte Hindernis darstellte.

Nicht vulnerable Patienten
87% registriert
Vulnerable Patienten
64% registriert
🚨 Statistische Signifikanz: Die Wahrscheinlichkeit einer Registrierung war bei Patienten ohne Englischkenntnisse gegenüber anderen Patienten erheblich geringer (Odds Ratio: 0.27; p < .0001).

Ein überraschender und ermutigender Befund

Der entscheidende Punkt: Sobald vulnerable Patienten sich registriert und diese Hürde überwunden hatten, waren ihre Nutzungsgewohnheiten und ihr bedeutsamer Austausch über das Portal mit denen anderer Patienten vergleichbar. 31% der registrierten Patienten nutzten das Portal gezielt zur Kommunikation über ihre oralen Medikamente.

Stille Helfer: Stellvertretende Nutzer (Familie/Begleitpersonen)

Patienten mit Sprachbarrieren und ältere Menschen erhalten bei der Nutzung der Technologie viel Unterstützung durch Familienmitglieder (Proxys/Stellvertretende). Diese Daten belegen, dass fehlende digitale Kompetenz durch soziale Unterstützung ausgeglichen wird.

👤
2.8%
Bei sonstigen Patienten
Nutzung durch eine andere Person
👥
17%
Bei vulnerablen Patienten
Nutzung durch eine andere Person

👨‍⚕️ Kommentar der DROZDOGAN Akademie:

Aus Sicht der Gesundheitsinformatik sagt uns diese Studie: Die Entwicklung einer Technologie allein reicht nicht aus. Wir müssen Patienten auch Unterstützung bei der „digitalen Orientierung“ bieten, damit sie den Einstieg finden.

Besonders bei unseren Patienten über 75 Jahren oder mit sprachlichen Schwierigkeiten liegt ein Schlüssel zu besserer Therapietreue darin, neben den Patienten auch ihre Angehörigen (Kinder und Enkelkinder) in das System einzubeziehen. Wenn digitale Angebote „zugänglich“ sind, können selbst besonders vulnerable Patienten sie kompetent nutzen.


Quelle: Cao Y, Bate Baiyee MN, Ching J, et al. Epic Patient Portal Adoption Among Vulnerable Oncology Patients in the Era of Oral Anticancer Medications. JCO Oncol Pract. Published online November 19, 2025. doi:10.1200/OP-25-00630 Link zum Artikel

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