Kardiovaskuläres Risiko bei Prostatakrebs: ADT nach dem Herzrisiko auswählen

In diesem Artikel
Das Herzgesundheitsparadox der ADT: Agonisten oder Antagonisten?
Die entscheidende Wahl für das Überleben bei Prostatakrebs
Einleitung: Warum reicht es nicht, sich nur auf den Krebs zu konzentrieren?
Bei fortgeschrittenem Prostatakrebs ist die Unterdrückung von Testosteron (Androgendeprivationstherapie — ADT) unverzichtbar. Klinische Studien zeigen jedoch, dass ein erheblicher Teil dieser Patienten an kardiovaskulären Ereignissen statt am Prostatakrebs stirbt. Damit rückte die „kardiovaskuläre Toxizität der ADT“ in den Mittelpunkt, die eine Zusammenarbeit von Onkologie und Kardiologie, die Kardioonkologie, erforderlich macht.
Obwohl die Testosteronunterdrückung im Kampf gegen Prostatakrebs lebenswichtig ist, verbirgt die Kehrseite ein Risiko, das Patienten schneller als der Krebs bedrohen kann: Kardiovaskulärer Tod. In der heutigen Onkologie wird die Wahl der Androgendeprivationstherapie (ADT) nicht mehr nur der Tumorkontrolle, sondern auch dem Schutz des Herzrhythmus gleichgesetzt. Die umfangreiche HERO-Studie und aktuelle klinische Daten belegen, dass im Gegensatz zu klassischen GnRH-Agonisten die direkt rezeptorblockierenden GnRH-Antagonisten das Risiko schwerer Herzinfarkte und Schlaganfälle um mehr als 54% senken und damit einen neuen „herzorientierten“ Standard beim Prostatakrebsmanagement setzen.
Die Studien im Detail: HERO und weitere Evidenz
Studien der letzten Jahre untersuchten die Überlegenheit von **GnRH-Antagonisten** (beispielsweise Relugolix, Degarelix) gegenüber klassischen **GnRH-Agonisten** (beispielsweise Leuprolid, Goserelin).
Die HERO-Studie (Phase 3)
Diese große Studie verglich Relugolix, einen oralen Antagonisten, mit Leuprolid und umfasste mehr als 900 Patienten. Die Ergebnisse waren eindrucksvoll:
- MACE-Rate (schwere unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse): Sie lag in der Relugolix-Gruppe bei 2.9% und in der Leuprolid-Gruppe bei 6.2%.
- Hochrisikogruppen: Bei Patienten mit früherem Herzinfarkt oder Schlaganfall stieg die Risikoreduktion von 54% auf bis zu 80% .
54% Rückgang
Die deutliche Verringerung schwerer kardialer Ereignisse im Antagonistenarm.
90 Tage
Zeit bis zur Normalisierung des Testosterons nach Therapieende (bei Agonisten kann dies 6-9 Monate dauern).
Biologische Unterschiede: Warum ist der Antagonist sicherer?
Fachleute führen diesen Sicherheitsunterschied auf drei grundlegende biologische Mechanismen zurück:
1. Plaquestabilität: GnRH-Rezeptoren finden sich auf Makrophagen und T-Zellen in der Gefäßwand. Agonisten können durch Stimulation dieser Rezeptoren Entzündungen und Rupturen von Gefäßplaques auslösen, was einen Herzinfarkt begünstigt. Antagonisten blockieren die Rezeptoren direkt.
2. Die Rolle des Hormons FSH: GnRH-Antagonisten unterdrücken FSH (follikelstimulierendes Hormon), dessen Rezeptoren in der Herzgefäßwand vorkommen, viel stärker und schneller als Agonisten. Hohe FSH-Werte wurden mit Arteriosklerose in Verbindung gebracht.
3. Der „Testosteron-Flare“-Effekt: Agonisten lassen Testosteron zu Behandlungsbeginn vorübergehend ansteigen. Diese Schwankung kann den Stoffwechsel und das Herz plötzlich belasten.
Klinische Empfehlungen: Welcher Patient sollte welches Medikament erhalten?
Die Expertendiskussionen auf Medscape empfehlen eine Behandlung nach der Risikobewertung:
- Hochrisikopatienten: Bei bekannter koronarer Herzkrankheit, früherem Schlaganfall oder unkontrolliertem Diabetes sollten GnRH-Antagonisten vorrangig gewählt werden.
- Patienten mit niedrigem Risiko: Bei jungen Patienten ohne kardiovaskuläre Risikofaktoren bleiben Agonisten eine Option. Zu berücksichtigen sind jedoch Lebensqualität und der Wunsch nach rascher Testosteronerholung bei intermittierender Behandlung.
Unsere onkologische Praxis folgt heute nicht mehr nur dem Ziel, „den Krebs zu besiegen“, sondern „den Patienten als Ganzes zu schützen“. Bei Prostatakrebs sollten wir die ADT nicht allein nach der onkologischen Wirksamkeit wählen, sondern EKG und kardiales Risikoprofil einbeziehen. Die HERO-Daten zeigen: Die richtige Arzneimittelwahl kann einen ebenso lebenswichtigen Überlebensvorteil bringen wie die Krebsbehandlung selbst.
1. Shore ND, et al. HERO Study Group. Relugolix for Advanced Prostate Cancer. N Engl J Med. 2020.
2. Lopes RD, et al. PRONOUNCE Trial: Randomized Trial of Degarelix vs Leuprolide. Circulation 2021.
3. Medscape Cardiology - Oncology Interface Analysis (2026).
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