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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Magenschutzmittel können beim Glioblastom die Überlebenszeit beeinträchtigen

Magenschutzmittel können beim Glioblastom die Überlebenszeit beeinträchtigen
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Übersehene Gefahr bei der Glioblastombehandlung: Können „harmlose“ Magenschutzmittel (PPI) das Leben verkürzen?

Bei Patienten mit der aggressiven Hirntumorform Glioblastom (GBM) ist Kortison (Steroidtherapie) ein unverzichtbarer Standard, um tumorbedingte Schwellung und Druck zu verringern. Um den Magen vor den schädlichen Kortisonwirkungen zu schützen, erhalten jedoch fast alle Patienten automatisch „Magenschutzmittel“ (Protonenpumpenhemmer – PPI). In der Onkologie ist dies eine kaum hinterfragte Routine.

Was aber, wenn diese Medikamente zum Schutz der Patienten in Wirklichkeit den Tumor schützen?

Eine am 25. November 2025 in JAMA Network Openveröffentlichte große Metaanalyse mit rund 3000 Patienten bestätigt diese beunruhigende Möglichkeit. Sie zeigte, dass bestimmte Magenschutzmittel wie Omeprazol und Pantoprazol bei Glioblastompatienten sowohl das Fortschreiten beschleunigen als auch die Gesamtüberlebenszeit verkürzen. Der Beitrag legt nahe, unsere Verordnungen genauer zu prüfen.

Klinisches Glossar: Das sollten Sie wissen
PPI (Protonenpumpenhemmer): Die am stärksten magensäurehemmende Arzneimittelgruppe (z. B. Omeprazol, Pantoprazol, Lansoprazol). Umgangssprachlich als „Magenschutz“ bekannt.
PA-PPI (PPI mit starker ALDH1A1-Aktivierung): Die besondere PPI-Gruppe, die in dieser Studie mit dem Risiko verbunden war. Dazu gehören insbesondere Omeprazol und Pantoprazol . Diese Medikamente aktivieren das Enzym ALDH1A1, das Tumorzellen schützt.
ALDH1A1 (Aldehyddehydrogenase 1A1): Ein „Schutzschild“-Protein in Krebszellen, das vor oxidativem Stress und Chemotherapie schützt. Je aktiver es ist, desto resistenter ist der Tumor gegen die Behandlung.
H2-Blocker und Antazida: Ältere säurereduzierende Medikamente, die nicht zu den PPI gehören (z. B. Famotidin). In der Studie erwiesen sie sich als sicher.

Mechanismus: Wie schützt ein Magenmedikament einen Hirntumor?

Dieser Zusammenhang beruht auf einer molekularen Wechselwirkung unabhängig von der Wirkung des Medikaments im Magen.

Der „Trojanisches-Pferd“-Effekt: Krebszellen schützen sich vor dem toxischen Milieu der Chemotherapie (Temozolomid) mithilfe des Enzyms ALDH1A1 . Manche PPI (Omeprazol, Pantoprazol) machen dieses Enzym aufgrund ihrer chemischen Struktur „überaktiv“. Das Medikament, das wir zum Schutz vor Magenblutungen verabreichen, verstärkt somit den Schutzschild der Krebszelle gegen die Chemotherapie.

Einzelheiten der Untersuchung: Große Analyse mit 3000 Patienten

Das Team um Dr. Emilie Le Rhun von der Universität Zürich untersuchte einzeln die Daten von 5 großen randomisierten klinischen Studien mit insgesamt 2981 neu diagnostizierten Glioblastompatienten. Medikamenteneinnahme und Überleben wurden mit der präzisen Methode der „Landmark-Analyse“ verglichen.

  • Patientengruppe: Medianes Alter 58 Jahre, 62 % männlich.
  • Medikamente: Die Patienten wurden nach „starken ALDH-Aktivatoren“ (Omeprazol/Pantoprazol) und „anderen Magenmedikamenten“ (H2-Blocker/Antazida) eingeteilt.
  • Zeitpunkt: Die Arzneimittelwirkung wurde zu Therapiebeginn, während der Behandlung und in der Erhaltungsphase getrennt erfasst.

Analyseergebnisse: PPI-Einnahme schafft Risiken

Die folgenden Werte zeigen, um wie viel höher das Risiko mit PPI gegenüber einer Behandlung ohne PPI ist.

Risiko des Fortschreitens der Erkrankung (PFS) Anstieg um bis zu 31 %
HR: 1.31
Bei PPI-Einnahme im 6. Behandlungsmonat war das Progressionsrisiko deutlich erhöht.
Sterberisiko (Gesamtüberleben) Anstieg um bis zu 34 %
HR: 1.34
PPI-Einnahme zu Therapiebeginn beeinträchtigt die Gesamtüberlebenszeit.
Gute Nachricht: Bei Patienten mit anderen säurehemmenden Mitteln (Famotidin, Rennie u. a.) wurde dieser ungünstige Effekt nicht beobachtet. Das Ergebnis ist zudem unabhängig vom MGMT-Status des Tumors (methyliert oder unmethyliert) und gilt somit für jede Patientengruppe.

Orientierung für Ärzte und Patienten

Die Botschaft der Studie ist klar: „Keine möglicherweise schädliche Option verwenden, wenn vermutlich unschädliche Alternativen verfügbar sind.“

Was vermieden werden sollte: Bei Glioblastompatienten sollten insbesondere während einer Kortisonbehandlung routinemäßig eingesetzte „starke“ Magenschutzmittel mit Omeprazol oder Pantoprazol vermieden werden.
Was bevorzugt werden sollte: Ist Magenschutz erforderlich, sollten das ALDH-Enzym nicht aktivierende H2-Rezeptorblocker (etwa Famotidin) oder einfache antazide Säfte/Tabletten erste Wahl sein. Sie schützen den Magen, ohne die Krebstherapie zu „behindern“.
Kommentar der DROZDOGAN Akademie

Manchmal entstehen die größten medizinischen Fortschritte durch das Erkennen eines Fehlers statt durch die Entdeckung eines Medikaments. Diese Studie stellt onkologische Gewohnheiten infrage. Es ist erschütternd zu sehen, dass Medikamente, die wir seit Jahren zum Schutz vor Magenblutungen geben, möglicherweise den wichtigsten Kampf unserer Patienten gegen den Tumor beeinträchtigen.

Die Lösung ist jedoch einfach: Das Medikament wechseln. Wir verzichten nicht auf Magenschutz, sondern wechseln den Wirkstoff. Der Umstieg von Omeprazol auf Alternativen wie Famotidin ist eine einfache, kostenneutrale, aber lebenswichtige Maßnahme, die Patienten Monate an Lebenszeit schenken könnte.

Angesichts dieser Daten sollten wir bei der Glioblastombehandlung den „Autopiloten“ unserer Verordnungen abschalten und vor jedem Medikament fragen: „Ist es Freund oder Feind des Tumors?“

Quelle:
  1. Le Rhun E, Sain D, Erridge SC, et al. Proton Pump Inhibitor Use and Survival in Patients With Newly Diagnosed Glioblastoma: A Secondary Analysis of Randomized Clinical Trials. JAMA Network Open. 2025;8(11):e2545578. Published November 25, 2025.
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