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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Mehrkrebs-Früherkennung per Bluttest: Aktueller Stand, wissenschaftliche Fakten und Unsicherheiten

Mehrkrebs-Früherkennung per Bluttest: Aktueller Stand, wissenschaftliche Fakten und Unsicherheiten
In diesem Artikel

Mehrkrebs-Früherkennung per Bluttest

Früherkennunggehört zu den entscheidenden Faktoren für Lebenszeit und Behandlungserfolg bei Krebs. Die in den letzten Jahren entwickelten Multikrebs-Detektionstests (Multicancer Detection, MCD)sollen anhand einer einzigen Blutprobe mehrere Krebsarten erkennen. Eine am 16. September 2025in Annals of Internal Medicineveröffentlichte umfassende systematische Übersichtsarbeitbeleuchtet Nutzen, Genauigkeit und mögliche Schädendieser Tests. Das Ergebnis: Für routinemäßige Früherkennung sind sie noch nicht bereit.

🔬 Wie funktionieren diese Tests?

MCD-Tests analysieren im Blut tumorbedingte Biomarker :

  • Zellfreie DNA (cfDNA) und Methylierungs- Signaturen
  • Protein- und Metaboliten- Panels
  • Genomsequenzierung und zur Auswertung Hunderter Marker maschinelles Lernen

Das Testergebnis lautet meist „Krebssignal vorhanden/nicht vorhanden“ . Bei positivem Ergebnis wird durch weitere Untersuchungen festgestellt, welches Organ oder welche Krebsart betroffen ist. Das Risiko falsch positiver Ergebnisse kann dabei zu unnötiger Bildgebung und invasiven Eingriffen führen.

📊 Die Übersichtsarbeit in Zahlen (20 Studien, 109.177 Personen)

Insgesamt wurden 19 verschiedene Tests untersucht. Die Genauigkeitsmaße schwankten stark:

Maß Bereich Einordnung
Sensitivität 0.095 – 0.998 Bei manchen Tests hoch; bei anderen nahe am Zufallsniveau .
Spezifität 0.657 – 1.0 Das Risiko falsch positiver Ergebnisse variiert je nach Test.
AUC 0.52 – 1.0 Die Leistungsfähigkeit ist sehr unterschiedlich; nicht jeder Test ist gleich.

Wichtige Differenzierung: In der tatsächlichen Früherkennung ähnlichen prädiagnostischen Studien sind Sensitivität/AUC niedriger. Die hohe Genauigkeit in Fall-Kontroll- Studien mit bereits diagnostizierten Krebspatienten lässt sich auf die Früherkennung daher nicht verallgemeinern.

⚠️ Warum noch keine routinemäßige Früherkennung?

  • Kein Nutzennachweis: Bisher hat keine kontrollierte Studie gezeigt, dass MCD-Früherkennung die Sterblichkeit senkt .
  • Niedriger PPV: Der positive Vorhersagewert liegt häufig unter 50 % → ein erheblicher Teil positiver Ergebnisse bedeutet keinen Krebs.
  • Risiko der Verdrängung etablierter Früherkennung: Ein negatives MCD-Ergebnis könnte dazu führen, dass Mammografie/Darmkrebsfrüherkennung und andere Standarduntersuchungen vernachlässigt werden.
  • Regulatorischer Status: Keine FDA-Zulassung; einige Tests sind nur als laborentwickelte Tests (LDT) verfügbar.

🧩 Mögliche Schäden und Folgen für die Praxis

  • Falsch positiv → unnötige Bildgebung, Biopsie, Kosten und Ängste
  • Falsch negativ → falsche Sicherheit und verzögerte Diagnose
  • Belastung des Gesundheitssystems → bei mehr als der Hälfte positiver Befunde könnte kein Krebs vorliegen

Zu Teilnahme an etablierter Früherkennung nach MCD sowie Komplikationen der diagnostischen Abklärung fand die Übersichtsarbeit nur begrenzte Daten . Laufende Studien sollen diese Fragen klären.

🧭 Klinischer Leitfaden: Wie derzeit vorgehen?

  1. Etablierte Früherkennung fortsetzen: Alters- und risikogerechte Mammografie, Darm- und Gebärmutterhalskrebsfrüherkennung usw. haben weiterhin oberste Priorität .
  2. Gemeinsame Entscheidungsfindung: Mit Menschen, die einen MCD-Test erwägen, offen über PPV/NPV, Fehlbefunde, Nachuntersuchungsaufwand und das Verhältnis von Nutzen und Unsicherheit sprechen.
  3. Zielgruppe unklar: Selbst bei hohem familiärem/erblichem Risiko ist bislang keine evidenzbasierte Rolle von MCD definiert.
  4. Experimenteller Rahmen: Wenn möglich, im Rahmen einer klinischen Studie prüfen; ansonsten keine routinemäßige Empfehlung.

❓ Häufige Fragen

Der Test war negativ. Kann ich beruhigt sein? — Teilweise. Der NPV ist meist hoch; MCD erfasst aber nicht alle Krebsarten. Alters- und risikogerechte Standardfrüherkennung muss unbedingt fortgesetzt werden.

Der Test war positiv. Ist das sicher Krebs? — Nein. Bei vielen Tests liegt der PPV unter 50 %. Zusätzliche Bildgebung und gegebenenfalls Biopsie müssen den Befund bestätigen; die Wahrscheinlichkeit eines falsch positiven Ergebnisses ist hoch.

Ersetzen diese Tests die etablierten Früherkennungsuntersuchungen? — Nein. MCD könnte Mammografie, Darm- und Gebärmutterhalskrebsfrüherkennung nicht ersetzen, sondern bestenfalls künftig ergänzen . Ein Ersatz wird derzeit nicht empfohlen.

Wer könnte darüber nachdenken? — Menschen mit großen Sorgen oder Interesse an Forschung könnten einen Test im Rahmen einer klinischen Studie erwägen. Selbst bei hohem familiärem Risiko reicht die Evidenz für Routineanwendungnicht aus.

Wie steht es um FDA-Zulassung und Verfügbarkeit? — Es gibt keine FDA-Zulassung. Einige Tests werden lediglich als laborentwickelte Tests (LDT) angeboten; ihre Leistungsfähigkeit zur Früherkennung ist nicht nachgewiesen.

Laufen weitere Studien? — Ja. Große kontrollierte Studien laufen. Ihre Ergebnisse werden benötigt, um eine Senkung der Sterblichkeit und andere tatsächliche Vorteile beurteilen zu können.

📚 Quelle

  1. Kahwati LC, Avenarius M, Brouwer L, et al. Multicancer Detection Tests for Screening: A Systematic Review. Annals of Internal Medicine. 16 September 2025. doi: 10.7326/ANNALS-25-01877
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Drozdogan-Assistent

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