Überlebensratgeber für die medizinische Laufbahn: Müssen wir mit Haien schwimmen?

In diesem Artikel
Eine stille Krise in der Medizin
Die Medizin gilt als Treffpunkt idealistischer Menschen, die anderen helfen wollen. Hinter den Kulissen bestehen jedoch ernste strukturelle Probleme: belastende Arbeitsumfelder, Mobbingkultur und systemische Gleichgültigkeit. Besonders während der ärztlichen Weiterbildung kann dieses Klima zu Burnout und sogar tragischen Folgen führen. Ein ungewöhnlicher Text, der diese Wirklichkeit in einer eindringlichen Metapher beschreibt, ist in der Ärzteschaft inzwischen legendär.
Eine Metapher vom 19. Jahrhundert bis 2025: Mit Haien schwimmen
Die Medizin ist voller angehender Ärztinnen und Ärzte, die das Leben anderer verbessern möchten. Der Weg kann jedoch äußerst schwierig und zermürbend sein. Bemerkenswert ist, dass ein angeblich fast zwei Jahrhunderte alter Text diese Wirklichkeit noch heute genau zu beschreiben scheint.
Anfang des 19. Jahrhunderts soll ein geheimnisvoller französischer Autor unter dem Namen „Voltaire Cousteau“ den Text „Wie man mit Haien schwimmt: Eine Einführung (How to Swim with Sharks: A Primer)“ verfasst haben. Vordergründig war dies ein Überlebensratgeber für Schwammtaucher. Zwischen den Zeilen zeigt sich jedoch eine feine Satire über den Umgang mit schädigendem Verhalten anderer Menschen.
Der tatsächliche Ursprung ist nicht vollständig geklärt. Dass Richard Johns, Gründer der Abteilung für Biomedizintechnik an der Johns Hopkins University, den Text 1974 als Tischrede vortrug, trug zu seiner Verbreitung in akademischen Kreisen bei. Einige Quellen nennen Johns sogar als eigentlichen Autor. Es könnte sich also um ein Dokument aus den frühen 1800er-Jahren oder um eine geschickte Fiktion handeln, die den damaligen Zeitgeist aufgreift.
Heute kursiert diese Metapher besonders an medizinischen Fakultäten als eine Art kultureller Leitfaden. An vielen US-amerikanischen Hochschulen begegnen Studierende dem Text schon zu Beginn ihrer Ausbildung. In einem Meer voller Haie zu schwimmen, also in einem aggressiven, empathielosen und schädigenden System zu bestehen, wird für junge Ärztinnen und Ärzte zu einer prägenden Wirklichkeit.
Wie zutreffend ist die Metapher heute noch? Und vor allem: Warum müssen wir weiterhin mit Haien schwimmen?
Anatomie einer Metapher
Das Bild ist eindeutig: Die „Haie“ stehen für erfahrene Ärztinnen und Ärzte, die „Schwimmenden“ für Weiterzubildende und junge Mediziner. Bereits der erste Satz fasst die Lage zusammen:
“Niemand möchte mit Haien schwimmen. Es ist weder eine anerkannte Sportart noch eine unterhaltsame oder aufregende Erfahrung.”
Der so beginnende Text ist ein ironischer Leitfaden für den Umgang mit schädigenden Menschen. Bekannt ist, dass er an der UPenn Perelman School of Medicine, einer der angesehensten medizinischen Fakultäten der USA, an neue Studierende verteilt wird.
Kulturelles Trauma: Ist ein schädigendes Klima ein Ausbildungsinstrument?
Diese Metapher kann eher zerstörerisch als stärkend wirken. Die Betonung von Belastbarkeit in der ärztlichen Weiterbildung dient häufig nicht der persönlichen Entwicklung, sondern dem Fortbestand des problematischen Systems. Der Druck, sich abzuhärten, prägt später auch das Berufsleben. Denn wir lernen, Verletzlichkeit nicht bloß zu verbergen, sondern sie zu leugnen. Leider kann dies einen sehr hohen Preis haben.
Im Laufe meiner Karriere habe ich erlebt, wie viele junge Ärztinnen und Ärzte wegen dieser Kultur still verstummten oder psychisch zusammenbrachen. Manchmal endet dies sogar tragisch. Niemand möchte mit Haien schwimmen, doch im Meer der Medizin glauben wir, keine andere Wahl zu haben.
Die gefährliche Seite der Forderung „Du musst hart sein“
Als ich diesen Beruf begann, lautete eine der ersten Regeln: „Leg dir ein dickes Fell zu.“ Kritik, Druck und manchmal sogar Beleidigungen galten nahezu als selbstverständlich. Mit der Zeit erkannte ich darin keine Warnung, sondern die Hinnahme des Zustands: „Hier läuft es so, du musst dich ändern.“
Schädigendes Verhalten hinzunehmen beseitigt es jedoch nicht, sondern erhält das System. Wer Kritik übt, hört häufig: „Du übertreibst“, „Du bist zu empfindlich“ oder „Spiel nicht das Opfer“.
Schädigendes Verhalten, Schweigekultur und Mikroaggressionen
Nach Angaben der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) haben sich Meldungen über Belästigung am Arbeitsplatz im Gesundheitswesen seit 2018 verdoppelt. Das Spektrum reicht von verbalen Angriffen bis zu offenem Mobbing. Nach der Pandemie hat sich das Problem weiter verschärft.
Manchmal zeigt es sich in Mikroaggressionen. Pflegekräfte, technisches Personal oder Kollegen richten ihren Frust über das System gegen andere, indem sie deren Arbeit erschweren. Vieles geschieht nicht offen, ist aber spürbar. Diese Belastungen schaden langfristig vor allem Menschen, nicht Institutionen.
“Wenn Ressourcen knapper werden und der Stress steigt, hören Menschen nicht nur auf, einander zu helfen. Manchmal bemühen sie sich sogar, anderen die Arbeit weiter zu erschweren.”
Unhöflichkeit unter Gleichgestellten: Eine neue Form des Mobbings
Ein dafür verwendeter Begriff ist „Lateral Incivility“, also Unhöflichkeit unter Gleichgestellten. Anders als offenes Mobbing äußert sie sich meist in stillen, passiv-aggressiven Haltungen unter Kollegen. Beispielsweise verzögert eine Pflegekraft Abläufe, um ärztliche Arbeit zu erschweren, oder ein Chirurg gibt den Stress im Operationssaal an das Assistenzpersonal weiter.
Nicht selbst bluten: Seelische Gesundheit und Selbstwahrnehmung
Ein Satz des Textes ist besonders eindringlich:
“Wenn Sie verletzt sind, dürfen Sie niemals bluten. Der Blutgeruch lockt die Haie zu Ihnen.”
Die Metapher betont, keine emotionale Schwäche zu zeigen. Das ist jedoch keine gesunde Lösung: Unterdrückte Gefühle kehren mit der Zeit als Wut, Burnout und Depression zurück.
Ärztinnen und Ärzte lernen meist die Versorgung anderer, aber nicht die Beobachtung ihrer eigenen emotionalen Prozesse. Langfristig kann daraus eine ernste psychische Gesundheitskrise entstehen.
Wo muss Veränderung beginnen?
Eine institutionelle Kultur lässt sich nicht allein durch individuelle Anstrengungen verändern. Führungskräfte müssen eine klare und entschlossene Haltung zeigen. Eine Politik gegen schädigendes Verhalten muss nicht nur verkündet, sondern gelebt werden.
Wenn der Wandel jedoch nicht von oben kommt, müssen wir unten beginnen. Wie wir täglich zur Arbeit kommen, mit Kollegen umgehen oder mit der Frage „Geht es dir gut?“ auf jemanden zugehen, kann diese Kette durchbrechen.
Wenn die Führung ihre Beschäftigten nicht schützt, führt dies rasch zu Burnout und großer Enttäuschung.
Fazit: Müssen wir mit Haien schwimmen?
So eindrucksvoll Voltaire Cousteaus Metapher ist: Dass wir auch 2025 noch mit Haien schwimmen müssen, zeigt den fehlenden Systemwandel. Echte Veränderung erfordert nicht nur persönliche Widerstandskraft, sondern institutionellen Mut.
Dabei sollte sich jede im Gesundheitswesen tätige Person fragen: “Wie bin ich heute zur Arbeit gekommen? Begegne ich anderen respektvoll? Behandle ich andere schlecht, wenn ich selbst schlecht behandelt werde?”
Letztlich können wir nur unsere eigene Haltung kontrollieren. Vielleicht kündigen gerade diese kleinen Veränderungen größere Wellen an.
Quellen
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