Was sind dMMR und MSI-H? Bedeutung im Pathologiebefund und Folgen für die Krebsbehandlung

In diesem Artikel
Was bedeutet dMMR oder MSI-H in Ihrem Befund?
Diese Begriffe sind entscheidende biologische Fingerabdrücke. Sie zeigen neben der Bezeichnung des Tumors auch seinen Charakter, seine Schwachstellen und seine Beziehung zum Immunsystem auf. Sie dienen als Kompass für Ihren Behandlungsweg.
1. Biologischer Mechanismus: die Rechtschreibkontrolle des Körpers
Um die Beziehung dieser Begriffe zu Krebs zu verstehen, müssen wir ins Innere der Zelle schauen. Unsere Körperzellen teilen sich ständig und kopieren dabei jedes Mal die DNA-Bibliothek aus 3 Milliarden Buchstaben.
Bei diesem gewaltigen Kopiervorgang entstehen wie beim schnellen Tippen auf einer Tastatur „Buchstabenfehler“ in Form von Mutationen. Im gesunden Körper gibt es ein „Rechtschreibkontrollteam“, die Reparaturproteine MLH1, MSH2, MSH6 und PMS2, das diese Fehler sofort erkennt und behebt.
Die Begriffe in Ihrem Befund bezeichnen genau hier eine Störung.
dMMR (Ursache)
Defective Mismatch Repair: Das Reparaturteam aus Proteinen fehlt oder funktioniert nicht. Es gibt keinen funktionierenden Reparaturdienst.
MSI-H (Folge)
Microsatellite Instability-High: Ohne Reparatur sammeln sich Tausende Fehler in der DNA an. Die DNA ist instabil.
2. Was kann in Ihrem Befund stehen? Untersuchungsmethoden
A. Immunhistochemie (IHC)
Der Pathologe färbt das Tumorgewebe mit speziellen Farbstoffen und untersucht es mikroskopisch.
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Was wird untersucht? Die 4 wichtigsten Reparaturproteine: MLH1, MSH2, MSH6 und PMS2.
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Normalbefund (MMR-proficient / pMMR): Färben sich die Zellkerne braun, sind die Proteine vorhanden und funktionsfähig. Im Befund steht „nukleäre Expression erhalten“.
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Pathologischer Befund (dMMR): Wenn eine Färbung fehlt,ist das betreffende Protein nicht vorhanden. Im Befund steht „Verlust der nukleären Expression“ (Loss of nuclear expression). Dies weist auf ein defektes Reparatursystem hin (dMMR).
B. PCR oder genetischer Test
Dieser Test erfolgt mit Geräten zur DNA-Analyse statt unter dem Mikroskop.
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Was wird untersucht? Die Länge kurzer, sich wiederholender DNA-Sequenzen, der sogenannten Mikrosatelliten.
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Normalbefund (MSS – stabil): Die Länge der Wiederholungssequenzen ist konstant und unverändert.
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Pathologischer Befund (MSI-H – hohe Instabilität): Wegen der gestörten Reparatur sind die Sequenzen länger oder kürzer geworden. Zeigen im Allgemeinen mindestens 2 von 5 Markern eine solche Verschiebung, wird MSI-H diagnostiziert.
3. Wie verändert dieses Ergebnis die Behandlung?
Die Revolution zielgerichteter Medikamente und der Immuntherapie
MSI-H-Tumoren tragen Tausende Fehler und fallen dem Immunsystem deshalb besonders auf. Zum eigenen Schutz aktiviert der Tumor jedoch einen Bremsmechanismus über PD-L1.
Immuntherapeutika wie Pembrolizumab und Nivolumab lösen diese Bremse. Fällt die Tarnung, greift das Immunsystem den Tumor stark an. Selbst im fortgeschrittenen Stadium ist die Chance auf vollständige Heilung bei diesen Patienten hoch.
Unnötige Chemotherapie vermeiden
Besonders bei Kolonkarzinom im Stadium II ist dies eine wichtige Information. MSI-H-Tumoren reagieren kaum auf die durch Standardchemotherapie mit 5-FU verursachten Schäden.
Deshalb kann Chemotherapie bei MSI-H im Stadium II ohne Nutzen oder sogar schädlich sein. Anhand dieses Tests kann Ihr Arzt Sie vor unnötiger Chemotherapie schützen.
4. Erblich oder erworben? Das Lynch-Syndrom
dMMR im Befund lässt an eine erbliche Ursache, das Lynch-Syndrom, denken. Allerdings ist nicht jede dMMR erblich bedingt.
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🧬Lynch-Syndrom (3-5 %): Die betroffene Person hat das veränderte Gen von Mutter oder Vater geerbt. Neben Darmkrebs steigt das Risiko für Gebärmutter-, Eierstock- und Magenkrebs. Eine Untersuchung der Familie ist erforderlich.
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⏳Sporadisch (10-15 %): Nicht erblich, sondern im Zusammenhang mit dem Altern entstanden. Zur Unterscheidung kann Ihr Arzt einen Test auf BRAF V600E veranlassen. Bei positivem BRAF-Befund ist die Veränderung meist nicht erblich – eine gute Nachricht.
Häufige Fragen
In meinem Befund steht MSS. Ist das schlecht?
Nein. Bei 85 % der Krebserkrankungen ist das so. Es zeigt ein intaktes DNA-Reparatursystem an. Die Standardbehandlungen bleiben für Sie relevant. Sie gehören lediglich nicht zur vorrangigen Zielgruppe einer speziell dMMR-gerichteten Immuntherapie.
Ist für den Test eine weitere Operation nötig?
Meist nicht. IHC oder PCR lassen sich problemlos am vorhandenen Biopsie- oder Operationsgewebe durchführen, das im Pathologielabor aufbewahrt wird.
Bei welchen Krebsarten wird getestet?
Mit der FDA-Zulassung handelt es sich inzwischen um einen „tumorunabhängigen“ Marker. Er kommt am häufigsten bei Darm-, Gebärmutterschleimhaut- und Magenkrebs vor, kann aber bei jeder Krebsart, etwa Brust- oder Prostatakrebs, untersucht werden.
Ist Immuntherapie eine sichere Lösung?
In der Medizin gibt es keine Garantie. Bei MSI-H sind die Ansprechraten auf Immuntherapie mit 40-60 % jedoch hoch. Ein vollständiges Ansprechen, bei dem der Krebs verschwindet, ist deutlich wahrscheinlicher als bei anderen Typen.
Der Kompass für Ihren Behandlungsweg
Ein dMMR- oder MSI-H-Befund eröffnet eine der größten Chancen der modernen Medizin. Er liefert über die Tumorbezeichnung hinaus einen Hinweis darauf, wie die Erkrankung überwunden werden kann. Besprechen Sie bei diesen Begriffen im Befund unbedingt Immuntherapie und genetische Beratung mit Ihrem Onkologen.
- Le, D. T., et al. (2015): "PD-1 Blockade in Tumors with Mismatch-Repair Deficiency." (NEJM).
- André, T., et al. (2020): "Pembrolizumab in Microsatellite-Instability–High Advanced Colorectal Cancer (KEYNOTE-177)." (NEJM).
- NCCN Guidelines (2024): "Genetic/Familial High-Risk Assessment: Colorectal" und "Colon Cancer Guidelines".
- Dudley, J. C., et al. (2016): "Microsatellite Instability in Cancer: Challenges and Opportunities." (Cancer Cell).
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