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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Welche Patientinnen mit frühem Brustkrebs erreichen eher ein pathologisches Ansprechen?

Welche Patientinnen mit frühem Brustkrebs erreichen eher ein pathologisches Ansprechen?
In diesem Artikel

Aktuelle Ergebnisse aus den Versorgungsdaten unseres von mir geleiteten Zentrums

Eine der häufigsten Fragen in unserer klinischen Praxis lautet: „Welche Patientinnen erreichen mit neoadjuvanter systemischer Therapie eine pathologische Komplettremission (pCR) ohne Nachweis eines invasiven Tumors im Operationspräparat?“ Um diese Frage genauer zu beantworten, analysierten wir systematisch die von unserem Facharzt für Medizinische Onkologie Dr. Selami Bayram zusammengestellten Daten. Unsere Ergebnisse veröffentlichten wir am 28. Oktober 2025 in Current Oncology. Hier möchte ich unseren aktuellen wissenschaftlichen Artikel kurz vorstellen.

Überblick – auf einen Blick 📊

  • Design: 2015–2023, monozentrisch, retrospektiv; 200 Patientinnen im Stadium II–III
  • Primärer Endpunkt: pCR (ypT0/is ypN0)
  • pCR insgesamt: 36%
  • pCR nach Subtyp: HER2-positiv 65%, TNBC 56%
  • Unabhängige pCR-Prädiktoren: HER2-Positivität (OR 4.21), Ki-67 > 47.5% (OR 3.62), ER < 10% (OR 2.77), radiologische Komplettremission–CR (OR 10.03)
  • Nachbeobachtung: median 75 Monate
  • pCR und Rezidivrisiko: Bei pCR ist das Rezidivrisiko um 84% niedriger (HR 0.16; p=0.014)
  • 5-Jahres-DFS: pCR (%):91.5 gegenüber ohne pCR (%):72.8

Die wichtigsten Zahlen (Übersichtstabelle)

Indikator Wert
Gesamte pCR-Rate 36%
pCR bei HER2-Positivität 65%
TNBC pCR 56%
Bester Ki-67-Schwellenwert 47.5% (Sensitivität 0.82; Spezifität 0.46)
Einfluss der pCR auf das DFS HR 0.16 (Rezidivrisiko um 84% reduziert)

Was bedeutet das klinisch?

  1. Eine pCR ist ein starkes „frühes Signal“. Insbesondere bei HER2-positiven und TNBC Subtypen erhöht sie deutlich das rezidivfreie Überleben nach 5 Jahren (91.5% gegenüber 72.8%).
  2. Wer erreicht eher eine pCR? HER2-Positivität, ER<10% und Ki-67>47.5% sind unabhängige Marker. Eine radiologische CR ist der stärkste Prädiktor (OR≈10); sie muss bei Entscheidungen zu Operation und Axilla berücksichtigt werden.
  3. Ohne pCR ist das weitere Vorgehen klar. Bei TNBC mit Capecitabin und/oder pembrolizumab, bei HER2-Positivität mit T-DM1und bei HR+/HER2-Negativität mit einer auf das Langzeitrisiko ausgerichteten endokrinen Therapie ± CDK4/6 behandeln.

Was die Zahlen aussagen

  • OR 4.21 (HER2+): Starker klinischer Zusammenhang zwischen Tumorbiologie und pCR.
  • Ki-67-Schwelle 47.5%: Sensitivität 0.82 → Vorteil, „pCR-Kandidatinnen nicht zu übersehen“; die Spezifität von 0.46 zeigt, dass ein kombiniertes Modell (Subtyp + ER + Bildgebung + Ki-67) erforderlich ist.
  • HR 0.16 (DFS): Eine pCR senkt das Rezidivrisiko ungefähr auf 1/6des ursprünglichen Risikos.

Grenzen und Transparenz ⚠️

  • Retrospektiv, monozentrisch; aufgrund des Untersuchungszeitraums (2015–2023) keine neoadjuvante Immuntherapieund nur geringer Platineinsatz.
  • TIL, BRCA, RCB wurden nicht systematisch erfasst; zur Beurteilung des pathologischen Ansprechens wurde Miller–Payne verwendet.

Wie lässt sich das praktisch anwenden?

  • Vor NAST: Bei HER2+, niedrigem ER und hohem Ki-67 ist die pCR-Wahrscheinlichkeit hoch; in der Beratung klar erklären.
  • Zwischenbeurteilung: Bei radiologischer CR die Operations-/Axillastrategie individualisieren.
  • Nach der Operation: Ohne pCR systematisch eine postneoadjuvante Intensivierung erwägen (T-DM1 / Capecitabin / Immunonkologie).
  • Routinemäßige Befundung: Für Ki-67 können 47.5% als pragmatischer Schwellenwert angegeben werden. Er muss im Rahmen eines kombinierten Modellsinterpretiert werden und darf nicht allein stehen.

Zum Schluss

Diese Analyse zeigt, dass die gemeinsame Interpretation der Tumorbiologie (HER2, ER, Proliferation) und des bildgebenden Ansprechens entscheidend für die pCR-Vorhersage ist. Bei Patientinnen ohne pCR ist es für langfristigen Nutzen maßgeblich, die Möglichkeit einer postneoadjuvanten Intensivierung systematisch zu nutzen.

Quelle

Bayram S, Tatli AM, Cakir MO, Ozdogan M. Current Oncology. 2025;32(11):603. doi:10.3390/curroncol32110603

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