Eine VERHÄRTUNG des Darmgewebes könnte bei jungen Menschen ein Vorzeichen von Krebs sein

In diesem Artikel
Während Darmkrebsfälle bei jungen Menschen unter 50 Jahren rasch zunehmen, haben Forschende einen neuen möglichen Verursacher jenseits der Genetik gefunden: biomechanische Verhärtung. Eine neue Studie zeigte, dass bei jungen Patienten sowohl Tumoren als auch normales Gewebe steifer und visköser sind als bei älteren Patienten. Diese physikalische Veränderung könnte ein gefährliches Signal sein, das Krebszellen aktiviert.
Warum nimmt Krebs bei jungen Menschen zu? Wenn die Genetik nicht ausreicht ...
In den vergangenen 30 Jahren stieg die Häufigkeit von Darmkrebs bei Menschen unter 50 Jahren (früh einsetzender Darmkrebs, EO-CRC) jährlich um 0.5 % bis 2.4 %. Bei anhaltendem Trend wird bis 2030 ein Anstieg dieser Rate um 124 % erwartet.
Überraschend ist, dass bei den meisten dieser jungen Patienten keine erbliche Genmutation wie beim Lynch-Syndrom vorliegt. Deshalb konzentrieren sich Forschende zunehmend auf das Exposom, die Gesamtheit der Umweltexpositionen, und auf die dadurch ausgelösten physikalischen Gewebeveränderungen.
Die Forschenden untersuchten Gewebeproben junger Patienten mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren und älterer Patienten mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren biomechanisch. Die Ergebnisse waren eindrucksvoll: Das Gewebe jüngerer Patienten war biologisch stärker fibrotisch, also verhärtet, und mechanisch widerstandsfähiger.
Vergleich anhand von Daten: jung und älter
Die Studie zeigt mit quantitativen Daten, wie sich die Gewebestruktur junger Patienten (EO-CRC) von der älterer Patienten (AO-CRC) unterscheidet.
*Die Grafiken veranschaulichen die Trends der Studiendaten. Bei jungen Patienten (rot) war das Bindegewebe um den Tumor (Stroma) deutlich steifer und stärker geordnet.
Wie funktioniert der Mechanismus? Wie fördert Steifigkeit die Krebsentstehung?
Diese Studie eröffnet der Onkologie einen neuen Blickwinkel: die Mechanobiologie. Neben chemischen Signalen kann auch die physikalische Umgebung einer Zelle die Krebsentstehung fördern.
Der Prozess der Krebsentstehung Schritt für Schritt
Ernährung, Adipositas oder Umweltfaktoren lösen im Darm eine chronische Entzündung aus.
Bei dem Versuch, die Entzündung zu reparieren, produziert der Körper zu viel Kollagen. Das Gewebe verhärtet wie Narbengewebe. Bei jungen Patienten weist das Kollagen eine stärker ausgerichtete und aggressivere Struktur auf.
Die Zellen nehmen diese Steifigkeit wahr. Das intrazelluläre Protein YAP (Yes-Associated Protein) empfängt das Signal des steifen Untergrunds und gelangt in den Zellkern.
Im Zellkern gibt YAP den Befehl zur Teilung und Vermehrung. Selbst ohne genetische Mutation kann allein die Steifigkeit der Umgebung die Zelle in Richtung Krebsentstehung drängen.
Als die Forschenden im Labor die YAP-Aktivität mit dem Medikament Verteporfin hemmten, beobachteten sie, dass sich Krebszellen auch auf steifem Untergrund nicht mehr vermehrten. Dies ist ein großer Hoffnungsschimmer für zukünftige Behandlungen.
Quelle:
Huning, N. C., et al. (2025). Biomechanical Phenotyping Reveals Unique Mechanobiological Signatures of Early-Onset Colorectal Cancer. Advanced Science.
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Die Physik des Krebses ist mindestens so wichtig wie seine Genetik
Liebe Leserinnen und Leser, weshalb ist diese Studie so wichtig? Bei der Zunahme von Krebsfällen unter jungen Menschen betrachteten wir jahrelang vor allem Gentests, die häufig unauffällig ausfielen. Diese Studie zeigt: Selbst bei unauffälligen Genen können die durch den Lebensstil – Ernährung, Bewegungsmangel und Entzündung – ausgelösten physikalischen Gewebeveränderungen Krebs in Gang setzen.
Die als Exposom bezeichneten Umwelteinflüsse lassen die Darmwand gewissermaßen erstarren. Wenn die Zellen spüren, dass sie sich auf einem steifen Untergrund befinden, nehmen sie dies als Bedrohung wahr und beginnen als Abwehrreaktion, sich unkontrolliert zu vermehren.
Vielleicht suchen wir bei einer Koloskopie in naher Zukunft nicht nur nach Polypen, sondern messen auch die Steifigkeit der Darmwand. Eine erhöhte Steifigkeit könnte als biomechanischer Marker gefährdete junge Menschen identifizieren, lange bevor ein Tumor entsteht.