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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Kreatinpräparate bei Krebs: Mehr Muskelkraft oder ein ungewisses Risiko?

Kreatinpräparate bei Krebs: Mehr Muskelkraft oder ein ungewisses Risiko?
In diesem Artikel

Die entscheidende Rolle der Ernährung bei Krebs und die Debatte über Kreatin

Krebs und seine Behandlung können Probleme wie Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Muskelschwund (Kachexie) verursachen, die die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen. Das führende Nahrungsergänzungsmittel im Sport, Kreatin, ist seit vielen Jahren für seine nachgewiesene Fähigkeit bekannt, Muskelmasse und Leistungsfähigkeit zu steigern. Aufgrund dieser ausgeprägten Wirkung wird in der Wissenschaft intensiv untersucht, ob es auch bei krebsbedingtem Muskelabbau und Erschöpfung Hoffnung bieten könnte.

Dass ein Präparat für Sportler nützlich ist, bedeutet jedoch nicht, dass es auch bei einer komplexen Erkrankung wie Krebs sicher und wirksam ist. In diesem Beitrag betrachten wir an der Schnittstelle von medizinischer Onkologie und Ernährungswissenschaft den aktuellen Stellenwert der Kreatineinnahme bei Krebspatienten, die klinischen Daten und die aus Laborstudien hervorgegangenen widersprüchlichen Befunde im Detail. Dieses wichtige Thema hilft sowohl medizinischen Fachkräften bei der Gestaltung von Behandlungsstrategien als auch Patienten dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen.

Was ist Kreatin und warum weckt es Interesse?

Kreatinist eine natürlich im Körper vorkommende und auch als Ergänzung zuführbare, nicht essenzielle Nährstoffverbindung. Es wird hauptsächlich in der Skelettmuskulaturgespeichert und kommt außerdem im Gehirn und im Herz vor. Es wird aus den Aminosäuren Glycin, Arginin und Methionin gebildet und spielt im intrazellulären Energiezyklus (ATP ⇄ Phosphokreatin) eine entscheidende Rolle für die rasche Energiebereitstellung in den Zellen.

Biologische Grundlage

  • Die Umwandlung von Kreatin ↔ Phosphokreatin sorgt bei kurzen, hochintensiven Belastungen für eine rasche Regeneration von ATP.
  • Neben den Muskeln dient es auch im Gehirn und im Herzen als Energiepuffer.
  • Für die mitochondriale Funktion und die Kontrolle von oxidativem Stress wird ihm eine indirekte Rolle zugeschrieben.

Stellenwert in der Sportwissenschaft

Organisationen wie die International Society of Sports Nutrition und das American College of Sports Medicine erkennen Kreatin als wirksame ergogene Unterstützung an. Besonders relevant sind:

  • Muskelmasse und Kraft nehmen zu
  • Akute körperliche Leistungsfähigkeit verbessert sich bei kurzen, hochintensiven Belastungen
  • Bei älteren Menschen ist der Nutzen zusammen mit Krafttraining deutlicher ausgeprägt

⚙️ Mögliche Wirkmechanismen

  • Die anaerobe Energiekapazitätsteigt durch die beschleunigte ATP-Regeneration.
  • Der Proteinabbau wird vermindert, was zum Erhalt der Muskelmasse beiträgt.
  • Die mitochondriale Funktion kann unterstützt und die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies reguliert werden.

❗ Hinweis für die klinische Praxis

Die Erfolge bei Sportlern sind bei einer multifaktoriellen Erkrankung wie Krebs jedoch nicht automatisch im gleichen Ausmaß zu erwarten. Im folgenden Abschnitt betrachten wir die klinischen Daten bei Krebspatienten.

Kann Kreatin krebsbedingten Muskelschwund (Kachexie) aufhalten?

Kreatin ist für Sportler eine wirksame Unterstützung. Nur wenige Studien untersuchen jedoch seine Wirkung auf Muskelschwund und Erschöpfung bei Krebspatienten . Keine dieser Untersuchungen konnte bislang einen klinisch bedeutsamen Nutzen nachweisen.

📊 Studie zur Gewichtszunahme bei fortgeschrittener Erkrankung

Bei 263 Patienten mit fortgeschrittener (nicht heilbarer) Erkrankung wurde in einer randomisierten Studie eine Kreatineinnahme untersucht (Erhaltungsdosis nach einer Aufsättigungsphase). Hinsichtlich der im ersten Monat angestrebten Gewichtszunahme von mindestens 10% zeigte sich keine Überlegenheit gegenüber Placebo (P = 1.00).

Auch die Werte für Appetit und Lebensqualität unterschieden sich zwischen den beiden Gruppen nicht signifikant.

Studie bei kolorektalem Karzinom

Bei 31 Patienten mit kolorektalem Karzinom führte eine 8-wöchige Kreatineinnahme (20 g/Tag → 5 g/Tag) hinsichtlich Muskelmasse, Funktion oder Lebensqualität zu keiner deutlichen Verbesserung. Allerdings wurde ein Anstieg eines die Körperzellmasse und Zellintegrität widerspiegelnden Parameters, des Phasenwinkels , beobachtet. Dies deutet auf einen möglichen positiven Effekt auf zellulärer Ebene hin.

Studien unter Hormontherapie und bei Brustkrebs

  • Prostatakrebs: Bei 55 Männern unter Androgendeprivationstherapie (ADT) wurde festgestellt, dass Kreatin keinen zusätzlichen Nutzen zum Krafttraining brachte (P = 0.078–0.951).
  • Brustkrebs: Bei 19 Patienten nach Abschluss der Behandlung zeigte eine kurzzeitige Kreatineinnahme (7 Tage, 20 g/Tag) keinen signifikanten Unterschied bei Muskelkraft und Leistungsfähigkeit.

Klinische Einordnung

Diese Ergebnisse zeigen, dass die bei Sportlern ausgeprägte Kreatinwirkung angesichts der multifaktoriellen Biologie der Tumorkachexie nicht ausreicht. Muskelabbau beruht nicht nur auf Energiemangel, sondern auch auf Zytokinsturm, Entzündungen, hormonellen Veränderungen und dem Tumorstoffwechselals weiteren Faktoren.

Die größte Unsicherheit: Widersprüchliche Wirkungen auf den Tumor

Während klinische Studien keinen bedeutsamen Nutzen zeigen, deuten präklinische Befunde darauf hin, dass Kreatin die Tumorbiologie in zwei entgegengesetzte Richtungen beeinflussen könnte. Diese Unsicherheit ist der entscheidende Vorbehalt gegenüber der Einnahme bei Krebspatienten.

Tumorhemmung durch das Immunsystem

  • Die Kreatinzufuhr kann die Energieverfügbarkeit für antitumorale Immuneffektoren wie CD8-T-Zellen verbessern.
  • Dies wurde in der Tumormikroumgebung mit einer Verstärkung der zytotoxischen Antwort und einer Hemmung des Tumorwachstums in Verbindung gebracht.
  • Vorgeschlagener Mechanismus: Mitochondriale Kreatinkinase vermittelt eine Energiepufferung → verhindert eine Stockung der Elektronentransportkette (ETC) → reguliert reaktive Sauerstoffspezies.

Hinweis: Diese Befunde stammen aus Tier- und Zellversuchen; eine klinische Entsprechung beim Menschen ist bislang nicht bestätigt.

⚠️ Hinweise auf eine mögliche Förderung der Metastasierung

  • In einigen Modellen erhöhte Kreatin insbesondere bei kolorektalen Karzinomen und Brustkrebs in den Tumorzellen über eine Aktivierung von Smad2/3 das Potenzial für Invasion und Metastasierung der Zellen.
  • Dies wird über den TGF-β/Smad Signalweg mit einer Beschleunigung der epithelial-mesenchymalen Transition (EMT) in Verbindung gebracht.
  • Fazit: Dieser Mechanismus widerspricht den immununterstützenden Effekten und erfordert bei der klinischen Anwendung Vorsicht bei der Bewertung.

Hinweis: Es handelt sich um präklinische Befunde. Ohne Daten am Menschen lassen sie sich nicht verallgemeinern, sind jedoch für die Abwägung von Nutzen und Risiken von Bedeutung.

💬 Klinischer Kommentar

Die gegensätzlichen präklinischen Ergebnisse zur Tumorhemmung und zur Förderung der Metastasierung sprechen dafür, die Kreatineinnahme bei Krebspatienten einzuschränken, bis eine evidenzbasierte Klarheit erreicht ist . Da klinische Studien keine bedeutsamen funktionellen Verbesserungen zeigten, überwiegen die möglichen Risiken für die Tumorbiologie die Argumente für eine routinemäßige Einnahme bei diesen Patienten.

Mögliche Nebenwirkungen und Arzneimittelwechselwirkungen von Kreatinpräparaten

Bei gesunden Menschen gilt Kreatin im Allgemeinen als sicher . Der metabolische und physiologische Zustand von Krebspatienten ist jedoch wesentlich empfindlicher. Deshalb müssen die häufigsten Nebenwirkungen und Arzneimittelwechselwirkungen sorgfältig berücksichtigt werden.

⚠️ Häufige Nebenwirkungen

  • Magen-Darm-Reizungen: Übelkeit, Bauchbeschwerden oder Durchfall können auftreten.
  • Muskelkrämpfe und Kopfschmerzen: Diese stehen insbesondere mit hohen Dosen oder einer unzureichenden Flüssigkeitszufuhr in Zusammenhang.
  • Gewichtszunahme durch Wassereinlagerung: Kreatin zieht Wasser in die Muskeln; dadurch kann die Gewichtsmessung eine irreführende Zunahme anzeigen.
  • Selten: Über eine vorübergehend erhöhte Belastung der Nieren wurde berichtet. Besonders bei gleichzeitiger Einnahme nierenschädigender Medikamente sollte dies überwacht werden.

Wechselwirkungen mit Arznei- und Nahrungsmitteln

  • Wechselwirkung mit Koffein: Eine längerfristige oder hoch dosierte Koffeineinnahme kann die Wirkung von Kreatin auf die Leistungsfähigkeit abschwächen.
  • Gleichzeitige Einnahme mit Diuretika (entwässernden Arzneimitteln): Kann das Risiko einer Dehydratation erhöhen.
  • Arzneimittel mit Wirkung auf die Nieren: Die gleichzeitige Einnahme mit nierenschädigenden Chemotherapeutika wie Cisplatin oder Ifosfamid wird nicht empfohlen.

💬 Klinischer Kommentar

Elektrolythaushalt, Flüssigkeitsstatus und Nierenfunktion unterliegen bei Krebspatienten häufig therapiebedingten Schwankungen . Selbst wenn eine Kreatineinnahme erwogen wird, sollte sie deshalb unter Aufsicht des Onkologieteams und einer Ernährungsfachkraft erfolgen.

Fazit: Begrenzter klinischer Nutzen, unklare präklinische Risiken

Kreatinist eine gut untersuchte und wirksame Unterstützung für sportliche Leistungsfähigkeit und Muskelmasse. Doch bei Krebspatienten haben die bisherigen klinischen Studien keinen bedeutsamen Nutzen gezeigt. Zudem sprechen widersprüchliche präklinische Befunde gleichzeitig für eine mögliche Tumorhemmung und eine mögliche Förderung der Metastasierung . Bei der routinemäßigen Einnahme erfordert dies Vorsicht in der klinischen Praxis.

📌 Die wichtigsten Punkte

  • Gewichtszunahme / Appetit / Lebensqualität: In der großen randomisierten Studie zeigte sich keine Überlegenheit gegenüber Placebo.
  • Muskelmasse und Funktion: Studien bei kolorektalem Karzinom, Prostatakrebs unter ADT und Brustkrebs ergaben keinen zusätzlichen klinischen Nutzen.
  • Zellulärer Marker: Obwohl sich der Phasenwinkel verbesserte, wurden keine Vorteile bestätigt, die sich im Alltag bemerkbar machen.
  • Tumorbiologie: Trotz Befunden zur Unterstützung der CD8-T-Zellantwort ist das Risiko einer über den Smad2/3-Signalweg geförderten Metastasierung besorgniserregend.

Klinische Empfehlung

Kreatinpräparate sollten Krebspatienten nicht routinemäßig empfohlen werden. Wird eine Einnahme erwogen, ist sie gemeinsam mit dem Onkologieteam und einer klinischen Ernährungsfachkraft individuell unter Berücksichtigung von Nierenfunktion, Flüssigkeitshaushalt und gleichzeitigen Behandlungen zu beurteilen.

Ausblick

Bei Maßnahmen gegen Kachexie, therapiebedingte Erschöpfung und kognitive Beeinträchtigungen bleibt der Energiestoffwechsel ein vielversprechender Ansatzpunkt. Bis die möglichen Wirkungen von Kreatin auf die Tumormikroumgebung geklärt sind, muss die Nutzen-Risiko-Bilanz jedoch in randomisierten, auf Sicherheit ausgerichteten klinischen Studien bestimmt werden.

ℹ️ Information

Dieser Inhalt dient der allgemeinen Information. Wenden Sie sich für individuelle Behandlungsentscheidungen unbedingt an Ihr Onkologieteam . Je nach eingesetzter Chemo- oder Immuntherapie und vorhandenen Begleiterkrankungen kann jedes Nahrungsergänzungsmittel unterschiedliche Risiken mit sich bringen.

Quellen

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  4. Parsowith EJ, Stock MS, Kocuba O, et al. Impact of short-term creatine supplementation on muscular performance among breast cancer survivors. Nutrients. 2024;16:979.
  5. Di Biase S, Ma X, Wang X, et al. Creatine uptake regulates CD8 T cell antitumor immunity. J Exp Med. 2019;216:2869–2882.
  6. Zhang L, Zhu Z, Yan H, et al. Creatine promotes cancer metastasis through activation of Smad2/3. Cell Metab. 2021;33:1111–1123.e4.
  7. Kreider RB, Stout JR. Creatine in health and disease. Nutrients. 2021;13:447.
DROZDOGAN KI

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Drozdogan-Assistent

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