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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Neue Phase beim triple-negativen Brustkrebs: ADCs schlagen Chemotherapie in der Erstlinie

Neue Phase beim triple-negativen Brustkrebs: ADCs schlagen Chemotherapie in der Erstlinie
In diesem Artikel

Chemotherapie macht Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten Platz

Triple-negativer Brustkrebs (TNBC)gehört zu den schwierigsten Unterformen. Drei für viele zielgerichtete Behandlungen wichtige Moleküle fehlen: Östrogenrezeptor (ER), Progesteronrezeptor (PR) und HER2 als Zielstrukturen. Bildlich sind alle drei Türen geschlossen. Deshalb war lange ausschließlich klassische Chemotherapie verfügbar.

Mit dem Aufstieg der Immuntherapie in den 2010er-Jahren entstand Hoffnung. Sie wirkte aber nur bei einem Teil der Erkrankungen mit ausreichendem PD-L1 Protein. Für die große Gruppe mit negativem PD-L1-Status fehlte weiterhin eine wirksame dauerhafte Option. Viele Betroffene hatten deshalb kurze Überlebenszeiten, rasche Rückfälle und häufige Krankenhausaufenthalte.

Darum sorgten die auf der ESMO 2025vorgestellten großen Studien in Wissenschaft und Patientenschaft für Aufsehen. Die Studien ASCENT-03 und TROPION-Breast02 zeigten erstmals in der Erstlinie gegenüber Chemotherapie einen bedeutsamen Vorteil durch gegen das Zelloberflächenantigen TROP2 gerichtete Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) als neue Behandlungsstrategie.

ADCs lassen sich als intelligente Chemotherapie beschreiben. Ein spezifischer Antikörper trägt ein starkes Chemotherapiemolekül, erkennt die Krebszelle und gibt seine Ladung direkt dort ab. So werden gesunde Zellen weitgehend geschontund Tumorzellen gezielt zerstört.

Die ersten Brustkrebszulassungen Anfang der 2020er-Jahre betrafen vor allem metastasierte und resistente Erkrankungen. Seit ESMO 2025 zeigen Daten jedoch auch in der Erstlinie, also beim frühesten systemischen Behandlungsbeginn, Konkurrenzfähigkeit und in manchen Untergruppen Überlegenheit gegenüber Chemotherapie.

Diese Entwicklung ist mehr als ein Medikamentenerfolg; sie bedeutet einen Paradigmenwechsel als neuen Ansatz. Menschen mit TNBC gehören damit nicht mehr zu einer Gruppe ohne Optionen. Die Daten eröffnen eine Zukunft mit chemotherapiefreien Kombinationenin der Erstlinie.

📊 ASCENT-03 (Sacituzumab Govitecan)

Sacituzumab verzögerte gegenüber Chemotherapie die Progression um etwa 3 Monate (9.7 gegenüber 6.9 Monaten). Bei Ansprechenden verlängerte sich die Ansprechdauer auf bis zu 12 Monate.

🏁 TROPION-Breast02 (Datopotamab Deruxtecan)

Datopotamab verlangsamte die Progression (10.8 gegenüber 5.6 Monaten) und verlängerte das Überleben (23.7 gegenüber 18.7 Monaten). Dies war beim TNBC erstmals in der Erstlinie ein beobachteter Überlebensvorteil.

🧑‍⚕️ Lebensqualität (ASCENT-04 / KEYNOTE-D19)

Sacituzumab plus Immuntherapie erhielt die Lebensqualität insgesamt. Betroffene berichteten mehr Energie und besseres emotionales Befinden; Übelkeit und Durchfall waren im Chemotherapiearm etwas seltener.

🧪 Studie 1 – ASCENT-03: Sacituzumab Govitecan gegenüber Chemotherapie

  • 558 Personen nahmen teil, alle PD-L1-negativ und zuvor unbehandelt.
  • Der neue Wirkstoff Sacituzumab Govitecanverzögerte gegenüber Chemotherapie die Progression um etwa 3 Monate (9.7 gegenüber 6.9 Monaten).
  • Die Ansprechrate war ähnlich (48 % gegenüber 46 %), aber die Ansprechdauer deutlich länger (12.2 gegenüber 7.2 Monaten).
  • Hochgradige Nebenwirkungen waren ähnlich (66 % gegenüber 62 %), die Abbruchrate unter Sacituzumab jedoch niedriger (4 % gegenüber 12 %).
  • Gesamtüberlebensdaten (OS) sind noch unreif, da viele Teilnehmende das Medikament nach der Studie weiter erhielten.

Klinische Bedeutung: Sacituzumab ermöglichte erstmals in der Erstlinie gegenüber Chemotherapie eine solche Progressionskontrolle als Ergebnis. Die Daten stützen eine längere sichere Anwendung bei sorgfältigem Umgang mit hämatologischen und gastrointestinalen Nebenwirkungen.

🧪 Studie 2 – TROPION-Breast02: Datopotamab Deruxtecan gegenüber Chemotherapie

  • 644 Personen wurden eingeschlossen; einige hatten frühe Rückfälle, Hirnmetastasen waren häufig.
  • Datopotamab verringerte gegenüber Chemotherapie die Progression um fast die Hälfte (10.8 gegenüber 5.6 Monaten).
  • Das Überleben verlängerte sich signifikant auf 23.7 gegenüber 18.7 Monate.
  • Die Ansprechrate war mehr als doppelt so hoch (62.5 % gegenüber 29.3 %).
  • Hochgradige Nebenwirkungen waren ähnlich (33 % gegenüber 29 %). Allerdings erfordern Stomatitis (wunde Stellen im Mund) und trockene Augen besondere Aufmerksamkeit.

Klinische Bedeutung: Datopotamab Deruxtecan ist das erste bei PD-L1-negativem TNBC lebensverlängernde zielgerichtete Medikament. Nebenwirkungen waren meist leicht und kontrollierbar. Dies könnte den Wechsel von alleiniger Chemotherapie zur Ära gezielter Wirkstoffe einleiten.

🧩 Lebensqualität (PRO) – ASCENT-04 / KEYNOTE-D19

  • Bei PD-L1-positiver Erkrankung wurde Sacituzumab plus Immuntherapie mit Chemotherapie verglichen.
  • Insgesamt berichteten die Betroffenen ähnliche Lebensqualität unter beiden Ansätzen. Mit Sacituzumab zeigten sich jedoch weniger Schmerzen und bessere emotionale Stabilität als Unterschiede.
  • Übelkeit und Durchfall waren unter Chemotherapie seltener und verdeutlichen unterschiedliche Nebenwirkungsprofile.

Einordnung: Die Ergebnisse zeigen, dass neue Medikamente Lebenszeit verlängern und Lebensqualität erhalten können als Behandlungsziele. Ihre Auswirkungen auf den Alltag zu verstehen, ist inzwischen ebenso wichtig wie klinische Messwerte.

📚 Wichtigste Ergebnisse im Vergleich

Parameter Sacituzumab Govitecan Datopotamab Deruxtecan
Teilnehmerzahl 558 644
Progressionsfreies Überleben (mPFS) 9.7 Monate gegenüber 6.9 10.8 Monate gegenüber 5.6
Gesamtüberleben (mOS) Noch unreif 23.7 Monate gegenüber 18.7
Ansprechrate 48 % 62.5 %
Ansprechdauer 12.2 Monate 12.3 Monate
Schwere Nebenwirkungen 66 % 33 %
Behandlungsabbruch 4 % 4 %
Auffällige Nebenwirkungen Niedrige Blutwerte, Magen-Darm-Beschwerden Mundwunden, trockene Augen

Kommentar der DROZDOGAN Akademi

  • An der Schwelle zum Paradigmenwechsel: Eine Grundlage außerhalb klassischer Chemotherapie in der Erstlinie beim fortgeschrittenen PD-L1-negativen TNBC könnte die Praxis verändern. Der OS-Vorteil von Dato-DXd (HR 0.79) ist dafür die stärkste Evidenz. Bei SG stützen deutliches PFS und lange Ansprechdauer (mDOR etwa 12 Monate) den klinischen Wert.
  • Vorsicht vor direkten Vergleichen verschiedener Studien: Bei TROPION-Breast02 machen Rückfälle nach <6 Monaten und Hirnmetastasen als häufige Merkmale die Kohorte risikoreicher. In ASCENT-03 erschwert ein möglicher Wechsel von Chemotherapie zu SG die OS-Einordnung. Bei studienübergreifenden Vergleichen müssen Unterschiede der Populationen berücksichtigt werden.
  • Toxizität vorausschauend behandeln: Bei SG sollte für hämatologische und gastrointestinale Toxizität vorbeugende Unterstützung mit Prüfung des G-CSF-Bedarfs, Antiemese und Durchfallprotokollen geplant werden. Bei Dato-DXd ist für Stomatitis (Mundhygiene, vorbeugende Pflege) und Augennebenwirkungen (künstliche Tränen, frühe Überweisung) eine vorausschauende Überwachung erforderlich.
  • Botschaft der PRO-Daten: Im SG-Pembrolizumab-Arm zeigen emotionale Funktion und Schmerzen Hinweise auf Besserung, während Übelkeit und Durchfall für Chemotherapie sprechen. Lebensqualitätsunterschiede sind klein, können aber Entscheidungen beeinflussen. Persönliche Präferenzen gehören ins Gespräch.
  • Therapiefolge und Kombinationen: Nach ADC-Erstlinie müssen Optionen für 2L/3L wie Platin, Taxane und PARP-Hemmer bei geeigneten Untergruppen neu bewertet werden. ADC + IO Kombinationen könnten mit reiferen Ergebnissen besonders bei PD-L1-negativer Erkrankung chemotherapiefreie Ansätze ermöglichen.
  • Biomarker in der Praxis: TROP2-Färbung ist kein routinemäßiges Auswahlkriterium; Tumorlast, Ausbreitung, Begleiterkrankungen und persönliche Präferenzen sind praktische Kriterien. Klinisches Ziel: frühe Kontrolle und gute Verträglichkeit.
  • Zugang und Umsetzung: Bei ADCs müssen Unterschiede von Dosis und Zeitplan wie SG an Tag 1-8, q3w, gegenüber Dato-DXd q3w hinsichtlich Alltag, Arbeit und Zentrumskapazität besprochen werden. Kosteneffizienz und Erstattung sollten früh im multidisziplinären Gremium diskutiert werden.

Unsere praktische Empfehlung

  1. Hochrisikobiologie / rasche Kontrolle nötig: Dato-DXd wegen OS-Vorteil und starkem PFS erwägen.
  2. Hämatologische Empfindlichkeit / ausgeprägte Magen-Darm-Begleiterkrankung: Dato-DXd könnte wegen seines Toxizitätsprofils günstiger sein.
  3. Frühere oder drohende Augenprobleme / orale Mukositis: SG kann wegen des anderen Profils eine Option sein.
  4. Bei beiden Wirkstoffen erhöhen frühe Nebenwirkungsschulung, enge Überwachung der ersten 2 Zyklen und unterstützende Maßnahmen die Chance auf Behandlungsfortsetzung.

📎 Quellen

  • ASCENT-03 (LBA20) – Sacituzumab Govitecan gegenüber Chemotherapie; PFS-Überlegenheit; OS noch unreif.
  • TROPION-Breast02 (LBA21) – Datopotamab Deruxtecan gegenüber Chemotherapie; Überlegenheit bei PFS und OS als Endpunkten.
  • ASCENT-04/KEYNOTE-D19 (LBA22) – SG + Pembrolizumab gegenüber Chemotherapie + Pembrolizumab; PRO-Analysen.
  • Hintergrund: Oncologist. 2025;30:oyaf034 – Ansatz in 1L bei PD-L1-negativem mTNBC.
DROZDOGAN KI

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