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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Sollte bei kleinzelligem Lungenkrebs eine Strahlentherapie zur Immuntherapie hinzukommen?

Sollte bei kleinzelligem Lungenkrebs eine Strahlentherapie zur Immuntherapie hinzukommen?
In diesem Artikel

Zusätzliche Strahlentherapie zur Immuntherapie verändert die Behandlung des kleinzelligen Lungenkarzinoms

Warum ist das wichtig?

Das kleinzellige Lungenkarzinom im ausgedehnten Stadium (ES-SCLC) ist für seine rasche Ausbreitung bekannt. Bis vor Kurzem bestand unsere Standardbehandlung allein aus Chemotherapie. In den letzten Jahren hat die zusätzliche Immuntherapie mit Atezolizumab oder Durvalumab einen neuen Standard geschaffen und die Überlebenszeiten verlängert.

Doch für Onkologen blieb eine große Frage offen: „Früher war es hilfreich, bei alleiniger Chemotherapie eine Bestrahlung des Brustkorbs (cTRT) hinzuzufügen. Sollten wir auch jetzt unter Immuntherapie zusätzlich bestrahlen? Oder verstärkt das die Nebenwirkungen, insbesondere Lungenentzündungen, und schadet dem Patienten?“

Eine am 5. Januar 2026 in Radiotherapy and Oncology veröffentlichte Großanalyse mit mehr als 5000 Patienten beantwortet diese Frage klar mit „JA“. Sie belegt, dass eine zusätzliche Strahlentherapie in der geeigneten Patientengruppe die Lebenszeit um 40 Prozent verlängert.

Klinisches Glossar: Die Begriffe verstehen
ES-SCLC (Kleinzelliges Lungenkarzinom im ausgedehnten Stadium): Das Stadium, in dem die Erkrankung über die Lunge hinaus, in den anderen Lungenflügel oder entfernte Organe gestreut hat.
cTRT (Konsolidierende thorakale Strahlentherapie): Eine „festigende“ Bestrahlung des Brustbereichs nach Chemo- und Immuntherapie, um verbliebene Tumorreste in der Lunge zu beseitigen oder zu kontrollieren.
Chemoimmuntherapie: Die Kombination einer Standardchemotherapie, meist Platin+Etoposid, mit gezielten Medikamenten, die das Immunsystem stärken.
Pneumonitis: Eine Entzündung des Lungengewebes. Sowohl Immuntherapie als auch Bestrahlung können diese Nebenwirkung verursachen; bei gemeinsamer Anwendung kann das Risiko steigen.

Eine große Metaanalyse: Die Daten von 5000 Patienten sprechen

Das Team um Dr. Dominik Wróbel von der Jagiellonen-Universität in Polen führte eine umfassende Analyse von 20 Studien aus aller Welt mit insgesamt 5282 Patienten durch. Die Patienten wurden in zwei Hauptgruppen eingeteilt:

Gruppe 1: Dreifachtherapie (2436 Patienten)

Patienten, die zusätzlich zur Chemoimmuntherapie eine Bestrahlung des Brustkorbs (cTRT) erhielten.

Gruppe 2: Standardtherapie (2846 Patienten)

Patienten, die nur Chemoimmuntherapie ohne Bestrahlung erhielten.

Die Ergebnisse: Strahlentherapie macht einen Unterschied

Die Analyse zeigte, dass die zusätzliche Bestrahlung einen statistisch signifikanten und klinisch sehr bedeutsamen Überlebensvorteil brachte.

Durchschnittliche Lebenszeit (Medianes OS)

Gruppe mit zusätzlicher Bestrahlung 20.25 Monate
Gruppe mit alleiniger medikamentöser Therapie 14.55 Monate

Die Strahlentherapie verschaffte den Patienten im Durchschnitt 6 zusätzliche Lebensmonate (HR: 0.57, P < .001).

Zeit ohne Fortschreiten der Erkrankung (PFS)

Ohne Strahlentherapie: 6.47 Monate
Mit Strahlentherapie: 9.85 Monate

Welche Patienten sollten bestrahlt werden?

Der entscheidende Teil der Studie zeigt, bei welchen Organmetastasen die Strahlentherapie einen Nutzen hat.

Bei Hirnmetastasen: EINDEUTIGER NUTZEN Bei Patienten, die bereits zu Beginn Hirnmetastasen hatten, verbesserte die zusätzliche Bestrahlung des Brustkorbs sowohl das Gesamtüberleben (HR: 0.57) als auch die Kontrolle der Erkrankung im Gehirn. Die Forscher vermuten, dass die Bestrahlung das Immunsystem aus der Ferne stimuliert und so im Gehirn wirkt: der abskopale Effekt.
Bei Lebermetastasen: KEIN NUTZEN Bei Patienten mit Lebermetastasen verlängerte die zusätzliche Bestrahlung leider nicht das Überleben. Für diese Gruppe könnte es sinnvoller sein, die zusätzliche Belastung durch Strahlentherapie zu vermeiden.

Die Kehrseite: Nebenwirkungen

Immuntherapie kann eine Lungenentzündung verursachen, Strahlentherapie ebenso. Steigt das Risiko bei der Kombination? Die Antwort lautet: Ja.

  • Pneumonitis (Lungenentzündung): In der Gruppe mit zusätzlicher Bestrahlung stieg das Pneumonitisrisiko deutlich. Die Rate schwerer Pneumonitiden ab Grad 3 betrug 3.86%.
  • Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung): Bei 1.27% der bestrahlten Patienten trat eine schwere Speiseröhrenentzündung auf.
Kommentar der DROZDOGAN Akademie

Bei der Behandlung des kleinzelligen Lungenkarzinoms beginnt die Ära der personalisierten Medizin. Wir sollten die Therapie nun nach dem Ort der Metastasen planen, statt allen dieselbe Behandlung zu geben.

Die Studie spricht nachdrücklich dafür, dass insbesondere nach gutem Ansprechen auf die erste Chemoimmuntherapie und bei Patienten mit Hirnmetastasen die Bestrahlung des Brustkorbs (cTRT) zur Standardbehandlung gehören sollte. Ein medianes Überleben von 20 Monaten ist bei dieser Erkrankung ein erheblicher Gewinn.

Bei Lebermetastasen oder eingeschränkter Lungenfunktion mit hohem Pneumonitisrisiko scheint es dagegen im Sinne des Grundsatzes „Zuerst nicht schaden“ vernünftiger, auf Bestrahlung zu verzichten. Die Ergebnisse der laufenden Studien RAPTOR und TREASURE werden diese Strategie weiter präzisieren.

Quelle:
  1. Wróbel D, Wojewoda B, Ziółek W, et al. Consolidative thoracic radiotherapy in the immunotherapy era for extensive-stage small cell lung cancer: a systematic review and meta-analysis with emphasis on brain and liver metastases. Radiotherapy and Oncology. Published online December 10, 2025. doi:10.1016/j.radonc.2025.111328
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