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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Das Gedächtnis der Zelle, ein Mord vor 5300 Jahren und das stille Zeugnis von HPV: Ötzi, der Mann aus dem Eis

Das Gedächtnis der Zelle, ein Mord vor 5300 Jahren und das stille Zeugnis von HPV: Ötzi, der Mann aus dem Eis
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Tag 35 (Reihe: Krebsgeschichte in 365 Tagen)

Archive antiker DNA

Jahrelang suchten wir Krebs im Rauch der Industrieschornsteine, im Lärm der Städte und im Chaos des modernen Lebens. Die Medizingeschichte erzählte uns lange dieselbe Geschichte: „Unsere Vorfahren waren rein, wir verschmutzten die Welt und wurden krank.“ Doch die Revolution der „antiken DNA“ in den vergangenen zwanzig Jahren durchbrach dieses Schweigen mit einer ohrenbetäubenden Wahrheit.

Jahrhundertelang suchten wir ausschließlich an Skeletten nach Hinweisen auf Krebs, und die Knochen nahmen die Geheimnisse der Weichteile meist mit ins Grab. Was sie nicht sah, betrachtete die Wissenschaft als „nicht vorhanden“. Bis das Eis schmolz und uns die ältesten Weggefährten der Menschheit auf molekularer Ebene vor Augen führte.

Um die Wurzeln der Onkologie zu verstehen, blicken wir heute nicht auf die industrielle Revolution, sondern auf die gefrorenen Zellen eines Mannes, der vor 5300 Jahren in den Alpen seinen letzten Atemzug tat: Ötzi, den Mann aus dem Eis .

Ein Irrtum im Eis: „Ein gewöhnlicher Mord an einem Bergsteiger“

Es war der 19. September 1991. Zwei deutsche Touristen, Helmut und Erika Simon, kamen in den Ötztaler Alpen an der österreichisch-italienischen Grenze von ihrer Route ab. Auf 3210 Metern Höhe bemerkten sie zwischen den schmelzenden Gletschern einen bräunlichen Fleck. Als sie näher kamen, erkannten sie eine gefrorene Leiche, die auf dem Bauch lag.

Zunächst nahm man an, es handle sich um einen verunglückten modernen Bergsteiger. Als die österreichische Polizei am Fundort eintraf, behandelte sie den Körper als gewöhnlichen „rechtsmedizinischen Fall“. Um ihn aus dem Eis zu lösen, wurden sogar Spitzhacken und Skistöcke eingesetzt. Bei dieser unsorgfältigen Bergung beschädigte man auch die Hüfte und den linken Arm des Mannes.

Als die Leiche in eine Innsbrucker Leichenhalle gebracht wurde, kam die Wahrheit allmählich ans Licht. Neben dem Mann lagen keine modernen Bergsteigerausrüstungen, sondern Lederkleidung, unvollendete Pfeile, Gefäße aus Birkenholz und vor allem ein Beil aus reinem Kupfer . Als der Archäologe Konrad Spindler dieses Beil sah, verkündete er die erschütternde Wahrheit: „Dieser Mann ist mindestens 4000 Jahre alt!“

Der Körper, den man für ein modernes Mordopfer gehalten hatte, gehörte tatsächlich einem Jäger aus der Kupferzeit vor 5300 Jahren, der um 3300 v. Chr. durch einen Pfeilschuss in den Rücken getötet worden war. Auch wenn die Wissenschaft dies noch nicht erkannt hatte, war Ötzi nicht nur ein Mordopfer: Mit den antiken Ursprüngen des Krebses in seinem Magen und seinen Zellen war er eine perfekte „molekulare Zeitkapsel“.

Die Zeitbombe in Ötzis Magen

Dank der Fortschritte bei der Sequenzierung antiker DNA (aDNA) konnten Forschende über Ötzis Knochen hinaus in seine Weichteile und sogar in seinen Magen blicken. Proben aus dem Magen zeigten, dass er Helicobacter pylori in sich trug — das Bakterium, das als stärkster bekannter biologischer Auslöser von Magenkrebs (Magenadenokarzinom) gilt.

ÖTZIS PATHOGENES PROFIL

  • 1
    CagA-Positivität: Das Bakterium, das Ötzi in sich trug, enthielt ein Gen, das in den Epithelzellen des Magens eine unkontrollierte Zellvermehrung auslöst und das Magenkrebsrisiko um ein Vielfaches erhöht: cagA war dieses Gen.
  • 2
    Hohe Toxizität von VacA: Die Genotypanalyse hat bewiesen, dass es sich um die aggressive Bakterienvariante handelte, die in heutigen Populationen am stärksten mit peptischen Geschwüren und Magenkrebs in Verbindung steht.
  • 3
    Aktive Gastritis: Paläoproteomische Analysen wiesen in Ötzis Magengewebe den Entzündungsmarker des Immunsystems Calprotectin nach und bestätigten damit, dass damals eine aktive Entzündung (Gastritis) vorlag.

Kurz gesagt: Wäre Ötzi an diesem Tag nicht durch einen Pfeil in seinem Rücken gewaltsam gestorben, wäre sein Risiko, später im Leben aufgrund dieses hochvirulenten Bakteriums Magenkrebs zu entwickeln, enorm gewesen.

Ein Weggefährte seit 45000 Jahren: HPV16

Die Forschungen an Ötzi nahmen kein Ende. Mit der Weiterentwicklung der Sequenzierung der nächsten Generation (NGS) zeigten in den Jahren 2025 und 2026 veröffentlichte Studien eine wesentlich tiefere virale onkogene Belastung: den Hauptverursacher von Gebärmutterhalskrebs und Kopf-Hals-Krebs (Oropharynxkarzinomen), Human Papillomavirus 16 (HPV16).

VOR 45000 JAHREN Der Ust'-Ishim-Mensch: Bei diesem im sibirischen Permafrost gefundenen antiken Menschen wurde die Unterlinie 'A4' von HPV16 nachgewiesen. Dies ist der älteste bekannte genomische Nachweis eines krebserregenden Virus.
VOR 5300 JAHREN Ötzi, der Mann aus dem Eis: In Ötzis Genomdaten wurden genau 275110 Sequenzlesungen (Reads) des HPV16-Virus nachgewiesen und die Unterlinie 'A1' eindeutig bestätigt.

Der Fund von Ust'-Ishim in Sibirien und Ötzi in den Alpen beweisen, dass onkogene (krebserregende) Viren bereits während der interkontinentalen Ausbreitung des modernen Menschen in der Altsteinzeit mit ihm wanderten. Diese Daten erschüttern die Hypothese, HPV16 sei nur durch die Vermischung mit Neandertalern auf den modernen Menschen übergegangen, und zeigen, dass es eine „ursprüngliche“ Infektion ist, die so alt ist wie die Menschheitsgeschichte.

Krebs: Ein antiker Krieg im Zellzyklus

Die Menschheitsgeschichte ist nicht nur eine Geschichte von Kriegen mit Schwertern oder Pfeilen. Sie ist auch die Geschichte des mikroskopischen Kampfes gegen Viren und Bakterien, die den Zellzyklus manipulieren und ihren Wirt in Richtung Krebs treiben. Das Krebsrisiko hängt nicht nur mit Fabrikschornsteinen zusammen, sondern ist auch tief mit diesen „stillen antiken Zeugen“ verbunden, die sich seit Jahrtausenden gemeinsam mit unserem Genom und Mikrobiom entwickeln.

ANMERKUNG DER DROZDOGAN AKADEMIE

Paläopathologische Daten vermitteln uns eine sehr klare Botschaft: Krebs ist eher ein evolutionärer Weggefährte als ein „Defekt“, den allein das moderne Leben geschaffen hat. Die bakterielle Zeitbombe im Magen Ötzis, der 1991 mit Spitzhacken geborgen und zunächst für ein gewöhnliches Mordopfer gehalten wurde, sowie die im gefrorenen Boden Sibiriens entdeckten viralen Spuren aus der Zeit vor 45000 Jahren zeigen, dass unser Kampf gegen Krebs ebenso tief verwurzelt ist wie unsere Menschheitsgeschichte. Diese molekulare Archäologie erzählt uns nicht nur von der Vergangenheit, sondern bietet auch eine lebenswichtige Perspektive für die zukünftige Erforschung onkologischer Impfstoffe (wie HPV), die auf die evolutionären Schwachstellen von Krankheitserregern abzielen.

Literatur

  • Maixner, F., Zink, A., et al. (2016). The 5,300-year-old Helicobacter pylori genome of the Iceman. Science.
  • Yazigi, J., Briones, M., et al. (2025). Oncogenic HPV types identified in Paleolithic and Chalcolithic human genome sequencing data from Ust'-Ishim and Ötzi. bioRxiv.
  • Pimenoff, V., et al. (2017). Transmission Between Archaic and Modern Human Ancestors During the Evolution of the Oncogenic Human Papillomavirus 16. Molecular Biology and Evolution.
  • Ancient DNA reveals human viruses in 50,000-year-old Neanderthal remains. (2024). Archaeology Magazine.
  • Ötzi the Iceman May Have Carried a Cancer-Causing Strain of HPV. (2026). Smithsonian Magazine.
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