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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Der Erhalt der Fruchtbarkeit bei Krebs wird immer wichtiger: Was bringt die Leitlinie von 2025?

Der Erhalt der Fruchtbarkeit bei Krebs wird immer wichtiger: Was bringt die Leitlinie von 2025?
In diesem Artikel

Warum ist der Fertilitätserhalt heute wichtiger?

Die moderne Onkologie zielt darauf ab, nicht nur die Erkrankung zu behandeln, sondern auch die Lebensqualität nach der Therapie zu sichern. In diesem Zusammenhang stellt der Verlust der Fertilität, also der Fortpflanzungsfähigkeit, bei Menschen im reproduktiven Alter mit einer Krebsdiagnose ein entscheidendes Problem dar, das ihre Lebensqualität und Zukunftspläne unmittelbar beeinflusst. Jedes Jahr erhalten Millionen junger Erwachsener und Kinder eine Krebsbehandlung. Ihr Wunsch, später Kinder zu bekommen, kann dabei mitunter unwiderruflich beeinträchtigt werden.

Angesichts dieser großen Bedeutung hat die American Society of Clinical Oncology (ASCO) ihre 2018 veröffentlichte Leitlinie zum Fertilitätserhalt im Jahr 2025 aktualisiert. Diese Aktualisierung berücksichtigt nicht nur neue Behandlungsmöglichkeiten, sondern auch die sich wandelnden Bedürfnisse der Betroffenen.


Was bringt die neue Leitlinie?

Die ASCO-Leitlinie von 2025 stellt gegenüber der Fassung von 2018 eine umfassende Aktualisierung dar. Während die vorherige Version lediglich 61 wissenschaftliche Studien heranzog, stützt sich die neue Leitlinie auf 166 Arbeiten. Diese Zunahme ermöglicht detailliertere Empfehlungen und eine bessere Berücksichtigung der Bedürfnisse unterschiedlicher Patientengruppen.

Die wichtigste Neuerung: Gespräche über Fertilität sind kein einmaliges Ereignis mehr

Wie bereits in der vorherigen Leitlinie wird empfohlen, mit allen Betroffenen im reproduktiven Alter vor Behandlungsbeginn über Fertilität zu sprechen. Die neue Leitlinie betont jedoch, dass ein solches Gespräch zum Zeitpunkt der Diagnose allein nicht ausreicht. Fertilitätsgespräche sollen künftig auch bei jährlichen Kontrolluntersuchungen, bei einer Änderung des Behandlungsplans oder bei einem Schwangerschaftswunsch wiederholt werden.

Erstmals Empfehlungen zum Fertilitätserhalt nach der Behandlung

Dies ist eine der bemerkenswertesten Neuerungen der Leitlinie von 2025. Nach der Behandlung kann Menschen, deren ovarielle Reserve noch ausreichend ist, bei denen jedoch ein Risiko für eine primäre Ovarialinsuffizienz besteht, das Einfrieren von Eizellen (Oozyten) und Embryonen empfohlen werden. Diese Empfehlung war in der Leitlinie von 2018 noch nicht enthalten.

Über den idealen Zeitpunkt für Maßnahmen zum Fertilitätserhalt nach der Behandlung besteht allerdings noch kein eindeutiger Konsens. Einige Studien deuten darauf hin, dass der günstigste Zeitpunkt für die Eizellentnahme 2-3 Jahre nach der Behandlung liegen könnte.


Welche Rolle spielen GnRH-Agonisten?

Agonisten des Gonadotropin-Releasing-Hormons (GnRHa) können insbesondere dann, wenn eine dringende Chemotherapie erforderlich ist, zur Unterdrückung der Menstruation empfohlen werden. Für den alleinigen Einsatz von GnRHa zum Fertilitätserhalt gibt es jedoch weiterhin keine ausreichend belastbare Evidenz. Deshalb können GnRHa nur ergänzend zu etablierten Verfahren wie dem Einfrieren von Embryonen, Eizellen oder Ovarialgewebe eingesetzt werden.


Empfohlen wird ein multidisziplinärer Ansatz

Die neue Leitlinie betont, dass Angebote zum Fertilitätserhalt nicht allein auf die Onkologie beschränkt bleiben sollten. Stattdessen soll ein Team aus Fachleuten für Reproduktionsmedizin, Psychologie, Sozialarbeit, genetische Beratung und Finanzberatung in den Prozess einbezogen werden. Dieser Ansatz soll die Erfahrungen der Betroffenen sowohl durch bessere Informationen als auch durch emotionale Unterstützung verbessern.


Finanzieller Zugang und Versicherungsschutz erstmals Teil der Leitlinie

Erstmals in ihrer Geschichte hat die ASCO auch eine gesundheitspolitische Empfehlung in eine klinische Leitlinie aufgenommen. Da Maßnahmen zum Fertilitätserhalt in vielen Ländern weiterhin aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, ist der Zugang zu diesen Angeboten eingeschränkt. Die Leitlinie von 2025 empfiehlt einen umfassenden Versicherungsschutz für Leistungen zum Fertilitätserhalt. In den USA unterstützen 18 Bundesstaaten und der District of Columbia diese Leistungen, allerdings bestehen erhebliche Unterschiede beim Leistungsumfang und bei den Standards.


Die Geschichte des Fertilitätserhalts bei Krebs

Die Auswirkungen von Krebsbehandlungen auf die Fertilität wurden erstmals in den 1980er-Jahren wissenschaftlich untersucht. Anfang der 2000er-Jahre entwickelten Initiativen wie das Oncofertility Consortium klinische und ethische Leitlinien für diesen Bereich. Im Jahr 2006 veröffentlichte die ASCO ihre erste offizielle Leitlinie zum Fertilitätserhalt. Es folgten:

  • 2007: Leitlinien der American Society for Reproductive Medicine (ASRM)

  • 2013: European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE)

  • 2018: die vorherige ASCO-Leitlinie

  • Nach 2020: Auch Organisationen wie die Internationalen Gesellschaft für Onkofertilität und die American Academy of Pediatrics veröffentlichten Empfehlungen.


Welche Schwierigkeiten gibt es in der Praxis?

Nach Ansicht von Dr. H. Irene Su und Dr. Mahmoud Salama stehen der Umsetzung dieser Leitlinien drei wesentliche Hindernisse entgegen:

  1. Zeitmanagement: Onkologinnen und Onkologen sind häufig stark ausgelastet und finden möglicherweise nicht genügend Zeit, um bei jeder betroffenen Person die Fertilität zu beurteilen.

  2. Mangel an Fachkräften: Teams mit Erfahrung in der Reproduktionsmedizin und die erforderliche Ausstattung stehen nicht in jedem Zentrum zur Verfügung.

  3. Finanzielle Schwierigkeiten: Aufgrund hoher selbst zu tragender Kosten können manche Betroffene diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen.


Ausblick

Die ASCO-Leitlinie von 2025 soll nicht nur die Gegenwart von Menschen mit Krebs, sondern auch ihre künftigen Familienpläne schützen. Durch eine frühzeitige Überweisung, wiederholte Aufklärung und individuell angepasste Ansätze sollen alle Betroffenen fundierte Entscheidungen über ihre eigene reproduktive Gesundheit treffen können.

Quellen

H. Irene Su et al. Fertility Preservation in People With Cancer: ASCO Guideline Update. JCO 0, JCO-24-02782
DOI:10.1200/JCO-24-02782
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