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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Gewebe- und Liquid Biopsy bei Krebs: Konkurrenten oder sich ergänzende Partner?

Gewebe- und Liquid Biopsy bei Krebs: Konkurrenten oder sich ergänzende Partner?
In diesem Artikel

Gewebe- und Liquid Biopsy gemeinsam verlängern das Überleben (ROME-Studie)

Reicht eine einzige Biopsie aus?

In der modernen Onkologie treffen wir Therapieentscheidungen meist anhand einer kleinen Gewebeprobe aus dem Tumor (klassische Biopsie). Krebs ist jedoch keine statische Struktur, sondern ein sich fortlaufend verändernder, evolutionär entwickelnder Gegner, der an unterschiedlichen Körperstellen unterschiedliche Eigenschaften aufweisen kann (Heterogenität). Die Gewebebiopsie liefert nur eine „Momentaufnahme“ eines bestimmten Tumorbereichs. Dagegen analysiert die Liquid Biopsy (Flüssigbiopsie)Tumor-DNA im Blut und ermöglicht es uns, den „Film“ der Erkrankung zu verfolgen.

Kann die Verbindung beider Verfahren den Verlauf für den Patienten verändern? Die am

6. Januar 2026 in Clinical Cancer Research veröffentlichte große, rund 1800 Patienten umfassende ROME-Studiebeantwortet diese Frage eindeutig: Ja. Wenn wir in Gewebe- und Liquid Biopsy dieselbe Zielstruktur (Mutation) nachweisen und das passende zielgerichtete Medikament einsetzen, steigen Überlebensdauer und Behandlungserfolg deutlich. Dieser Beitrag erläutert den neuen „Goldstandard“ der Onkologie und seine Folgen für unsere klinische Praxis.

Klinisches Glossar: Die Begriffe verstehen
Gewebebiopsie (Tissue Biopsy): Entnahme einer Tumorprobe mit einer Nadel oder durch eine Operation. Sie zeigt Tumorstruktur und Histologie, ist jedoch invasiv (schmerzhaft/risikobehaftet) und bildet nur einen Teil des Tumors ab.
Liquid Biopsy (Flüssigbiopsie): Analyse zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) nach einer einfachen Blutentnahme. Sie bildet Tumorlast und genetische Vielfalt (Heterogenität) im gesamten Körper ab, ist schmerzlos und wiederholbar.
Konkordanz (Übereinstimmung): Sie liegt vor, wenn bei einem Patienten in Gewebe- und Liquid Biopsy dieselbe genetische Mutation (Zielstruktur) nachgewiesen wird. Die ROME-Studie zeigte, dass dies ein Schlüssel zum Therapieerfolg ist.
Molekulares Tumorboard (MTB): Ein Expertengremium aus Onkologen, Genetikern und Pathologen, das genetische Testergebnisse interpretiert und das am besten geeignete zielgerichtete Medikament auswählt.

Die ROME-Studie: Aufbau und Umfang

Diese multizentrische Phase-2-Studie sollte die Wirksamkeit der „maßgeschneiderten Therapie“ (Tailored Therapy – TT) bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen nach Ausschöpfen der Standardbehandlungen (2. oder 3. Therapielinie) prüfen.

  • Patientenzahl: 1.794 Patienten wurden gescreent, 400 randomisiert.
  • Methode: Bei jedem Patienten erfolgten eine Gewebebiopsie (FoundationOne CDx) und eine Liquid Biopsy (FoundationOne Liquid CDx).
  • Entscheidungsprozess: Die Ergebnisse wurden durch das molekulare Tumorboard (MTB) beurteilt.
  • Gruppen:
    • Maßgeschneiderte Therapie (TT): Patienten mit einem gegen die genetische Zielstruktur gerichteten Medikament.
    • Standardbehandlung (SoC): Patienten mit einer vom Arzt gewählten klassischen Chemotherapie.
ROME-Studie: Infografik zu Liquid Biopsy und Gewebebiopsie, Clin Cancer Res 2026

Ergebnisse: „Doppelte Bestätigung“ rettet Leben

Das bemerkenswerteste Ergebnis ist der große Überlebensunterschied bei Patienten mit übereinstimmenden, sich gegenseitig bestätigenden Tests (Konkordanz).

Gruppe 1: Konkordant (T+L)

Dieselbe Mutation wurde in Gewebe und Blut nachgewiesen.

Medianes Gesamtüberleben (OS): 11.05 Monate
Progressionsfreies Überleben (PFS): 4.93 Monate

Bestes Ergebnis!

Gruppe 2: Nur Gewebe

Die Mutation wurde nur im Gewebe, nicht im Blut gefunden.

Medianes Gesamtüberleben (OS): 9.93 Monate
Progressionsfreies Überleben (PFS): 3.06 Monate

Mittlerer Erfolg

Gruppe 3: Nur Flüssigbiopsie

Die Mutation wurde nur im Blut, nicht im Gewebe gefunden.

Medianes Gesamtüberleben (OS): 4.05 Monate
Progressionsfreies Überleben (PFS): 2.07 Monate

Schwächstes Ansprechen

Statistische Aussagekraft:

In der konkordanten Gruppe (T+L) verringerte eine maßgeschneiderte Therapie (TT) gegenüber der Standardbehandlung (SoC) das Sterberisiko um 26 % (HR: 0.74) und das Progressionsrisiko um 45 % (HR: 0.55). Das ist statistisch hochsignifikant.

Warum ist eine „doppelte Positivität“ günstiger? Wissenschaftliche Einordnung

Die Studienautoren erklären dies durch mehrere Faktoren:

  • Biologische Dominanz: Ist eine Mutation sowohl in Gewebe als auch im Blut nachweisbar, ist sie wahrscheinlich der „Haupttreiber“ des Tumors (Treibermutation). Das Tumorwachstum hängt somit von ihr ab. Wird das passende Medikament gegeben, bricht der Tumor zusammen.
  • Tumorlast und Heterogenität: Nur im Blut nachgewiesene Mutationen (L-Only) treten meist bei sehr fortgeschrittener Erkrankung, hoher Tumorlast und komplexer genetischer Zusammensetzung (polyklonal) auf. Bei diesen Patienten ist der Erfolg mit einem einzigen Medikament schwierig.
  • Zuverlässigkeit: Identische Testergebnisse geben dem molekularen Tumorboard (MTB) Sicherheit bei der Medikamentenwahl. Die Möglichkeit eines „falsch positiven“ Befundes entfällt.

Folgen für die klinische Praxis: Was ist zu tun?

Die ROME-Studie verändert den Begriff der „Biopsie“ in der Onkologie.

Situation Empfehlung
Ideales Szenario Wenn möglich, sollten bei jedem Patienten Gewebe- und Liquid Biopsy durchgeführt und die Ergebnisse verglichen werden.
Konkordante (übereinstimmende) Ergebnisse Diese Patienten sind die besten Kandidaten für „zielgerichtete Medikamente“. Eine zielgerichtete Therapie (TT) sollte gegenüber einer Standardchemotherapie vorrangig erwogen werden.
Diskordante (abweichende) Ergebnisse Ist die Mutation nur in einem Test nachweisbar, ist der Erfolg zielgerichteter Therapie geringer. Standardbehandlungen oder klinische Studien können hier geeigneter sein.
Hirntumoren Die Studie zeigte, dass die Liquid Biopsy aus Blut bei Hirntumoren (Glioblastom u. a.) wenig erfolgreich ist. Gewebebiopsie oder Liquoranalyse (Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) sind deshalb zuverlässiger.
Kommentar der DROZDOGAN Akademie

Die ROME-Studie belegt, dass „Präzisionsonkologie“ (Precision Oncology) sowohl die Wahl des richtigen Medikaments als auch den Einsatz des richtigen diagnostischen Werkzeugs bedeutet.

Früher hieß es „entweder Gewebe oder Flüssigkeit“. Jetzt sehen wir, dass „sowohl Gewebe als auch Flüssigkeit“ nötig ist. Die gegenseitige Bestätigung der Tests (Konkordanz) ist zu einem unserer stärksten prognostischen Faktoren geworden. Diese Patienten könnten „besonders stark Ansprechende“ (Super-Responder) sein.

Künftig werden genetische Befunde neben „Mutation vorhanden/nicht vorhanden“ auch „Gewebe-Flüssigkeits-Konkordanz vorhanden/nicht vorhanden“ ausweisen. Daran werden wir unsere Therapieentscheidungen ausrichten.

Wissenschaftliche Literatur

  1. Botticelli A, Cremolini C, Scagnoli S, et al. The Impact of Concordance between Liquid and Tissue Biopsy for Actionable Mutations: Insights from the ROME Trial. Clinical Cancer Research. 2026 Jan 6;32(1):45–55. doi:10.1158/1078-0432.CCR-25-0430
  2. Saldanha O, Siu LL. On the Road to ROME: Defining Tissue–Liquid Concordance in Precision Oncology. Clinical Cancer Research. 2026;32(1):7.
  3. Pascual J, et al. ESMO recommendations on the use of circulating tumour DNA assays for patients with cancer: a report from the ESMO Precision Medicine Working Group. Annals of Oncology. 2022.
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Drozdogan-Assistent

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