Gewebe- und Liquid Biopsy bei Krebs: Konkurrenten oder sich ergänzende Partner?

In diesem Artikel
Gewebe- und Liquid Biopsy gemeinsam verlängern das Überleben (ROME-Studie)
Reicht eine einzige Biopsie aus?
In der modernen Onkologie treffen wir Therapieentscheidungen meist anhand einer kleinen Gewebeprobe aus dem Tumor (klassische Biopsie). Krebs ist jedoch keine statische Struktur, sondern ein sich fortlaufend verändernder, evolutionär entwickelnder Gegner, der an unterschiedlichen Körperstellen unterschiedliche Eigenschaften aufweisen kann (Heterogenität). Die Gewebebiopsie liefert nur eine „Momentaufnahme“ eines bestimmten Tumorbereichs. Dagegen analysiert die Liquid Biopsy (Flüssigbiopsie)Tumor-DNA im Blut und ermöglicht es uns, den „Film“ der Erkrankung zu verfolgen.
Kann die Verbindung beider Verfahren den Verlauf für den Patienten verändern? Die am
6. Januar 2026 in Clinical Cancer Research veröffentlichte große, rund 1800 Patienten umfassende ROME-Studiebeantwortet diese Frage eindeutig: Ja. Wenn wir in Gewebe- und Liquid Biopsy dieselbe Zielstruktur (Mutation) nachweisen und das passende zielgerichtete Medikament einsetzen, steigen Überlebensdauer und Behandlungserfolg deutlich. Dieser Beitrag erläutert den neuen „Goldstandard“ der Onkologie und seine Folgen für unsere klinische Praxis.
Die ROME-Studie: Aufbau und Umfang
Diese multizentrische Phase-2-Studie sollte die Wirksamkeit der „maßgeschneiderten Therapie“ (Tailored Therapy – TT) bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen nach Ausschöpfen der Standardbehandlungen (2. oder 3. Therapielinie) prüfen.
- Patientenzahl: 1.794 Patienten wurden gescreent, 400 randomisiert.
- Methode: Bei jedem Patienten erfolgten eine Gewebebiopsie (FoundationOne CDx) und eine Liquid Biopsy (FoundationOne Liquid CDx).
- Entscheidungsprozess: Die Ergebnisse wurden durch das molekulare Tumorboard (MTB) beurteilt.
- Gruppen:
- Maßgeschneiderte Therapie (TT): Patienten mit einem gegen die genetische Zielstruktur gerichteten Medikament.
- Standardbehandlung (SoC): Patienten mit einer vom Arzt gewählten klassischen Chemotherapie.
Ergebnisse: „Doppelte Bestätigung“ rettet Leben
Das bemerkenswerteste Ergebnis ist der große Überlebensunterschied bei Patienten mit übereinstimmenden, sich gegenseitig bestätigenden Tests (Konkordanz).
Gruppe 1: Konkordant (T+L)
Dieselbe Mutation wurde in Gewebe und Blut nachgewiesen.
Bestes Ergebnis!
Gruppe 2: Nur Gewebe
Die Mutation wurde nur im Gewebe, nicht im Blut gefunden.
Mittlerer Erfolg
Gruppe 3: Nur Flüssigbiopsie
Die Mutation wurde nur im Blut, nicht im Gewebe gefunden.
Schwächstes Ansprechen
Statistische Aussagekraft:
In der konkordanten Gruppe (T+L) verringerte eine maßgeschneiderte Therapie (TT) gegenüber der Standardbehandlung (SoC) das Sterberisiko um 26 % (HR: 0.74) und das Progressionsrisiko um 45 % (HR: 0.55). Das ist statistisch hochsignifikant.
Warum ist eine „doppelte Positivität“ günstiger? Wissenschaftliche Einordnung
Die Studienautoren erklären dies durch mehrere Faktoren:
- Biologische Dominanz: Ist eine Mutation sowohl in Gewebe als auch im Blut nachweisbar, ist sie wahrscheinlich der „Haupttreiber“ des Tumors (Treibermutation). Das Tumorwachstum hängt somit von ihr ab. Wird das passende Medikament gegeben, bricht der Tumor zusammen.
- Tumorlast und Heterogenität: Nur im Blut nachgewiesene Mutationen (L-Only) treten meist bei sehr fortgeschrittener Erkrankung, hoher Tumorlast und komplexer genetischer Zusammensetzung (polyklonal) auf. Bei diesen Patienten ist der Erfolg mit einem einzigen Medikament schwierig.
- Zuverlässigkeit: Identische Testergebnisse geben dem molekularen Tumorboard (MTB) Sicherheit bei der Medikamentenwahl. Die Möglichkeit eines „falsch positiven“ Befundes entfällt.
Folgen für die klinische Praxis: Was ist zu tun?
Die ROME-Studie verändert den Begriff der „Biopsie“ in der Onkologie.
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Ideales Szenario | Wenn möglich, sollten bei jedem Patienten Gewebe- und Liquid Biopsy durchgeführt und die Ergebnisse verglichen werden. |
| Konkordante (übereinstimmende) Ergebnisse | Diese Patienten sind die besten Kandidaten für „zielgerichtete Medikamente“. Eine zielgerichtete Therapie (TT) sollte gegenüber einer Standardchemotherapie vorrangig erwogen werden. |
| Diskordante (abweichende) Ergebnisse | Ist die Mutation nur in einem Test nachweisbar, ist der Erfolg zielgerichteter Therapie geringer. Standardbehandlungen oder klinische Studien können hier geeigneter sein. |
| Hirntumoren | Die Studie zeigte, dass die Liquid Biopsy aus Blut bei Hirntumoren (Glioblastom u. a.) wenig erfolgreich ist. Gewebebiopsie oder Liquoranalyse (Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) sind deshalb zuverlässiger. |
Wissenschaftliche Literatur
- Botticelli A, Cremolini C, Scagnoli S, et al. The Impact of Concordance between Liquid and Tissue Biopsy for Actionable Mutations: Insights from the ROME Trial. Clinical Cancer Research. 2026 Jan 6;32(1):45–55. doi:10.1158/1078-0432.CCR-25-0430
- Saldanha O, Siu LL. On the Road to ROME: Defining Tissue–Liquid Concordance in Precision Oncology. Clinical Cancer Research. 2026;32(1):7.
- Pascual J, et al. ESMO recommendations on the use of circulating tumour DNA assays for patients with cancer: a report from the ESMO Precision Medicine Working Group. Annals of Oncology. 2022.
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