Neue Strategie bei Brustkrebs: Kann eine vorangestellte Bestrahlung das Immunsystem wecken?

In diesem Artikel
Hormonrezeptorpositiver (HR+), HER2-negativer Brustkrebs gilt immunologisch meist als „kalter“ Tumor, der vom Immunsystem nicht ausreichend erkannt wird. Diese biologische Eigenschaft begrenzt die Wirksamkeit von Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) in dieser Patientengruppe. Präklinische Daten legen jedoch nahe, dass eine Strahlentherapie die Tumormikroumgebung verändern, die Infiltration von Immunzellen erhöhen und den Tumor immunologisch „heiß“ machen kann.
Die beim San Antonio Breast Cancer Symposium 2026 (SABCS) vorgestellte Studie P-RAD (Pre-operative Radiation And Pembrolizumab) liefert erste prospektive Daten dafür, dass eine kurze „Induktionsbestrahlung“ vor der neoadjuvanten Behandlung die Dichte der T-Zellen im Tumor erhöht und die vollständige Tumorfreiheit der Lymphknoten verbessert.
1. Studiendesign und Methodik
Diese von Dr. Gaorav Gupta und seinem Team durchgeführte Phase-2-Studie umfasst 51 Patientinnen mit hohem Rückfallrisiko und positiven Lymphknoten (medianes Alter: 49.5). Vor der neoadjuvanten systemischen Therapie wurden sie auf drei Behandlungsarme randomisiert:
- Strahlentherapie: Insgesamt 24 Gy an 3 Tagen (8 Gy x 3)
- Gleichzeitig: 1 Dosis Pembrolizumab
- Strahlentherapie: Insgesamt 9 Gy an 3 Tagen (3 Gy x 3)
- Gleichzeitig: 1 Dosis Pembrolizumab
- Strahlentherapie: Keine
- Gleichzeitig: Nur Pembrolizumab
Protokolldetail: Bestrahlt wurde ausschließlich der primäre Brusttumor; die regionalen Lymphknoten lagen außerhalb des Bestrahlungsfeldes. Nach 2 Wochen wurde eine Tumorbiopsie entnommen. Anschließend erhielten alle Patientinnen eine standardmäßige neoadjuvante Chemotherapie (Paclitaxel + Adriamycin/Cyclophosphamid) und Pembrolizumab.
2. Immunmodulation und klinisches Ansprechen
Die „T-Zell-Infiltration“, der primäre Endpunkt der Studie, nahm mit der Strahlendosis zu.
Regionales Ansprechen: Tumorfreiheit der Lymphknoten
Obwohl nur der Primärtumor bestrahlt wurde, lassen die bei der Operation festgestellten Raten vollständiger Tumorfreiheit in den Lymphknoten (nodale pCR) auf eine systemische Immunaktivierung schließen.
- 24-Gy-Gruppe: 33 % nodale Tumorfreiheit
- Kontrollgruppe: 24 % nodale Tumorfreiheit
Dieser Befund spricht für den durch die Aktivierung antigenpräsentierender Zellen im Tumor, ihre Wanderung in die Lymphknoten und die dortige Auslösung einer systemischen Antwort erklärten „abskopalen Effekt“ und unterstützt diese Hypothese.
Subgruppenanalyse: Nicht-Luminal-A-Tumoren
Bei der Analyse nach Tumorbiologie stellten die Forschenden einen deutlichen Unterschied fest. Die immunstimulierende Wirkung der Strahlentherapie war besonders in der biologisch aggressiveren oder eher für eine Immunantwort empfänglichen Subgruppe Nicht-Luminal A ausgeprägt.
| Subgruppe | Patientinnenzahl | Nodale Tumorfreiheit |
|---|---|---|
| Nicht-Luminal A (mit Boost-Bestrahlung) | 15 | 7 (46.6 %) |
| Luminal A (mit Boost-Bestrahlung) | 16 | 1 (6.2 %) |
3. Sicherheit und Ausblick
Wegen ihrer kleinen Stichprobe war die Studie nicht darauf ausgelegt, einen eindeutigen Überlebensvorteil nachzuweisen. Sie bestätigte jedoch erfolgreich das biologische Konzept (Proof of Concept). Insbesondere die Bildung tertiärer lymphatischer Strukturen (TLS) mit T-Zellen, B-Zellen und dendritischen Zellen rund um den Tumor ist ein histologischer Hinweis auf eine starke Immunantwort.
Kommentar von Dr. Carlos Arteaga: „Die Ergebnisse sind sehr interessant. Wir benötigen jedoch randomisierte Phase-3-Studien, um zu sehen, ob dieser Ansatz die Behandlungsergebnisse der Patientinnen, also ihr Überleben, tatsächlich verbessert.“
Referenzen und Publikationsangaben
Präsentation: Gupta G, et al. "Upfront Radiation Boosts ICI Response in Breast Cancer." San Antonio Breast Cancer Symposium (SABCS) 2025.
Finanzierung: Merck, Breast Cancer Research Foundation, Translational Breast Cancer Research Consortium, Susan G. Komen Foundation.
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Die Rolle der Strahlentherapie verändert sich: Von der lokalen Behandlung zur systemischen Modulation
Die P-RAD-Studie unterstreicht erneut die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Strahlenonkologie und medizinischer Onkologie. Die Idee, Strahlentherapie nicht nur zur „lokalen Kontrolle“, sondern als biologischen Wirkfaktor einzusetzen, der das Immunsystem „weckt“ und die Wirksamkeit systemischer Therapien steigert, könnte insbesondere bei gegen Immuntherapien resistenten Gruppen wie HR+ Brustkrebs neue Möglichkeiten eröffnen.
Künftig könnten Protokolle zum Standard werden, in denen Strahlendosis und Zeitpunkt nach dem molekularen Tumorsubtyp (Luminal A versus Nicht-Luminal A) individuell angepasst werden.