Was ist Mitgefühlsmüdigkeit? Eine übersehene Gefahr in der Onkologie

In diesem Artikel
Onkologinnen, Onkologen und andere Fachkräfte für chronische Erkrankungen bemerken mit der Zeit Veränderungen im Team. Früher motivierte und begeisterte Kolleginnen und Kollegen werden zurückgezogen, distanziert und wirken ausgebrannt.
Im persönlichen Gespräch zeigt sich, dass etwas nicht stimmt. Häufig liegt eine starke emotionale Erschöpfung zugrunde.
In den letzten Jahren betreuen viele onkologische Teams zunehmend jüngere Menschen. Zu erleben, wie Gleichaltrige mit Krebs umgehen müssen, kann tief berühren. Diese emotionale Last wirkt sich mit der Zeit auch auf das Privatleben der Fachkräfte aus.
Immer mehr onkologische Fachkräfte erleben Mitgefühlsmüdigkeit . Gemeint ist geistige, körperliche und emotionale Erschöpfung durch lang andauernde Konfrontation mit den Traumata anderer. Auch als sekundäre Traumatisierung bezeichnet, kann sie zu Gefühllosigkeit, innerer Distanz oder emotionaler Leere führen.
In stark belastenden Bereichen wie der Onkologie ist Mitgefühlsmüdigkeit verbreitet. Häufige Gespräche über Leben und Tod können das Risiko erhöhen. Schutz der psychischen Gesundheit und verlässliche Unterstützung sind daher besonders wichtig.
Was ist Mitgefühlsmüdigkeit?
Mitgefühlsmüdigkeit (Compassion Fatigue) ist eine Erschöpfungsform besonders in helfenden Berufen wie Gesundheitswesen, Sozialarbeit und Unterricht. Sie bezeichnet die emotionale und körperliche Erschöpfung durch ständige Konfrontation mit Traumata oder Schwierigkeiten anderer Menschen.
Die wichtigsten Merkmale sind:
- Emotionale Erschöpfung: Ständiges Bemühen um Empathie kann ermüden. Die Fähigkeit zum Mitfühlen kann mit der Zeit sinken und Arbeit sowie persönliche Beziehungen beeinträchtigen.
- Sekundäre Traumatisierung: Das Miterleben fremden Leids kann selbst traumatisieren. Dies zeigt sich häufig im Gesundheitswesen und bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen.
- Folgen für Beruf und Privatleben: Die Wahrscheinlichkeit von Fehlern kann steigen. In Beziehungen können Gleichgültigkeit oder Rückzug auftreten.
Welche Symptome gibt es?
Mitgefühl gehört zur Versorgung. Empathie stärkt die Beziehung zwischen Behandelnden und Betroffenen und ermöglicht bessere Therapieentscheidungen.
Empathie und Fürsorge schaffen Vertrauen. Besonders bei bislang unzureichend repräsentierten Patientengruppen ist dies entscheidend.
Ärztliche und andere Gesundheitsfachkräfte können jedoch irgendwann beginnen, zu viel zu geben . Ständige Konfrontation mit traumatischen Erfahrungen wird zur schweren Last und kann schließlich emotionale Distanz erzeugen.
Eine im Mai 2024 veröffentlichte Fallstudie zeigte Ähnlichkeiten mit Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Drei Hauptsymptome stehen im Vordergrund:
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Übererregung : Unruhe, geringe Belastbarkeit und ständige Wachsamkeit.
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Vermeidung : Stresssituationen und Kontakte mit Betroffenen werden gemieden.
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Wiedererleben belastender Ereignisse : Belastende frühere Fälle drängen sich wiederholt ins Bewusstsein.
Anfangs wird die Entwicklung meist nicht bemerkt. Onkologische Fachkräfte können zunehmende Distanz zu Betroffenen, Unzufriedenheit mit der Arbeit oder ungewohnte Stimmungsschwankungen wahrnehmen.
Gelegentliche Gereiztheit, Erschöpfung oder Rückzug sind normal. Bleiben diese Gefühle jedoch bestehen, kann Mitgefühlsmüdigkeit vorliegen.
Mitgefühlsmüdigkeit und Burnout
Beide können ähnliche Symptome haben, beruhen aber auf unterschiedlichen Ursachen. Mitgefühlsmüdigkeit ist eine emotional bedingte Erschöpfung ohne unmittelbaren Zusammenhang mit dem Arbeitsumfang. Burnout entsteht dagegen durch systembedingte Arbeitsbelastung und kann die erlebte Sinnhaftigkeit der Arbeit vermindern.
In der Onkologie können etwa ineffiziente elektronische Dokumentation und übermäßige Dateneingabe Burnout begünstigen. Sie erschweren die Konzentration auf die Behandlung und lassen den Sinn der Arbeit infrage stellen.
Mit Mitgefühlsmüdigkeit umgehen
Obwohl die Onkologie Risiken und traumatische Erfahrungen mit sich bringt, betrachten Fachkräfte dies häufig nicht als persönliche Gefahr.
Wir werden hierfür nicht ausreichend geschult und nehmen uns zu wenig Zeit, solche Probleme zu erkennen.
Mitgefühlsmüdigkeit ist jedoch nicht unvermeidbar. Wer den Umgang mit der emotionalen Last lernt, kann gesündere Bewältigungsstrategien entwickeln. Entscheidend sind Umgebungen, in denen sich Gesundheitsfachkräfte sicher fühlen.
Empfohlene Ansätze:
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Regelmäßige kollegiale Unterstützungstreffen: Gespräche über schwierige Fälle ermöglichen gemeinsame Erfahrungen und vermitteln, nicht allein zu sein.
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Professionelle Unterstützungsgruppen: Sie bieten geschützte Räume für den Austausch über berufliche Schwierigkeiten.
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Training wirksamen Zuhörens: Aktives Zuhören hilft, einander besser zu verstehen und zu unterstützen. In geplanten Programmen können ärztliche, pflegerische und andere Fachkräfte lernen, mit Kolleginnen und Kollegen wirksamer zu kommunizieren.
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Informelle Mentoringangebote: Krankenhäuser können Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen ermöglichen, die in psychischer Gesundheit geschult sind.
Über positive Erfahrungen nachzudenken kann motivieren; negative Erfahrungen zu teilen kann entlasten.
Mit größerem Bewusstsein können Fachkräfte offener miteinander sprechen und schwierige Fälle häufiger gemeinsam besprechen. Dies kann auch verhindern, dass berufliche Belastungen ins Privatleben getragen werden.
Fazit: Nicht warten, bevor Hilfe gesucht wird
Fachleute empfehlen eine niedrige Schwelle zur Hilfesuche. Am besten wird Unterstützung genutzt, bevor Depression oder schwere Symptome entstehen.
Es geht nicht darum, die eigene Belastbarkeit infrage zu stellen, sondern durch Sinn und Zufriedenheit im Beruf langfristig gesund und ausgeglichen zu bleiben.
Quellen
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