Cisplatin und Vinorelbin: Behandlungsschema bei Lungenkrebs

In diesem Artikel
Die Kombination aus Cisplatin und Vinorelbinist eine etablierte platinhaltige Zweifachtherapie beim nichtkleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC). Sie bietet einen nachgewiesenen Überlebensvorteil nach der Operation und hohe Wirksamkeit bei lokal fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung. Wegen des hohen emetogenen Potenzials und des Nephrotoxizitätsrisikos ist eine konsequente unterstützende Behandlung erforderlich.
- Cisplatin (alkylanzienähnlicher Wirkstoff): Bildet nach Eintritt in die Zelle Quervernetzungen zwischen DNA-Strängen. Diese Schäden hemmen DNA-Replikation und Transkription und führen die Krebszelle in die Apoptose, den programmierten Zelltod.
- Vinorelbin (Vinca-Alkaloid): Stört die Dynamik der Mikrotubuli. Durch Hemmung der Polymerisation von Tubulin, einem Grundbaustein des Zellskeletts, wird die Zelle in der Teilungsphase (M-Phase) angehalten und abgetötet.
Hinweis: Die unterschiedlichen Mechanismen, DNA-Schädigung und Mitosehemmung, wirken synergistisch.
- Adjuvant (nach der Operation): Bei Stadium IB, II und IIIA mikroskopische Erkrankungsreste beseitigen, das Rückfallrisiko senken und das Gesamtüberleben verlängern (Standardversorgung).
- Neoadjuvant (vor der Operation): Den Tumor verkleinern und dadurch die Operabilität verbessern.
- Lokal fortgeschritten/metastasiert: Zusammen mit Bestrahlung als Radiochemotherapie mit kurativem Ziel oder bei metastasierter Erkrankung zur Lebensverlängerung.
- Adjuvant bei NSCLC: Eines der am besten belegten cisplatinhaltigen Schemata, unter anderem durch IALT und ANITA. Meist werden 4 Zyklen empfohlen.
- Leitlinien: NCCN (v.2024) und ESMO empfehlen es bei gutem Allgemeinzustand (PS 0-1) als bevorzugte platinhaltige Zweifachtherapie.
- Türkei (SGK): Bei Lungenkrebs im Rahmen der SUT-Regelungen erstattungsfähig.
- Hydrierung (VERPFLICHTEND): Vor und nach Cisplatin mindestens 2-3 Liter physiologische Kochsalzlösung plus Magnesium-/Kaliumergänzung.
- Cisplatin: 75 – 80 mg/m² als IV-Infusion über 2 Stunden, nur an Tag 1.
- Vinorelbin: 25 – 30 mg/m² als IV-Infusion oder Bolus über 10-15 Minuten an Tag 1 und Tag 8.
- Zyklus: Wiederholung alle 21 Tage. Adjuvant sind insgesamt 4 Zyklen vorgesehen.

- Nierenfunktion (eGFR): Cisplatin ist nephrotoxisch. Bei Kreatinin-Clearance < 60 mL/min wird es meist nicht gegeben oder die Dosis reduziert; ein Wechsel zu Carboplatin wird erwogen.
- Blutbild (Neutrophile): Besonders vor der Vinorelbin-Dosis an Tag 8 muss die absolute Neutrophilenzahl (ANC) kontrolliert werden. Bei ANC < 1500/mm³ entfällt die Dosis an Tag 8.
- Hörprüfung: Eine Ausgangsaudiometrie wird empfohlen, besonders bei Tinnitus.
- Elektrolyte: Magnesium- und Kaliummangel sind häufig; vor der Behandlung kann eine Substitution erforderlich sein.
- Paravasat (Extravasation): Vinorelbin ist stark gewebeschädigend. Bei Schmerzen oder Brennen während der Infusion muss diese sofort gestoppt werden. Je nach Klinikprotokoll werden Kälte oder Wärme und Hyaluronidase angewendet. Möglichst sollte ein Portkatheter genutzt werden.
- Urinausscheidung: Am Cisplatin-Tag muss eine ausreichende Urinausscheidung, etwa >100 cc pro Stunde, gewährleistet sein. Bei Bedarf wird Mannitol eingesetzt.
- Umgang mit Verstopfung: Vinorelbin kann durch neurotoxische Wirkungen die Darmbewegung verlangsamen. Ballaststoffreiche Nahrung und Laxanzien werden empfohlen.
- Niereninsuffizienz: Steigt das Kreatinin trotz Hydrierung, muss Cisplatin abgesetzt und zu Carboplatin gewechselt werden.
- Neuropathie: Cisplatin und Vinorelbin können eine kumulative Neuropathie verursachen. Beeinträchtigt Taubheit an Händen oder Füßen den Alltag (Grad 2+), sind Dosisreduktion oder Medikamentenwechsel nötig.
- Hörverlust: Schwierigkeiten beim Hören hoher Frequenzen und Ohrgeräusche können dauerhaft sein.
- Ältere Patienten: Begleiterkrankungen und Allgemeinzustand können die Cisplatin-Verträglichkeit senken. Eine Aufteilung der Dosis auf mehrere Tage oder Carboplatin als Alternative können erwogen werden.
| Situation | Empfehlung | Hinweis |
|---|---|---|
| Neutropenie an Tag 8 (ANC < 1500) | Die an diesem Tag vorgesehene Vinorelbin-Dosis AUSLASSEN (nicht nachholen) | Die Dosis wird gestrichen, nicht verschoben. |
| Frühere febrile Neutropenie | In Folgezyklen G-CSF oder Dosisreduktion um 20 % | Erhöhtes Infektionsrisiko. |
| Nephrotoxizität (Kreatinin > 1.5) | Cisplatin pausieren oder zu Carboplatin wechseln | Hydrierung verstärken. |
| Schwere Neuropathie / Ototoxizität | Den betreffenden Wirkstoff (Cisplatin/Vinorelbin) absetzen | Risiko dauerhafter Schäden. |
Dosisanpassungen müssen stets nach ärztlicher Beurteilung und unter Berücksichtigung individueller Faktoren erfolgen.
Cisplatin (Platin)
| Häufigkeit | Nebenwirkung | Hinweis zur Behandlung |
|---|---|---|
| >20% | Übelkeit und Erbrechen (akut/verzögert) | NK1 + 5HT3 + Steroid sind erforderlich. Olanzapin kann ergänzt werden. |
| >20% | Nephrotoxizität (Nierenschädigung) | Intensive Hydrierung vor und nach der Gabe. NSAR-Schmerzmittel vermeiden. |
| 10–20 % | Ototoxizität (Tinnitus/Hörverlust) | Beschwerden erfragen, gegebenenfalls Audiometrie. Kann dauerhaft sein. |
| 1–10 % | Elektrolytstörung (Magnesium-/Kaliummangel) | Regelmäßige Blutkontrollen und Substitution per Infusion. |
Vinorelbin (Vinca-Alkaloid)
| Häufigkeit | Nebenwirkung | Hinweis zur Behandlung |
|---|---|---|
| >20% | Neutropenie (verminderte Leukozyten) | Blutbildkontrolle besonders vor der Dosis an Tag 8 entscheidend. Bei Fieber sofort ärztliche Hilfe suchen. |
| 10–20 % | Obstipation (Verstopfung) | Ballaststoffreiche Ernährung, viel Wasser, Laxanzien. Gefahr einer Darmlähmung (Ileus). |
| 10–20 % | Reaktion an der Infusionsstelle (Phlebitis) | Rötung oder Schmerzen entlang der Vene nach der Infusion. Port empfohlen. |
| 1–10 % | Periphere Neuropathie | Taubheit an den Fingerspitzen. Der Nutzen einer Vitamin-B-Ergänzung ist umstritten. |
Die Häufigkeiten beruhen allgemein auf klinischen Studien wie IALT und ANITA; individuelle Reaktionen können abweichen.
Cisplatin plus Vinorelbin ist bei Lungenkrebs bewährt und bietet einen klaren Überlebensnutzen, erfordert aber eine konsequente Behandlung der Toxizität. Für einen erfolgreichen Verlauf sind ausreichende Hydrierung, wirksame Antiemetika und die Kontrolle der Dosis an Tag 8 entscheidend.
1) Arriagada R, et al. (IALT Study). Cisplatin-based adjuvant chemotherapy in patients with completely resected NSCLC. N Engl J Med 2004.
2) Douillard JY, et al. (ANITA Trial). Adjuvant vinorelbine plus cisplatin versus observation... Lancet Oncol 2006.
3) NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: Non-Small Cell Lung Cancer, v.2024.
4) ESMO Guidelines: Early and Locally Advanced NSCLC (2023 update).
5) T.C. Sağlık Bakanlığı – SUT Geri Ödeme Kuralları (2025).
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.