Die ethischen Regeln chirurgischer Zurückhaltung: Noli me tangere (Berühre mich nicht)

In diesem Artikel
19. Tag (Reihe: Geschichte des Krebses in 365 Tagen)
Zu den langlebigsten und vielleicht am häufigsten missverstandenen Konzepten der Onkologiegeschichte gehört der Grundsatz „Noli me tangere“ (Berühre mich nicht). Dieser Satz war über Jahrhunderte sowohl ein Eingeständnis ärztlicher Hilflosigkeit gegenüber Krebs als auch eine ethische Haltung, die Patienten vor noch größerem Leid bewahren sollte.
Die antiken Chirurgen wussten eines sehr gut: Manchmal rettete es mehr Leben, „das Messer in die Scheide zu stecken“, als es einzusetzen.
1. Von heiligen Texten zu medizinischen Warnungen
In der Medizin des Mittelalters und der Renaissance beschrieb der Begriff vor allem ulzerierende Läsionen im Gesicht, die langsam fortschritten, bei Berührung durch Messer oder Kauterisation jedoch aggressiver wurden. 1710 fasste der Chirurg Pierre Dionis dies so zusammen: „Wir nennen es Noli me tangere, berühre mich nicht, weil jede Berührung es reizt und noch größere Zerstörung verursacht.“
2. Die hippokratische Verfassung: Aphorismus 6.38
Die medizinische Begründung dieses Grundsatzes geht auf Hippokrates' berühmtes Werk Aphorismen zurück, und zwar auf Abschnitt 6, Satz 38. Dieser Aphorismus bildete über Jahrhunderte die unveränderte Verfassung der onkologischen Chirurgie:
Warum war Berühren verboten?
Hippokrates' Beobachtung beruhte auf überraschend treffender klinischer Erfahrung. Wenn antike Chirurgen versuchten, einen geschlossenen, noch nicht ulzerierten Tumor zu entfernen, begegneten sie folgenden Problemen:
- Rasches Wachstum: Nach dem Schnitt wuchs der Tumor schnell und breitete sich aus. Heute lässt sich dies durch den Einfluss des Operationstraumas auf die Tumormikroumgebung erklären.
- Tödliche Infektion: Ohne Antisepsis heilte die Wunde nicht, und der Patient starb an einer Sepsis.
- Blutung: Moderne Verfahren zur Blutstillung standen nicht zur Verfügung.
In der antiken Theorie wurde dies als „Wecken des schlafenden Ungeheuers, des Krebses“ gedeutet.
3. Die Entscheidungsmatrix des antiken Chirurgen
Die Ärzte wandten sich nicht von jedem Tumor ab. In der Römerzeit bot die hippokratische Sicht zusammen mit Celsus' Klassifikation (Thema des 20. Tages) einen einfachen Entscheidungsalgorithmus:
Exzision (Herausschneiden) oder Kauterisation (Verödung) sind möglich. Es besteht eine Heilungschance.
Ein chirurgischer Eingriff beschleunigt den Tod. Nur Schmerzen lindern (Palliativversorgung).
Dieser Ansatz ist die früheste Form der heutigen Unterscheidung zwischen kurativer (heilender) und palliativer (lindernder) Behandlung.
Eine kulturelle Anmerkung: Krebs in der Literatur
Dieser Grundsatz der Unberührbarkeit wirkte so stark nach, dass der berühmte Roman des philippinischen Schriftstellers und Volkshelden Jose RizalJahrhunderte später den TitelNoli Me Tangeretrug. Rizal beschrieb gesellschaftliche Korruption mit der Metapher eines „unheilbaren Krebses, der dem Kranken bei Berührung Schmerzen bereitet“.
Verwendete Quellen
- Hippocrates. Aphorisms 6.38.
- Karamanou M, et al. "Ancient Greek and Greco–Roman Methods in Modern Surgical Treatment of Cancer." Journal of BUON.
- Hajdu S.I. "Cancer: We Should Not Forget The Past." Annals of Clinical and Laboratory Science.
- Demidenko, Z. N. "The History of Lupus." LupusPlus.
- Celsus. De Medicina (On Medicine). Loeb Classical Library.
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.
Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.





„Zuerst nicht schaden“ (Primum non nocere)
Heute verfügen wir über robotergestützte Chirurgie und millimetergenau arbeitende Strahlentherapiegeräte. Doch der Grundsatz „Noli me tangere“ des Hippokrates erinnert uns weiterhin an die grundlegendste ethische Regel der Medizin: Ein Eingriff darf für einen Patienten keine schlimmeren Folgen haben als die Krankheit selbst.
Antike Ärzte versuchten, ihre Patienten zu schützen, indem sie ihre Grenzen kannten. Heute heilen wir, indem wir Grenzen erweitern. Beiden Ansätzen liegt jedoch dasselbe Ziel zugrunde: Achtung vor dem menschlichen Leben.