Die zwei Gesichter des Nils: Papyrus Ebers, Parasiten und die GIFTIGE Heilung einer Königin

In diesem Artikel
12. Tag (Reihe: Geschichte des Krebses in 365 Tagen)
Der in den vergangenen Tagen untersuchte Papyrus Edwin Smithenthielt nüchterne chirurgische Beobachtungen und die Warnung, nicht einzugreifen. Der um 1550 v. Chr. verfasste Papyrus Ebersbringt dagegen einen ganz anderen Akteur auf die Bühne: Arzneimittel und Pharmakologie.
Diese gewaltige Schriftrolle beleuchtet neben den Versuchen zur Krebsbehandlung auch eine heimtückische Krebsursache im Nilwasser (Schistosomiasis) sowie die Tragödie der Königin Hatschepsut, möglicherweise den ersten behandlungsbedingten (iatrogenen) Krebsfall der Geschichte.
Heute betreten wir die Apotheke der antiken Welt und folgen den Spuren arsenhaltiger Salben, von Parasiten und kosmetischen Vergiftungen.
Medizinische Zeitleiste (2650 v. Chr. – 2011)
1550 v. Chr.
Papyrus Ebers: Abfassung einer umfangreichen medizinischen Enzyklopädie mit 877 Rezepten.
1458 v. Chr.
Hatschepsuts Tod: Die Königin starb vermutlich an Krebs infolge einer von ihr verwendeten Arzneisalbe.
1910
Entdeckung der Parasiten: Sir Ruffer fand verkalkte Schistosoma-Eier in Mumien.
2011
Toxikologische Analyse: Die Universität Bonn wies krebserregendes Benzopyren in Hatschepsuts Flakon nach.
1. Papyrus Ebers: Was bedeuten „Weshau“ und „Bnwt“?
Wenn der Papyrus Edwin Smith ein chirurgischer Atlas ist, ist der Papyrus Ebers ein umfassendes Arzneibuch (Pharmakopöe). In diesem 20 Meter langen Dokument verwendeten antike Ärzte eindringliche Metaphern zur Beschreibung von Krebs.
Weshau (fressende Krankheit)
Der Begriff beschreibt maligne, also bösartige Prozesse. Dass der Tumor den Körper „auffrisst“, Gewebe aufzehrt und den Patienten schwächt (Kachexie), entspricht unmittelbar der modernen Krebsbeschreibung. Insbesondere das Rezept 811 enthält für Brusterkrankungen die Warnung: „Nicht fressen lassen, nicht bluten lassen.“
Bnwt (Geschwür/Schwellung)
Der Begriff bedeutet meist Geschwür oder Abszess. Als „fressendes Geschwür“ („eating ulcer“) beschrieben, weist er jedoch auf Mundhöhlen- oder Hautkrebs hin. Der Papyrus empfiehlt lindernde, palliative pflanzliche Spülungen für diese Wunden.
Behandlungsversuche: Im Papyrus Ebers werden neben der chirurgischen Entfernung auch arsenhaltige „ägyptische Salbe“, Kupfersalze und Bleiverbindungen eingesetzt. Wegen seiner zellabtötenden, zytotoxischen Wirkung kann Arsen trotz seiner Gefährlichkeit als sehr früher Vorläufer der modernen Chemotherapie gelten.
2. Umweltbedingter Krebs: der Nil und die Schistosomiasis
Die ägyptische Zivilisation verdankte dem Nil ihre Existenz. Zugleich war er die Quelle einer tödlichen Erkrankung: Schistosomiasis (Bilharziose). Dies ist die älteste bekannte umweltbedingte Krebsursache der Geschichte.
Ruffers Mikroskop (1910)
Als Sir Marc Armand Ruffer 1910 die Nieren 3000 Jahre alter Mumien mikroskopisch untersuchte, entdeckte er verkalkte Parasiteneier. Die durch Schnecken im Nilwasser übertragenen Parasiten siedelten sich in der Harnblase von Bauern an, verursachten chronische Entzündungen und führten schließlich zu Blasenkrebsin Form eines Plattenepithelkarzinoms. Die in den Papyri erwähnte „AAA-Krankheit“ mit blutigem Urin war höchstwahrscheinlich Ausdruck dieses Geschehens.
3. Die Tragödie einer Königin: Hatschepsut und die giftige Heilung
Hatschepsut, die legendäre Pharaonin der 18. Dynastie (1479-1458 v. Chr.), gehörte zu den mächtigsten Frauen der Geschichte. Die Untersuchung ihrer Mumie zeigte jedoch, dass sie leidvoll an Krebs gestorben war, der bis in die Knochen metastasiert hatte. Was hatte diesen Krebs verursacht?
Die Entdeckung der Universität Bonn 2011
Ein vermeintlich der Königin gehörender Parfümflakon wurde analysiert. Der Rückstand am Boden war kein Parfüm, sondern ein Arzneimittel.
- Zweck: Die Behandlung einer chronischen Hauterkrankung wie Ekzem oder Schuppenflechte.
- Inhaltsstoffe: Dattel- und Muskatöl.
- Tödlicher Fehler: In der Mischung wurde eine hohe Konzentration von BENZOPYREN nachgewiesen.
Benzopyren gehört zu den stärksten Karzinogenen, die heute in Tabakrauch und Teer bekannt sind. Mit der Salbe, die ihre Haut heilen sollte, vergiftete sich die Königin unwissentlich und begünstigte die Krebsentstehung.
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.