Erstmals längeres Überleben durch Immuntherapie bei platinresistentem Eierstockkrebs: Pembrolizumab

In diesem Artikel
Seit vielen Jahren gehört der platinresistente Eierstockkrebs zu den schwierigsten Bereichen der Onkologie. Vereinfacht gilt ein Ovarialkarzinom nach einem Ansprechen auf platinhaltige Chemotherapie bei einem Rezidiv innerhalb von 6 Monaten als platinresistent. Dann sind Standardtherapien begrenzt, Ansprechraten niedrig und Überlebenszeiten meist kurz. Ein neuer Behandlungsansatz mit einem tatsächlichen Überlebensvorteil ist für diese Patientengruppe deshalb eine bemerkenswerte Entwicklung.
Die auf der ESMO 2025 als LBA3 vorgestellte ENGOT-ov65 / KEYNOTE-B96 -Studie der Phase 3 zeigte in diesem Bereich erstmals, dass ein Immuncheckpoint-Inhibitor (Pembrolizumab, Keytruda) eine signifikante Verlängerung des Gesamtüberlebens (OS) erzielen kann . An der Studie nahmen 643 Patientinnen mit platinresistenter Erkrankung teil; die Behandlung wurde mit wöchentlichem Paclitaxel ± Bevacizumab kombiniert.
Studiendesign und Patientengruppe
An der randomisierten, doppelblinden Phase-3-Studie nahmen 643 Patientinnen teil. Bei 86% lag eine hochgradig seröse und bei 7.8% eine klarzellige Histologie vor. Etwa 73.3% hatten bereits vor Studienbeginn Bevacizumab erhalten.
Die Patientinnen wurden auf zwei Arme randomisiert:
- Prüfarm: Pembrolizumab + wöchentliches Paclitaxel ± Bevacizumab
- Kontrollarm: Placebo + wöchentliches Paclitaxel ± Bevacizumab
Die beiden zentralen untersuchten Endpunkte waren das progressionsfreie Überleben (PFS) und das Gesamtüberleben (OS) der Patientinnen.
📊 Ergebnisse: Was sagen die Zahlen?
- Erste Zwischenanalyse nach 15.6 Monaten Nachbeobachtung: In der Gesamtpopulation betrug das PFS 8.3 Monate gegenüber 6.4 Monaten . Dies entspricht einer Senkung des Progressionsrisikos um 30% (HR 0.70, p<0.0001) unter der Prüfbehandlung.
- Bei PD-L1-positiven Patientinnen (CPS ≥1): Das PFS lag bei 8.3 Monaten gegenüber 7.2 Monaten (HR 0.72, p=0.0014).
- Zweite Zwischenanalyse nach 26.6 Monaten Nachbeobachtung: In der PD-L1-positiven Gruppe war das OS signifikant länger: 18.2 Monate gegenüber 14.0 Monaten (HR 0.76, p=0.0053).

Ein Überlebensunterschied von durchschnittlich 4 Monaten bedeutet in einer platinresistenten Patientengruppe eine Senkung des Sterberisikos um bis zu 25 Prozent . Einen solchen Nutzen hatte bisher keine Immuntherapie in dieser Patientengruppe gezeigt.
PD-L1- und Bevacizumab-Untergruppen
Der Unterschied blieb mit oder ohne Bevacizumab vergleichbar:
- Mit Bevacizumab: HR 0.75 (95% KI: 0.58–0.97)
- Ohne Bevacizumab: HR 0.75 (95% KI: 0.51–1.11)
Der Überlebensvorteil durch Pembrolizumab scheint somit unabhängig vom Bevacizumab-Einsatz erhalten zu bleiben.
⚠️ Sicherheit und Verträglichkeit
Der Anteil behandlungsbedingter Nebenwirkungen ab Grad ≥3 betrug im Prüfarm 67.5%und im Kontrollarm 55.3% . Dieser Unterschied wurde klinisch als beherrschbar bewertet.
Am häufigsten traten Neutropenie, Müdigkeit, Neuropathie und Hypothyreose auf. Das Studienteam bezeichnete das Sicherheitsprofil insgesamt jedoch als „beherrschbar“.
Kommentar der DROZDOGAN Akademie
- Erstes Signal beim Gesamtüberleben (OS): Der erstmals beobachtete signifikante OS-Vorteil einer Immuntherapie bei Eierstockkrebs zeigt, dass das Immunsystem bei diesem Tumortyp wieder eine zentrale Rolle einnehmen könnte. Gerade in einem Bereich, in dem Immuntherapien lange erfolglos waren, stellt dies bisherige Vorstellungen infrage.
- Biologische Bedeutung des Zahlenunterschieds: Ein PFS von 8.3 gegenüber 6.4 Monaten und ein OS von 18.2 gegenüber 14 Monaten mögen zunächst wenig erscheinen. In einer platinresistenten Population bedeuten sie jedoch eine Senkung des Sterberisikos um 25% . Ein Unterschied dieser Größenordnung ist für diese Patientengruppe ein klinisch beachtlicher Fortschritt.
- Botschaft zum Tumormikromilieu: Schwache Ansprechraten bei PD-L1-negativen Patientinnen erinnern an die dominante Rolle der Immunflucht. Dies legt nahe, künftig Kombinationen zur Umprogrammierung des Mikromilieus zu entwickeln, etwa mit Anti-VEGF, Hemmern der DNA-Schadensantwort oder ADC.
- Bedeutung für die klinische Praxis: Pembrolizumab + Paclitaxel ± Bevacizumab erscheint besonders für stärker vorbehandelte, PD-L1-positive Patientinnen als praktikable Option. Angesichts häufiger höhergradiger Toxizitäten ist die Patientenauswahl jedoch entscheidend.
- Blick in die Zukunft: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Vorstellung von Chemotherapie als einzigem Weg bei platinresistenter Erkrankung langsam auflösen könnte. Die biologisch begründete Integration von Immuntherapie, ADC und zielgerichteten Wirkstoffen wird ein zentrales künftiges Forschungsfeld sein.
🔗 Weiterführend: andere Fortschritte bei platinresistentem Eierstockkrebs
Während Immuntherapie ein Überlebenssignal zeigt, stehen auch Wirkstoffe gegen andere biologische Signalwege im Fokus. So zeigte die Phase-3-Studie ROSELLA, dass die Kombination des Glukokortikoidrezeptorblockers Relacorilant mit nab-Paclitaxel in derselben Patientengruppe das progressionsfreie und das Gesamtüberleben signifikant verlängert. Der eine Ansatz stärkt das Immunsystem, der andere soll durch Hemmung der Stressantwort Tumorresistenz durchbrechen. Beide könnten künftig den Weg für Kombinationsstrategien mit Fokus auf der „Stress-Immun-Achse“ ebnen.
Fazit: ein kleiner Schritt mit großer Bedeutung
KEYNOTE-B96 markiert einen Wendepunkt bei platinresistentem Eierstockkrebs. Die OS-Verlängerung ist zwar keine Revolution, hat aber die Immuntherapie bei Eierstockkrebs wieder in den Mittelpunkt gerückt und neue Fragen eröffnet.
Die zentrale Frage lautet nun: Wie sollten Kombinationen gestaltet werden, die dieses Signal verstärken, etwa ADC + IO + Anti-VEGF als Dreifachkombination? Die ESMO 2025 bot einen hoffnungsvollen Ausgangspunkt für die Antwort.
📚 Quelle
Colombo N, et al. Pembrolizumab vs placebo plus weekly paclitaxel ± bevacizumab in platinum-resistant recurrent ovarian cancer: results from the randomized double-blind phase 3 ENGOT-ov65/KEYNOTE-B96 study. ESMO Congress 2025 – LBA3.

War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.