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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Ibn Sina, der Fürst der Ärzte, und seine Philosophie des Krebses

Ibn Sina, der Fürst der Ärzte, und seine Philosophie des Krebses
In diesem Artikel

Tag 29 (Die Geschichte des Krebses in 365 Tagen)

Im Westen der „Fürst der Ärzte“, im Osten das „Oberhaupt der Ärzte“. Die intellektuelle Auseinandersetzung eines Genies mit dem „dunklen Rätsel“ Krebs, auf seinem Weg von den staubigen Straßen Bucharas an die Spitze der Medizin.

Die Geschichte der Menschheit wurde nicht nur durch Aufstieg und Fall von Reichen geschrieben, sondern auch durch den stillen Kampf des Menschen mit seinem eigenen Körper. Die hartnäckigste Front dieses Kampfes ist zweifellos der Krebs. Während die moderne Onkologie diese Krankheit heute zwischen den DNA-Strängen sucht, suchte vor genau tausend Jahren im Herzen Zentralasiens ein Genie mit dem „Auge des Verstandes“ nach Antworten auf dieselben Fragen: Ibn Sina (Avicenna).

Er war nicht bloß ein Arzt, der Rezepte ausstellte. Er war ein Systembegründer, der die Logik des Aristoteles auf die Medizin anwandte, Krankheiten mit mathematischer Präzision einteilte und durch sein Werk Kanon der Medizin (Al-Qanun fi at-Tibb) an europäischen medizinischen Fakultäten 600 Jahre lang als „unbestrittene Autorität“ galt. Doch wie sah dieser Mann, der „das Unmögliche vollbrachte“, den Krebs (Saratan), die gefürchtetste Krankheit seiner Zeit? Dieser Beitrag bietet nicht nur eine medizinische Analyse, sondern erzählt auch die faszinierende Geschichte der Metaphern „schwarze Galle“ und „Krebs“ im Denken eines Genies.

Porträt eines Genies: „Das Kind ohne Lehrer“

Ibn Sina wurde im Jahr 980 in Afschana nahe Buchara geboren und hatte bereits mit 10 Jahren den Koran und die klassische Literatur auswendig gelernt. Mit 16 legte er die medizinischen Bücher als „viel zu einfach“ beiseite. Sein Weg änderte sich, als er den samanidischen Emir Nuh ibn Mansur von einer tödlichen Krankheit heilte. Mit erst 17 Jahren wünschte er sich als Belohnung nur eines: Zugang zur Palastbibliothek.

Der Mann, der das Unmögliche vollbrachte

Inmitten politischer Unruhen verfasste Ibn Sina seine Werke mal auf dem Sitz des Wesirs, mal im Kerker. Hier einige seiner in die Medizingeschichte eingegangenen „ersten Leistungen“:

  • Psychosomatische Medizin: Er diagnostizierte bei einem Prinzen „Liebeskrankheit“, indem er lediglich dessen Puls fühlte und den Anstieg des Herzschlags beim Namen der geliebten Frau maß. Er war der erste Arzt, der den Einfluss der Seele auf den Körper nachwies.
  • Infektionskrankheiten: Er entdeckte, dass Tuberkulose ansteckend ist, und empfahl zur Verhinderung ihrer Ausbreitung die Methode der „Quarantäne“ .
  • Anatomie: Er zeichnete die Anatomie des Auges und die Funktion der Netzhaut so detailliert wie niemand zuvor.

Die Philosophie des Krebses: Der Fluch der „schwarzen Galle“

Nach Ibn Sina bestand das Universum aus vier Elementen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) und der menschliche Körper aus vier Säften (Humoren). Gesundheit war das Gleichgewicht dieser Säfte (Krasis), Krankheit dagegen Chaos (Dyskrasis). Krebs war die dunkelste Form dieses Chaos.

DIE KÖRPERSÄFTE UND DER URSPRUNG DES KREBSES
BLUT (Dam)
Warm und feucht (Frühling)
SCHLEIM (Phlegma)
Kalt und feucht (Winter)
GELBE GALLE
Warm und trocken (Sommer)
SCHWARZE GALLE (Sauda / Atrabile)
„Die Flüssigkeit der Erde und der Trauer“
Wesen: Kalt und trocken (Herbst)
Pathologie: Verbrennung und Ablagerung

„Verbrannte Galle“ (Burnt Bile)

Ibn Sina vertritt die Auffassung, dass Krebs nicht nur durch eine Zunahme schwarzer Galle entsteht, sondern durch deren „Verbrennen“ (Oxidation), wodurch sie ihre Eigenschaften verändert und giftig wird. Lagert sich diese „verbrannte und scharf gewordene“ Substanz in einem Organ (etwa der Brust) ab, verhärtet sie das Gewebe, beeinträchtigt seine Ernährung und verwandelt es in eine „bösartige“ Struktur.

Melancholie und Krebs: Noch interessanter ist, dass Ibn Sina diese Theorie mit der Psychologie verbindet. Er erklärt, dass Menschen mit „melancholischem“ Temperament (vorherrschender schwarzer Galle), die ständig unter Trauer, Angst und Stress stehen, stärker zu Krebs neigen. Dies ist die intuitive Entdeckung des Zusammenhangs zwischen „Stress und Immunsystem“, wie ihn die moderne Medizin kennt, vor tausend Jahren.

„Saratan“: Die Anatomie einer Metapher

Warum wurde die Krankheit nach dem Tier „Krebs“ benannt (Arabisch: Saratan, Griechisch: Karkinos)? Obwohl dieser Vergleich auf Galen zurückgeht, vertieft Ibn Sina ihn im Kanon nicht nur durch eine visuelle, sondern auch durch eine „verhaltensbezogene“ Analyse:

„Die harte Masse im Zentrum des Tumors ähnelt dem Körper. Die geschwollenen, prallen und violett schimmernden Gefäße ringsum erinnern an die Beine eines Krebses. Die eigentliche Ähnlichkeit liegt jedoch darin: So wie ein Krebs seine Beute mit den Scheren packt und nicht loslässt, haftet und wurzelt der Krebs so fest in seinem Organ, dass er kaum herauszulösen ist.“

Das Paradigma des „kalten Tumors“

Ibn Sina gibt den Ärzten einen sehr klaren Schlüssel zur Unterscheidung von Krebs und anderen Schwellungen (Abszessen, Zysten): Wärme und Kälte.

WARUM KALT?

Abszesse sind „warm“, weil der Körper sie bekämpft (Entzündung/Fieber). Krebs dagegen ist „kalt“, weil das Gewebe seine Lebendigkeit verloren hat und zu einer durch schwarze Galle verhärteten toten Last geworden ist. Bei Berührung fühlt es sich kälter an als das umliegende Gewebe.

  • Härte: Er ist steinhart und schwer.
  • Heimtücke: Anfangs schmerzlos, wächst er unbemerkt wie eine kleine Kichererbse.
  • Verwurzelung: Er haftet am umliegenden Gewebe (ist fixiert) und lässt sich nicht verschieben.

Kommentar der DROZDOGAN Akademie

Beim Lesen Ibn Sinas begegnen wir einer Vision „ganzheitlicher Onkologie“, die von vor tausend Jahren bis heute reicht. Er betrachtete Krebs nicht bloß als Schwellung in der Brust, sondern als systemisches Problem des gesamten Körpers, von der Stimmung des Patienten (Melancholie) über seine Ernährung bis zum Stoffwechsel (Leber/Galle). Die Theorie der „verbrannten Galle“ ist die damalige Sprache für das, was wir heute als „chronische Entzündung und oxidativen Stress“ kennen. Ibn Sina rät uns: Behandle nicht die Krankheit, sondern den Patienten und sein gesamtes Gleichgewicht.

Quellen:
  • Bericht über Ärzte in der islamischen Geschichte, Teile 1 und 2.
  • Avicenna's View on Cancer from his Canon - World Scientific.
  • The Concept of Lifestyle Factors, Based on the Teaching of Avicenna - PMC NIH.
  • Early Concepts of Cancer - ResearchGate.
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