Ist eine erneute Enhertu-Behandlung nach schweren Nebenwirkungen an der Lunge möglich?

In diesem Artikel
Vielversprechende Realweltdaten vom ASCO 2025
Warum ist das wichtig?
Mit dem Wirkstoff Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) bietet Enhertu, bei HER2-positiven und HER2-low-Tumoren insbesondere der Brust, aber auch bei vielen anderen soliden Tumoren vielversprechende Ergebnisse. Es handelt sich um eine Behandlung mit einem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC). Dieser wirksamen Therapie steht jedoch eine wichtige Hürde gegenüber: die interstitielle Lungenerkrankung (ILD). Bei manchen Patienten erfordert eine ILD ein dauerhaftes Absetzen. Lässt sich die Behandlung bei anderen zunächst unterbrechen und später wieder aufnehmen?
Eine neue multizentrische Studie, die diese entscheidende Frage untersucht, wurde auf dem ASCO-Kongress 2025 vorgestellt. Sie zeigt, dass eine vorsichtige Wiederaufnahme der T-DXd-Behandlung bei Patienten mit leichter ILD vom Grad 1 sicher und wirksam sein könnte. In diesem Beitrag fassen wir die Einzelheiten, Daten und möglichen Auswirkungen auf die klinische Praxis zusammen.

T-DXd und ILD-Risiko: Hintergrund
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Wirkung des Medikaments: T-DXd zeichnet sich durch seine gegen HER2 gerichtete Wirkung auf Tumorzellen und seine zytotoxische Wirkstoffkomponente aus.
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ILD-Risiko: In klinischen Studien liegt die Häufigkeit einer ILD zwischen 11–15%.
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Wo liegt die Gefahr?: Eine ILD kann bei manchen Patienten zu schwerem Atemversagen und sogar zum Tod führen.
📚 Wie wird eine ILD eingestuft?
Die Definitionen der interstitiellen Lungenerkrankung (ILD) vom Grad 1–5 beruhen auf CTCAE v5.0 (Common Terminology Criteria for Adverse Events, Version 5.0), einem international standardisierten System zur Einstufung von Toxizitäten. Dieses System wird insbesondere in klinischen Studien verwendet, um arzneimittelbedingte Nebenwirkungen zu definieren und nach Schweregrad einzuordnen.
🔎 Relevante CTCAE-Kategorien:
➡️ „Pneumonitis“ oder „Interstitial Lung Disease“
Zusammengefasste Definitionen nach CTCAE:
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🟢 Grad 1: Radiologische Befunde vorhanden, keine Symptome
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🟡 Grad 2: Leichte bis mäßige Symptome; keine Einschränkung des Alltags
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🟠 Grad 3: Deutliche Symptome; Einschränkungen im Alltag, möglicherweise Krankenhausaufnahme erforderlich
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🔴 Grad 4: Lebensbedrohlich; intensivmedizinische und unterstützende Behandlung erforderlich
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⚫ Grad 5: Tödlicher Verlauf
Wie sieht das derzeitige klinische Vorgehen aus?
| ILD-Grad | Behandlungsansatz |
|---|---|
| Grad 1 | Medikament pausieren, mit Steroiden unterstützen, die Besserung mittels Bildgebung überwachen und anschließend nach erneuter Beurteilung eine Wiederaufnahme von T-DXd erwägen |
| Grad ≥2 | Medikament dauerhaft absetzen, intensive Steroidtherapie und bei Bedarf weitere Behandlungen beginnen |
ASCO-Präsentation 2025: Ist eine erneute Enhertu-Behandlung laut Realweltdaten sicher?
Die von Dr. Hope Rugo und ihrem Team vorgestellte Studie analysierte retrospektive Daten aus 5 US-amerikanischen Zentren von zwischen 2017–2024 mit T-DXd behandelten insgesamt 1476 Patienten. In dieser Gruppe entwickelten 9,6% (n=143) eine ILD beliebigen Grades.
Wer wurde erneut behandelt?
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Von 59 Patienten mit ILD vom Grad 1 wurden 44 (75%) erneut mit T-DXd behandelt.
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Nach einer ILD vom Grad 2 erhielten 19 Patienten aufgrund einer klinischen Entscheidung eine erneute Behandlung.
Ergebnisse in Zahlen:
| Variable | Ergebnis |
|---|---|
| Zahl der Patienten mit ILD vom Grad 1, bei denen die Behandlung wieder aufgenommen wurde | 44 |
| Rate erneuter ILD nach Wiederaufnahme der Behandlung | 27% (n=12) – meist erneut Grad 1 |
| Sterberate nach Wiederaufnahme der Behandlung (nach Grad 1) | 0 |
| Zeit bis zur radiologisch dokumentierten Besserung bei Patienten mit Steroiden | Median 29 Tage |
| Zeit bis zur Besserung bei Patienten ohne Steroide | Median 82 Tage (p<0,01) |
| Mediane Dauer der T-DXd-Anwendung nach Wiederaufnahme (nach Grad 1) | 215 Tage (~7 Monate) |
| ILD vom Grad 5 nach Wiederaufnahme der Behandlung (tödlicher Verlauf) | 0 |
Daten zur Wiederaufnahme nach Grad 2:
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Bei 3 von 19 Patienten trat erneut eine ILD auf: bei 1 Grad 2, bei 1 Grad 3 und bei 1 Grad 4.
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Es wurde keine tödlich verlaufende ILD beobachtet.
Was bedeutet das für die klinische Praxis?
1. Die Strategie der Wiederaufnahme muss individuell angepasst werden
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Nach einer ILD vom Grad 1 kann die Behandlung wieder aufgenommen werden, wenn in der Bildgebung eine Besserung nachgewiesen wurde.
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Die Unterstützung durch Steroide beschleunigt die Besserung; insbesondere wird ein Beginn mit 0,5 mg/kg empfohlen.
2. Überwachungsprotokoll
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In den ersten 12 Monaten besteht ein erhöhtes Risiko: Eine Thorax-CT alle 9–12 Wochen wird empfohlen.
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Bei Hochrisikopatienten, etwa älteren Menschen, Patienten mit Niereninsuffizienz oder vorausgegangener ILD, sollte innerhalb der ersten 6 Wochen eine Bildgebung erfolgen.
3. Wiederaufnahme nach Grad 2?
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Die Standardempfehlung lautet, die Behandlung nicht wieder aufzunehmen.
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Bei möglichen Differenzialdiagnosen wie Infektion oder Asthma kann nach sorgfältiger klinischer Beurteilung jedoch eine Wiederaufnahme erwogen werden.
Fazit: Vielversprechende Daten, die vorsichtig interpretiert werden müssen
Diese Realweltstudie zeigt, dass nach einer ILD vom Grad 1 die T-DXd-Behandlung wieder aufgenommen werden kann und langfristigen Nutzen bieten kann . Steroide verkürzen die Zeit bis zur Besserung erheblich, während die ILD-Rezidivrate nach Wiederaufnahme auf einem akzeptablen Niveau liegt. Die Daten zur Wiederaufnahme nach einer ILD vom Grad 2 sind dagegen begrenzter und sprechen für ein vorsichtiges Vorgehen.
Bei wirksamen, lebensverlängernden Wirkstoffen wie T-DXd können somit nach Toxizitäten wie einer ILD anstelle von Alles-oder-nichts-Entscheidungen individuelle Entscheidungen getroffen werden. Die Studie zeigt, dass mithilfe erweiterter Bildgebung, unterstützender Steroidtherapie und multidisziplinärer Nachsorge die Möglichkeit einer erneuten Behandlung bestehen bleiben könnte.
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