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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Molekulare Erkrankung statt sichtbarem Tumor: Stand der ctDNA-Tests bei Blasen- und Darmkrebs

Molekulare Erkrankung statt sichtbarem Tumor: Stand der ctDNA-Tests bei Blasen- und Darmkrebs
In diesem Artikel

Werden Bluttests künftig über adjuvante Therapien entscheiden?

Zwei große Phase-3-Studien vom ESMO-Kongress 2025, IMvigor011 bei Blasenkrebs und DYNAMIC-III bei Darmkrebs, zeigten, dass nach einer Krebsoperation die Messung zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) im Blut adjuvante Therapieentscheidungen lenken und viele Patienten vor unnötiger Chemotherapie schützen könnte.

Die Studien sind Meilensteine für die klinische Einführung der Rückfallrisikovorhersage mithilfe des Konzepts der molekularen Resterkrankung (MRD), die früher und empfindlicher als die klassische pathologische Stadieneinteilung sein kann.

Besonders IMvigor011 zeigte bei Blasenkrebs einen signifikanten Überlebensvorteil adjuvanter Immuntherapie mit Atezolizumab nur bei ctDNA-positiven Patienten. Dies stützt einen Ansatz, der gezielt Patienten mit molekular fortbestehender Erkrankung behandelt.

Dagegen zeigte DYNAMIC-III bei Darmkrebs, dass weniger Chemotherapie bei ctDNA-negativen Patienten möglich sein könnte. Die Evidenz reicht aber noch nicht aus, den Behandlungsstandard zu ersetzen.


Minimale Resterkrankung (MRD): Bedeutung und Mechanismus als Infografik

Erläuterung der Abbildung

Minimale Resterkrankung (MRD)bezeichnet mikroskopisch verbleibende Krebszellen nach operativer Tumorentfernung. Sie kann durch zirkulierende Tumorzellen (CTC) und zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) nachgewiesen werden.

ctDNA hat eine sehr kurze Halbwertszeit von Minuten. Direkt nach der Operation nachweisbare ctDNA stammt daher meist von zurückgebliebenen disseminierten Tumorzellen (DTC) oder entstehenden Mikrometastasen statt vom entfernten Primärtumor.

Ruhende DTC können später wieder aktiv werden und mehr ctDNA freisetzen. Mit neuem Metastasierungspotenzial können sie in entfernten Organen wie Knochenmark, Leber oder Lunge neue Tumorherde bilden.


Warum ist das wichtig?

Während bis zum radiologischen Rückfallnachweis Monate vergehen können, lässt ein ctDNA-Test mikroskopische Krebsspuren innerhalb von Wochen erkennen. Dies ist ein revolutionärer Ansatz für frühzeitiges Eingreifen und die Vermeidung unnötiger Toxizität.

Die molekulare Erkrankung rückt zunehmend vor die sichtbare Erkrankung. Eine Therapieplanung anhand von Bluttests kommt der Wirklichkeit näher.


IMvigor011: personalisierte Nachsorge mit ctDNA bei Blasenkrebs

Studienziel

Nach radikaler Zystektomie bei muskelinvasivem Blasenkrebs (MIBC) erleiden etwa 50 % der Patienten einen Rückfall. Mit herkömmlichen Methoden lässt sich schwer vorhersagen, wen es betrifft.

IMvigor011 untersuchte, ob der Nachweis von zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) in postoperativen Blutproben die Entscheidung zur adjuvanten Immuntherapie lenken kann.

Studiendesign

  • Insgesamt wurden 607 Patienten mit MIBC nach Zystektomie eingeschlossen.
  • Bei allen wurden nach der Operation zwischen 6–24 Wochen wiederholt ctDNA-Tests durchgeführt.
  • 250 ctDNA-positive Patienten wurden auf zwei Arme randomisiert:
    • Atezolizumab (n = 167) – alle 4 Wochen über 1 Jahr
    • Placebo (n = 83)
  • 357 ctDNA-negative Patienten wurden ausschließlich beobachtet.

Wichtigste Ergebnisse

  • Medianes krankheitsfreies Überleben (DFS): Im Atezolizumab-Arm 9.9 Monate gegenüber im Placeboarm 4.8 Monaten (HR: 0.64; p=0.0047).
  • Gesamtüberleben (OS): Im Atezolizumab-Arm 32.8 Monate, im Placeboarm 21.1 Monate (HR: 0.59; p=0.0131).
  • Nebenwirkungen: Toxizität vom Grad 3–4 unter Atezolizumab 28.5 %, unter Placebo 21.7 %.
  • Rate tödlicher Nebenwirkungen: 1.8 % (Atezolizumab) gegenüber 0 % (Placebo).

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse belegen, dass ctDNA-Positivität ein starker prädiktiver Marker für das Ansprechen auf adjuvante Immuntherapie ist, so die Schlussfolgerung. Atezolizumab half ctDNA-positiven Patienten signifikant. Negative Patienten erreichten auch ohne Therapie ausgezeichnete Überlebensraten: 95 % nach 1 Jahr und 88 % nach 2 Jahren.

Damit beginnt der Ansatz einer adjuvanten Behandlung für alle dem Prinzip„nur bei molekular nachweisbarer Erkrankung behandeln“zu weichen.

Einordnung der DROZDOGAN Akademie

IMvigor011 zeigt deutlich den Paradigmenwechsel in der Onkologie. Bei der Entscheidung über adjuvante Therapie zählt neben dem pathologischen Stadium nun auch das Vorhandensein molekularer Spuren im Blut als Entscheidungshilfe.

Dieser Ansatz zeigt, wie dynamisch die Krebsbiologie ist und dass die Erkrankung vor ihrer Sichtbarkeit erfasst werden kann, wie die Daten belegen. Eine Zeit beginnt, in der neben der CT das genetische Echo der Erkrankung Entscheidungen leitet.

Wir sehen darin auch einen philosophischen Wendepunkt: Unser Ziel ist, die Erkrankung zu erkennen, bevor sie erneut beginnt, und damit über reine Krankheitsbehandlung hinauszugehen.


DYNAMIC-III: weniger Chemotherapie mit ctDNA bei Darmkrebs?

Studienziel

Adjuvante Chemotherapie nach Kolonkarzinomoperation ist Standard zur Rückfallvermeidung. Eine gleich intensive Chemotherapie für alleverursacht jedoch bei manchen unnötige Toxizität.

DYNAMIC-III prüfte nach der Operation bei ctDNA-negativen Patienten die Sicherheit einer verkürzten oder weniger intensiven Chemotherapie (Deeskalation). Ziel war weniger Nebenwirkungen bei erhaltener Wirksamkeit in der Niedrigrisikogruppe.

Studiendesign

  • 702 Patienten mit Kolonkarzinom im Stadium III wurden eingeschlossen.
  • Die ctDNA-Bestimmung erfolgte 5–6 Wochen nach der Operation.
  • ctDNA-negativen Patienten wurden in zwei Arme eingeteilt:
    • Standardbehandlung: 6 Monate Chemotherapie nach Entscheidung des Teams, meist Oxaliplatin plus Fluoropyrimidin
    • ctDNA-gesteuerter Arm: Bei negativem Test kürzere Behandlung oder geringere Medikamentenintensität
  • Die Deeskalation umfasste eine Verkürzung von 6 auf 3 Monate oder alleinige Fluoropyrimidine.

Wichtigste Ergebnisse

  • Oxaliplatin-Anwendung: Im Standardarm 89 % gegenüber im ctDNA-gesteuerten Arm 35 %als verringertem Anteil.
  • Krankenhausaufnahmen: Im Standardarm 13.2 %, im ctDNA-gesteuerten Arm 8.5 % (p = 0.047).
  • Nebenwirkungen Grad ≥3: Im Standardarm 10.6 %, im ctDNA-gesteuerten Arm 6.2 % (p = 0.037).
  • Rückfallfreies Überleben (RFS) nach 3 Jahren: Unter Standardbehandlung 88.1 %, im ctDNA-gesteuerten Arm 85.3 %.

Damit erreichte die Studie statistisch nicht die Grenze für Nichtunterlegenheit und konnte somit nicht belegen, dass der neue Ansatz nicht schlechter ist.

Untergruppenanalysen

  • Niedriges Risiko (T1–3N1): RFS nach 3 Jahren: 93.2 % (Standard) gegenüber 91.0 % (ctDNA-gesteuert) → nahezu gleichwertig.
  • Hohes Risiko (T4 und/oder N2): RFS nach 3 Jahren: 78.6 % (Standard) gegenüber 72.8 % (ctDNA-gesteuert) → deutlicherer Unterschied.

Dies zeigt, dass eine Chemotherapiereduktion bei ctDNA-negativem Stadium III mit niedrigem Risiko eine vertretbare Option sein könnte,bei hohem Risiko jedoch weiterhin Vorsicht nötig ist.

Einordnung der DROZDOGAN Akademie

ctDNA-Negativitätweist stark auf geringes Rückfallrisiko hin und unterstützt bei manchen Patienten eine Intensitätsreduktion. Die aktuelle Evidenz erlaubt jedoch noch nicht, den Standard für alle Fälle im Stadium III zu ersetzen.

Wir sehen die Studie als wichtigen Schritt, das Risiko klinisch auf molekularer Ebene zusätzlich zur Mikroskopie zu messen, und erwarten, dass künftige Algorithmen ctDNA, Tumorbiologie, Mikrosatellitenstatus und radiologische Dynamik kombinieren.


Gesamtbewertung und Ausblick: die Ära der Krebsüberwachung durch Bluttests

Was haben wir gelernt?

IMvigor011 und DYNAMIC-III zeigen gemeinsam, dass die Ära der molekularen Personalisierung begonnen hat. ctDNA entwickelt sich von einem Forschungswerkzeug zu einer klinischen Orientierungshilfe für Therapieentscheidungen im Alltag.

IMvigor011 zeigte bei ctDNA-positivem Blasenkrebs einen tatsächlichen Überlebensvorteil durch Immuntherapie und lieferte damit einen ersten Beleg für selektive adjuvante Therapie als Konzept.

DYNAMIC-III zeigte beim Kolonkarzinom, dass eine Chemotherapiereduktion bei negativen Patienten in manchen Untergruppen sicher sein könnte. Die Zeit einer einheitlichen Behandlung für alle nähert sich damit ihrem Ende.

Gemeinsame Schlussfolgerungen

  • ctDNA-Positivitätist ein starker Biomarker zur Vorhersage des adjuvanten Therapieansprechens.
  • ctDNA-Negativität bedeutet bei vielen Krebsarten ein geringeres Rückfallrisiko und könnte eine Behandlungsreduktion ermöglichen.
  • Der Test führt Therapieentscheidungen über die Abhängigkeit von radiologischer Bildgebung hinaus zu einem blutbasierten Ansatz.
  • ctDNA bleibt jedoch ein unterstützendes Entscheidungsinstrument und muss zusammen mit klinischen, pathologischen und genetischen Informationen beurteilt werden.

Ausblick

In den nächsten Jahren dürfte ctDNA in die Routinenachsorge integriert werden. Ziel ist der Rückfallnachweis vor der Bildgebung und die Vermeidung unnötiger Toxizität.

Die Onkologie betrachtet neben dem Ort des Tumors zunehmend, was er molekular tut, und entwickelt sich zu einer Medizin, die Krankheit im Voraus erkennt.

Die Onkologie der Zukunft könnte eines Tages stärker durch Bluttests als durch CT geprägt sein. Studien wie IMvigor011 und DYNAMIC-III öffnen die Tür zu dieser Zukunft.

📚 Quellen

  1. Powles T, et al. IMvigor011: ctDNA-guided adjuvant atezolizumab in muscle-invasive bladder cancer. The New England Journal of Medicine; 2025. Zum Artikel
  2. Tie J, et al. DYNAMIC-III: ctDNA-guided de-escalation in stage III colon cancer. Nature Medicine; 2025. Zum Artikel
  3. IMvigor011 Study Group. ESMO 2025 Annual Meeting — Abstract LBA##. ESMO-Abstractseite
  4. DYNAMIC-III Investigators. ESMO 2025 Annual Meeting — Abstract LBA##. ESMO-Abstractseite
  5. Science Media Centre (UK). Expert reaction: ctDNA-guided adjuvant therapy in colon cancer (comment by Marco Gerlinger, MD). 2025. Zur Stellungnahme
  6. IMvigor010 Exploratory Analysis: ctDNA positivity and adjuvant atezolizumab outcomes in MIBC. Zur Quelle
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Drozdogan-Assistent

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