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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Pariser Gips 1851 – Ein großer Schritt für die Knochenheilung

Pariser Gips 1851 – Ein großer Schritt für die Knochenheilung

Im Bestsellerroman Harry Potter und der Stein der Weisen verwendet Madam Pomfrey, die magische Heilerin im Krankenflügel von Hogwarts, einen Knochenheilungszauber, der die gebrochenen Knochen im Handgelenk eines Schülers beinahe augenblicklich zusammenfügt und repariert. Wenn die Heilung von Knochenbrüchen für gewöhnliche Menschen doch auch so einfach wäre!

Seit Jahrtausenden versuchen Heiler, Gliedmaßen ruhigzustellen, damit gebrochene Knochen wieder zusammenwachsen können. Zum Beispiel verwendeten 

  • die alten Ägypter mit Leinen umwickelte Holzschienen,
  • die alten Inder Bambusschienen,
  • die alten arabischen Ärzte aus Muschelschalen gewonnenen Kalk und Eiweiß, um Verbände zu härten. 

Im mittelalterlichen Europa behandelten manchmal sogenannte Knocheneinrenker Knochenbrüche. Dabei handelte es sich meist um Tierärzte oder Schmiede ohne formale medizinische Ausbildung, die gebrochene Knochen mit ihren Händen wieder ausrichteten.

Ein großer Fortschritt bei der Knochenheilung gelang 1851, als der niederländische Militärchirurg Antonius Mathijsen Pariser Gips zur Stabilisierung gebrochener Knochen einsetzte. Der chemische Name dieses Gipses lautet Calciumsulfat-Halbhydrat. Pariser Gips entsteht durch Erhitzen des weichen Minerals Gips, also Calciumsulfat-Dihydrat. Der Name geht auf große Gipsvorkommen in der Nähe der französischen Hauptstadt zurück. Die Zugabe von Wasser zum entstandenen Pulver löst eine exotherme, also wärmeabgebende Reaktion aus, bei der eine sehr feste Substanz entsteht. 

Mathijsen befeuchtete Verbände und wickelte sie um den betroffenen Bereich. So entstand eine passend geformte „Schiene“, die die Knochen während der Heilung an ihrem Platz hielt. Der russische Arzt Nikolay Pirogov, der Mathijsens Arbeiten kannte, verwendete Pariser Gips als Erster während des Krimkriegs (1853-1856) zu Behandlungszwecken. Er tauchte dicke Tücher in Pariser Gips und befeuchtete sie unmittelbar vor der Anwendung.

Pariser Gips blieb bis in die 1980er-Jahre weit verbreitet, als er in den entwickelten Ländern von leichten Glasfasermaterialien verdrängt wurde. 

Die Heilung eines Knochenbruchs erfolgt durch das Zusammenwirken verschiedener Zellen: Fibroblasten bilden Kollagen, Chondroblasten Knorpel und Osteoblasten Knochen.

Erläuterung der Artikelabbildung: Gipsverbände wurden bei einem Soldaten der 163. Infanterie angelegt, der im II. Weltkrieg bei der Explosion einer japanischen Landmine verletzt worden war. Der orthopädische Tisch wurde aus japanischen Rohren, Munitionsstangen und einem Stück einer Fahrzeugwindschutzscheibe hergestellt.

Im Artikel erwähnte historische Persönlichkeiten: Antonius Mathijsen (1805–1878), Nikolay Ivanovich Pirogov (1810–1881)

Quellen

Plaster of Paris Casts 1851. Seite 200. The Medical Book: From Witch Doctors to Robot Surgeons, 250 Milestones in the History of Medicine. 2012
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