Ärztinnen und Ärzte sehen Adipositas noch immer nicht als Krankheit!

In diesem Artikel
"Adipositas muss als Krankheit anerkannt und behandelt werden." Dies war die zentrale Botschaft des 23. Europäischen Kongresses für Innere Medizin (ECIM 2025), der vom 5-8. März 2025 stattfand.
Angesichts der raschen Entwicklung neuer Adipositasmedikamente diskutierten internistische Fachleute neben wirtschaftlicher und gesundheitlicher Belastung sowie Fortschritten bei Medikamenten und Operationen auch wirksame Lebensstilstrategien und weiterhin bestehende Vorurteile.
Adipositas: Eine Krankheit, keine persönliche Entscheidung
Ein Hauptgrund für die geringe Verordnung entsprechender Medikamente ist, dass Adipositas als persönliche Entscheidung statt als Krankheit wahrgenommen wird.
In einem Workshop der European Association for the Study of Obesity zur Behandlung erwachsener Betroffener durch internistische Fachleute wurden Patientenerfahrungen und die wichtige Rolle von Bewegung und Ernährung behandelt.
Trotz starker wissenschaftlicher Belege besteht weiterhin eine große Lücke zwischen Theorie und Praxis.
Heute beschäftigen sich nur wenige Fachleute mit der Verordnung von Bewegung, doch ich glaube, ihre Zahl wird wachsen. Dies ist ein schrittweiser Prozess, und wir stehen erst am Anfang. Ich bin aber sicher, dass er dauerhaft sein wird.
Zu unseren Aufgaben gehört, Kolleginnen und Kollegen Wissen und Fähigkeiten zur Bewegungsverordnung zu vermitteln.
Adipositas ist eine komplexe, einen multidisziplinären Ansatz erfordernde und ohne Stigmatisierung oder Vorurteile zu betrachtende Erkrankung. Die Behandlung sollte unbedingt in spezialisierten Zentren erfolgen.
Warum werden neue Adipositasmedikamente wenig eingesetzt?
Neben länger verwendeten Mitteln wie Orlistat, Metformin und Liraglutid (Saxenda) sind neue hormonbasierte Abnehmspritzen wie Tirzepatid (Mounjaro) und Semaglutid (Ozempic) ebenfalls sehr wirksam.
Die neuen Präparate bewirken erheblichen Gewichtsverlust. Dennoch wird Adipositas weiterhin nicht ausreichend als eigenständige Erkrankung behandelt. Bei adipösen Patienten werden häufig Begleiterkrankungen wie Hypertonie, Diabetes und erhöhte Blutfette behandelt. Ohne Behandlung der Adipositas selbst ist eine umfassende Verbesserung jedoch nicht möglich.
Nebenwirkungen, Zweifel an der Wirksamkeit, hohe Kosten und erschwerter Zugang verhindern einen breiten Einsatz. Viele dieser Hindernisse beruhen jedoch eher auf Vorurteilen als auf wissenschaftlichen Belegen.
Natürlich haben diese Medikamente Nebenwirkungen. Welches Medikament hat die nicht? Entscheidend sind ausführliche Gespräche darüber vor Therapiebeginn und Strategien zur Minimierung durch geeignete Dosisanpassungen.
Die folgende Tabelle zeigt von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassene, zur Gewichtsabnahme als Injektion verwendete Präparate:
| Wirkstoff | Handelsname | FDA-Zulassung? | Jahr der FDA-Zulassung | Anwendungsform | Anwendungshäufigkeit | In der Türkei erhältlich? |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Liraglutid | Victoza | Ja | 2010 | Injektion | 1-mal täglich | Ja |
| Liraglutid | Saxenda | Ja | 2014 | Injektion | 1-mal täglich | Ja |
| Semaglutid | Ozempic | Ja | 2017 | Injektion | Einmal wöchentlich | Ja |
| Dulaglutid | Trulicty | Ja | 2020 | Injektion | Einmal wöchentlich | Ja |
| Semaglutid | Wegovy | Ja | 2021 | Injektion | Einmal wöchentlich | Nein |
| Tirzepatid | Mounjaro | Ja | 2022 | Injektion | Einmal wöchentlich | Nein |
Bleibt die Adipositaschirurgie trotz neuer Medikamente wichtig?
Neue Medikamente und Injektionen revolutionieren das Gewichtsmanagement. Zugleich stellt sich die Frage nach der Zukunft bariatrischer Operationen. Werden sie weiterhin eine Rolle spielen?
Die Antwort lautet „eindeutig ja“.
Medikamente können laut vorliegenden Belegen besonders mäßigen Gewichtsverlust erzielen. Der langfristige und ausgeprägte Effekt einer Operation bleibt jedoch für viele unverzichtbar. Besonders bei einem BMI über 40 oder schweren adipositasbedingten Erkrankungen bleibt der Eingriff die wirksamste dauerhafte Lösung.
Verwandtes Thema: Ersetzen Abnehmspritzen die Adipositaschirurgie?
Die häufigste gewichtsreduzierende Operation, die Sleeve-Gastrektomie, bleibt führend. Es folgen der Roux-en-Y-Magenbypass und der Ein-Anastomosen-Magenbypass .
Unterschiede zwischen Operation und Medikamenten
- Wirksamkeit: Bariatrische Operationen können dauerhaft 25-35% Gewichtsverlust ermöglichen; Medikamente erzielen meist etwa 25%.
- Stoffwechseleffekte: Operationen unterstützen nicht nur die Gewichtsabnahme, sondern auch die Besserung von Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Schlafapnoe.
- Nebenwirkungen und Risiken: Medikamente werden meist gut vertragen, ihre Langzeitwirkungen bleiben jedoch teilweise unklar. Operationen bergen Narkose- und Eingriffsrisiken, die durch moderne Techniken zunehmend sinken.
Wie sollte Adipositas behandelt werden?
Bei einem Body-Mass-Index (BMI) unter 35 sollten zunächst Ernährungs- und Bewegungstherapie erfolgen. Reichen sie nicht aus, kommen Medikamente infrage; eine Operation sollte nur die letzte Möglichkeit sein. Besonders bei 10-20 Kilogramm Übergewicht ist sie als Erstbehandlung nicht geeignet.
Zusammengefasst werden Operationen und Medikamente künftig gemeinsam weiterentwickelt. Die Zusammenarbeit zwischen Chirurgie und Innerer Medizin wird enger. Adipositas als Krankheit zu behandeln erfordert einen umfassenden Ansatz, dessen Grundlage die Priorisierung wissenschaftlicher Belege ist.
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