Abnehmspritzen treten an die Stelle der Adipositaschirurgie: warum und wie?

In diesem Artikel
Die in den vergangenen Jahren zur Adipositasbehandlung eingesetzten Glucagon-like-Peptid-1-Analoga (GLP-1), auch „Inkretinmimetika“ genannt und umgangssprachlich als „Abnehmspritzen“ bekannt, haben sich als sehr wirksam zur Gewichtsabnahme erwiesen.
Können Arzneimittel wie Semaglutid (Ozempic), Tirzepatid (Mounjaro) die Bedeutung der Adipositaschirurgie verringern oder Operationen sogar vollständig ersetzen?
Abnehmspritzen und Adipositaschirurgie: Konkurrenten?
GLP-1-Analoga erzielen wirksame Ergebnisse bei der Adipositasbehandlung. Aber verringern sie auch den Bedarf an Operationen? Insbesondere in den Vereinigten Staaten gibt es Anzeichen für einen solchen Trend. Ob dieser allein auf die Wirksamkeit der Arzneimittel zurückzuführen ist, lässt sich noch nicht sagen. Angesichts der Risiken chirurgischer Eingriffe wird diese Entwicklung positiv bewertet.
Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositasklinik der Universität Leipzig und Mediensprecher der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, erläuterte diese Frage und das Zusammenspiel von Arzneimitteln und Chirurgie.
Für Deutschland zeichnet Dr. Blüher ein anderes Bild. Die hohen Arzneimittelkosten und die fehlende Kostenübernahme durch die Krankenversicherungen führen viele Patienten zur bariatrischen Chirurgie. Zumindest in Deutschland wird deshalb in nächster Zeit kein Rückgang der Adipositasoperationen erwartet.
In der Türkei könnten Abnehmspritzen dagegen anders als in Deutschland ähnlich schnell angenommen werden wie in den Vereinigten Staaten.
Bevor wir den Beitrag vertiefen, betrachten wir die von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Arzneimittel, die als Spritzen zum Abnehmen eingesetzt werden:
|
Wirkstoff |
Handelsname |
Von der FDA zugelassen? |
Jahr der FDA-Zulassung |
Art der Anwendung |
Dosierungshäufigkeit |
In der Türkei erhältlich? |
|
Liraglutid |
Victoza |
Ja |
2010 |
Injektion |
1-mal täglich |
Ja |
|
Liraglutid |
Saxenda |
Ja |
2014 |
Injektion |
1-mal täglich |
Ja |
|
Semaglutid |
Ozempic |
Ja |
2017 |
Injektion |
Einmal wöchentlich |
Ja |
|
Dulaglutid |
Trulicty |
Ja |
2020 |
Injektion |
Einmal wöchentlich |
Ja |
|
Semaglutid |
Wegovy |
Ja |
2021 |
Injektion |
Einmal wöchentlich |
Nein |
|
Tirzepatid |
Mounjaro |
Ja |
2022 |
Injektion |
Einmal wöchentlich |
Nein |
Eine neue Ära: Operation oder Arzneimittel?
Mit GLP-1-Analoga können wir sagen: „In der Medizin hat eine neue Ära begonnen“. Bei der Adipositasbehandlung geht es jedoch nicht nur um die Wahl zwischen Operation und Arzneimitteln. Behandlungsmodelle, die beide Ansätze verbinden, könnten einer größeren Patientengruppe zugutekommen.
An der Universität Leipzig wird beispielsweise der Einsatz von Semaglutid vor einem bariatrischen Eingriff empfohlen. Eine Gewichtsabnahme vor der Operation spielt eine wichtige Rolle dabei, die Operationsrisiken zu senken. Zudem ist der Einsatz von GLP-1-Analoga zur Verhinderung einer Gewichtszunahme nach der Operation möglich.
Was wirkt stärker: Arzneimittel oder Operation?
Mit GLP-1-Analoga wie Tirzepatid ist im Durchschnitt eine Gewichtsabnahme um 23% möglich, während dieser Anteil nach Schlauchmagen- oder Bypassoperationen 30-35% erreichen kann. Verglichen mit weniger wirksamen chirurgischen Verfahren wie einem Magenband können Arzneimittel hingegen ähnliche Ergebnisse erzielen.
Für Patienten mit sehr schwerer Adipositas, beispielsweise mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 50, liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von Abnehmspritzen vor; für sie bleibt eine Operation die geeignetste Option. Auch für Patienten, die wegen schwerer Herzinsuffizienz auf eine Herztransplantation warten oder vor einem Knie- beziehungsweise Hüftgelenkersatz rasch abnehmen müssen, kann eine Operation geeigneter sein.

Dauerhaftigkeit: Sind Operationen oder Arzneimittel im Vorteil?
Es ist bekannt, dass eine durch Adipositaschirurgie erzielte Gewichtsabnahme langfristig beständiger ist. Die Nachhaltigkeit der Ergebnisse von GLP-1-Analoga hängt dagegen von einer regelmäßigen Anwendung und Lebensstiländerungen ab. Zu den Langzeiteffekten dieser Arzneimittel über 10-20 Jahre liegen jedoch noch keine ausreichenden Daten vor.
Bei Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) unter 35 sollten Ernährung und Bewegung die vorrangige Behandlung sein. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kann eine Arzneimitteltherapie als nächster Schritt erwogen werden; eine Operation sollte erst die letzte Möglichkeit sein. Insbesondere bei Menschen mit 10-20 Kilogramm Übergewicht ist eine Operation keine geeignete Erstbehandlung.
Fazit: die Bedeutung eines ganzheitlichen Ansatzes
GLP-1-Analoga sind eine revolutionäre Neuerung bei der Adipositasbehandlung, werden derzeit aber nicht als vollständiger Ersatz für die Adipositaschirurgie betrachtet. Sie könnten den Operationsbedarf mit der Zeit jedoch wesentlich verringern. Beide Ansätze bieten unterschiedlichen Patientengruppen verschiedene Vorteile, weshalb individuell angepasste Behandlungspläne immer wichtiger werden.
Es wird erwartet, dass vielseitige Strategien, die Operationen und Arzneimittel verbinden, künftig mehr Patienten neue Hoffnung geben. Entscheidend ist dabei, dass Gesundheitssysteme einen breiteren Zugang zu diesen Arzneimitteln ermöglichen und Studien zu deren Langzeiteffekten unterstützen.
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