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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

BCG-Versagen bei Blasenkrebs ist seltener geworden: Lohnt zusätzliche Immuntherapie?

BCG-Versagen bei Blasenkrebs ist seltener geworden: Lohnt zusätzliche Immuntherapie?
In diesem Artikel

Immuntherapie zusätzlich zu BCG: so überzeugend wie es scheint?

Warum ist das wichtig und wie kam es dazu?

Das nicht muskelinvasive Blasenkarzinom (NMIBC)ist die frühe Form ohne Befall der Blasenmuskelschicht und macht etwa 70 % aller Blasenkarzinome aus. Die Patienten erhalten meist nach einer transurethralen Tumorresektion (TURBT) weitere Behandlung. Die größte Herausforderung ist ihr hohes Rückfallrisiko sowie bei manchen die Möglichkeit einer Progression zum invasiven Stadium im weiteren Verlauf.

Ende der 1970er-Jahre erkannte man, dass Bacillus Calmette–Guérin (BCG)nach Instillation in die Blase das Immunsystem aktiviert und Krebszellen beseitigen kann. Die ersten klinischen Versuche unter Alvaro Morales 1976 zeigten gegenüber damaligen Standardtherapien erhebliche Unterschiede. So wurde BCG zum in der Krebsmedizin eingesetzten ersten erfolgreichen Immuntherapiebeispiel der Geschichte.

Fast ein halbes Jahrhundert blieb BCG der NMIBC-Goldstandard. Mit der Zeit zeigten sich zwei Probleme: (1) Bei manchen Patienten trat trotz Behandlung erneut Krebs auf. (2) Weltweite Produktionsengpässe erschwerten den Zugang.

Die Forschung wandte sich deshalb Wirkstoffen zu, die die Immunabwehr gezielter aktivieren: Immuncheckpoint-Inhibitoren. Die Blockade von PD-1 und PD-L1 führte besonders bei fortgeschrittenem Blasenkrebs zu eindrucksvollem Ansprechen. Daraufhin ließ die FDA 2020 bei BCG-resistentem NMIBC Pembrolizumabzu – als erste systemisch statt intravesikal verabreichte Immuntherapie.

Die Zulassung betraf jedoch eine besondere Gruppe mit Rückfall trotz BCG ohne systemische Ausbreitung. Dieser Erfolg führte zur neuen Frage: „Kann Immuntherapie von Anfang an zusätzlich zu BCG die Rückfallrate weiter senken?“

Große, beim ESMO 2025 vorgestellte Studien wie POTOMAC, ALBAN und CREST in Phase 3 suchten genau diese Antwort. Ihre Ergebnisse zeigten jedoch, dass der Ansatz nicht allen hilft und sein Preis höher sein könnte als gedacht.

Drei große Studien: POTOMAC, ALBAN und CREST

Trotz der unbestrittenen BCG-Erfolge erreicht nicht jeder Patient ein vollständiges Ansprechen. Forschende gingen deshalb der Frage nach: „Verringert zusätzliche systemische Immuntherapie die Rückfälle unter BCG?“ Drei große Phase-3-Studien beim ESMO-Kongress 2025 untersuchten dies:

  • POTOMAC: BCG + Durvalumab (Imfinzi)
  • ALBAN: BCG + Atezolizumab (Tecentriq)
  • CREST: BCG + Sasanlimab (experimenteller PD-1-Hemmer)

Alle drei Studien umfassten Patienten mit BCG-naivem Hochrisiko-NMIBC ohne frühere BCG-Behandlung. Zuvor war bei allen eine transurethrale Resektion (TURBT) erfolgt. BCG wurde als Induktion und Erhaltung eingesetzt; Immuntherapie wurde zusätzlich zu BCG oder allein gegeben.

POTOMAC: Krankheitsfreies Überleben (DFS) nach 2 Jahren 86.5 % gegenüber 81.6 % — nur 4.9 % absoluter Unterschied.

CREST: Ereignisfreies Überleben (EFS) nach 3 Jahren 82.1 % gegenüber 74.8 % — 7.3 % Unterschied.

ALBAN: Zusätzliches Atezolizumab brachte keinen klinischen Nutzen.

Die Ergebnisse lassen sich so zusammenfassen: Zusätzliche Immuntherapie kann bei einer kleinen Gruppe Rückfälle verringern, der Gesamtnutzen ist jedoch begrenzt. Trotz statistischer Unterschiede bleibt die klinische Bedeutung für Lebenszeit oder Blasenerhalt unklar.

⚠️ Kleiner Nutzen, erhebliche Nebenwirkungen

Immuntherapie soll Krebszellen durch Aktivierung der Abwehr zerstören. Dabei kann die Abwehr jedoch außer Kontrolle geraten und gesundes Gewebe schädigen. Die wichtigste Einschränkung von PD-1- und PD-L1-Hemmern sind deshalb immunvermittelte Toxizitätenals Nebenwirkungen.

  • CREST: Schwere Nebenwirkungen ab Grad ≥3: 29.1 % mit Sasanlimab gegenüber 6.3 % mit BCG allein
  • POTOMAC: 21 % (Durvalumab) gegenüber 4 % (BCG)
  • ALBAN: Ähnliche Toxizitätsraten

Damit stiegen die Toxizitätsraten auf das 4- bis 5-Fache. Der Preis einer kleinen Rückfallreduktion kann somit hoch sein. Besonders immunvermittelte Hepatitis, Kolitis und endokrine Nebenwirkungen können bleibende Schäden verursachen.

🩺 Was sollte der eigentliche Gewinn sein?

Keine dieser Studien bewertete das zystektomiefreie Überleben also die Chance auf Blasenerhalt, ausreichend. In dieser Gruppe ist aber gerade der Organerhalt ein zentrales Ziel, stärker als die Lebensverlängerung.

Es geht hier möglicherweise um das Vermeiden einiger zusätzlicher TURBT-Eingriffe statt um Lebensrettung.

Tatsächlich zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied bei Lebensdauer oder Blasenerhalt. Der tatsächliche Gewinn könnte deshalb vor allem in weniger Operationen bei Rückfällen liegen.

Die Rückkehr von BCG

Neue Daten zeigen, dass die früher häufig genannte Aussage, 40 % der BCG-Behandlungen scheiterten innerhalb von 2 Jahren, heute nicht mehr gilt. Durch moderne Chirurgie, richtige Dosierung und Erhaltung bleiben inzwischen mehr als 75 % der Patienten nach 2 Jahren krankheitsfrei.

Daraus folgt ein wichtiger Perspektivwechsel: BCG ist wirksamer, als wir dachten. Die niedrigeren heutigen Versagensraten erinnern an die weiterhin starke Immunaktivierung durch BCG.

Patienten geht es heute deutlich besser. Immuntherapie kann BCG bei geeigneten Patienten ergänzen, aber nicht ersetzen.

Ausblick

BCG plus Immuntherapie startete als vielversprechender Ansatz, ist bisher aber keine Lösung für alle. Die Daten legen nahe, dass der Anteil mit tatsächlichem Nutzen etwa 5 % betragen könnte.

Der nächste Schrittist die genaue Identifikation dieser 5 %. Bei wem ist die Tumormikroumgebung immuntherapiesensitiv, bei wem nicht? Die Antwort wird die künftige biomarkergesteuerte Blasenkrebstherapie prägen.

Vielleicht folgt auf pauschales BCG plus Checkpoint-Inhibitor künftig die Kombination aus BCG und biomarkergerecht ausgewählter Checkpoint-Hemmung als nächster Ansatz.

Einordnung der DROZDOGAN Akademie

Diese Studien erinnern an eine häufige onkologische Erfahrung: Nicht jede biologische Hoffnung lässt sich sofort in die Praxis übertragen. BCG ist nach einem halben Jahrhundert noch aktuell, weil es die Abwehr an der Blasenoberfläche im richtigen Maß aktiviert. Systemische Immuntherapie ist dagegen eine besonders starke Waffe: Sie hilft manchen, verursacht bei anderen jedoch unnötige Toxizität.

Blasenkrebs ist eines der komplexesten Felder der Immunbiologie. Der Schlüssel der Zukunft liegt deshalb inselektiverer Behandlungstatt bloß mehr Therapie. Checkpoint-Hemmer scheiden nicht aus, sie warten auf die richtige Patientenauswahl für ihren Einsatz.


Quellen: ESMO 2025, Phase-3-Studien POTOMAC (AstraZeneca), ALBAN (Roche), CREST (Pfizer); McGregor B, Roupret M. ESMO 2025, Präsentationen und Presseveranstaltungen.

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Drozdogan-Assistent

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