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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Darmkrebs bei jungen Menschen hat eine deutlich andere biologische Identität als bei älteren Patienten

Darmkrebs bei jungen Menschen hat eine deutlich andere biologische Identität als bei älteren Patienten
In diesem Artikel

Ein alarmierendes Bild

Warum junge Menschen?

In den onkologischen Sprechstunden begegnet uns seit einigen Jahren eine beunruhigende Realität: Weltweit nimmt Darmkrebs bei Menschen unter 50 Jahren zu. Diese Patienten machen mittlerweile 10 % aller Fälle aus und erhalten die Diagnose häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium.

Die entscheidende Frage lautet jedoch: „Ist der Krebs eines 50-jährigen Patienten biologisch derselbe wie der eines 30-jährigen Patienten?“

Eine neue umfassende Studie, vorgestellt beim ASCO Gastrointestinal Cancers Symposium 2026 (Abstract 19), beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Besonders in der auf Immuntherapie ansprechenden Untergruppe dMMR/MSI-H wurde nachgewiesen, dass Tumoren junger Patienten völlig andere genetische und molekulare Eigenschaften haben als diejenigen älterer Patienten. Dieser Beitrag erläutert ausführlich, weshalb die Behandlung junger Menschen anders geplant werden sollte.

Klinisches Glossar: die Begriffe verstehen
Früh einsetzender Krebs (Early-Onset): Krebserkrankungen, die vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert werden. Genetische und Umweltfaktoren wie Ernährung und Adipositas haben einen ausgeprägteren Einfluss.
dMMR / MSI-H: Tumoren mit gestörter DNA-Fehlpaarungsreparatur (Deficient Mismatch Repair) und dadurch hoher genetischer Instabilität (Microsatellite Instability-High). Sie können gegenüber Chemotherapie resistent sein, sprechen aber hervorragend auf Immuntherapien beziehungsweise zielgerichtete Medikamente an.
CMS (Consensus Molecular Subtypes): Die Einteilung kolorektaler Karzinome anhand ihrer genetischen Eigenschaften in 4 biologische Gruppen (CMS1-4). Sie dient zur Vorhersage des Therapieansprechens.

Umfang der Untersuchung: eine große Analyse mit 3800 Patienten

Das Team um Dr. Michela Bartolini von der University of Southern California untersuchte Tumorproben von 3.846 Patienten mit dMMR/MSI-H mithilfe modernster Technik, der NGS-DNA/RNA-Sequenzierung.

  • Jüngere Gruppe (früher Beginn): 496 Patienten unter 50 Jahren.
  • Ältere Gruppe (später Beginn): 3.350 Patienten über 50 Jahren.

Wer ist gefährdet? Junge Menschen haben ein anderes Profil

Die Studie fand deutliche Unterschiede darin, bei wem und an welcher Stelle die Tumoren junger Patienten auftreten.

Vergleich des Profils jüngerer und älterer Patienten

Geschlechterverteilung

Unter den jungen Patienten überwogen Männer (65 %), während die Verteilung bei älteren ausgewogener war (40 % Männer).

Ethnische Herkunft

In der jüngeren Gruppe waren Menschen hispanischer Herkunft häufiger vertreten (13 % gegenüber 7 %), in der älteren Gruppe überwogen weiße Patienten (72 %).

Tumorlokalisation

Bei jüngeren Patienten saß der Tumor häufiger im linken Kolon und Rektum (27 % beziehungsweise 15 %), während bei älteren häufiger das rechte Kolon betroffen war.

Genetischer Fingerabdruck: wie zwei verschiedene Erkrankungen

Der vielleicht wichtigste Befund ist der große Unterschied im genetischen Aufbau der Tumoren. Tumoren jüngerer Menschen entstehen über völlig andere genetische Signalwege als diejenigen älterer Patienten.

Häufige Mutationen bei jungen Patienten: KRAS, APC, PIK3CA, PTEN, MLH1 und MSH2 sind bei jüngeren Patienten deutlich häufiger verändert. Dies spricht für ein größeres Potenzial zu aggressivem Tumorwachstum. Auch die Subtypen CMS3 und CMS4, die metabolischen und mesenchymalen Typen, sind häufiger.
Häufige Mutationen bei älteren Patienten: Bei älteren Patienten stehen dagegen Mutationen in BRAF und KMT2D im Vordergrund. Diese Gruppe entsteht häufiger über den Methylierungsweg (CIMP).

Bedeutung für die Behandlung: Was verändert sich?

Wie Dr. Bartolini betont, sind die Daten bislang retrospektiv, liefern aber entscheidende Hinweise für die Therapiewahl:

  • Ansprechen auf Immuntherapie: Die Tumoren jüngerer Patienten sind stärker immunogen, regen also das Immunsystem stärker an. Dies lässt vermuten, dass sie auf Immuntherapeutika wie Pembrolizumab oder Nivolumab sogar besser ansprechen könnten als die Tumoren älterer Patienten.
  • Zweitlinientherapie: Was tun, wenn die Erkrankung nach Immuntherapie fortschreitet? Bei jüngeren Patienten sind die Sensitivitätswerte für zielgerichtete Medikamente wie Cetuximab höher, während bei älteren andere Signalwege wie MAPK aktiv sind. Auch der Plan B sollte sich deshalb nach dem Alter richten.
Einordnung der DROZDOGAN Akademie

Die personalisierte Medizin in der internistischen Onkologie richtet sich zunehmend auch auf die altersabhängige Biologie. Diese Studie belegt wissenschaftlich, dass wir einen 35-jährigen Patienten nicht so behandeln können, als wäre er mit einem 75-jährigen Patienten identisch.

Dass dMMR/MSI-H-Tumoren junger Patienten gegenüber Chemotherapie resistent, gegenüber Immuntherapie aber sehr empfindlich sind, verändert den Behandlungsalgorithmus grundlegend. Liegt diese genetische Eigenschaft bei einem jungen Patienten vor, kann es lebensrettend sein, unmittelbar Immuntherapie beziehungsweise zielgerichtete Medikamente einzusetzen, ohne Zeit mit Chemotherapie zu verlieren.

Die Studie liefert zugleich eine molekulare Landkarte, um Ursachen der Zunahme bei jungen Menschen zu verstehen, etwa Ernährung oder Mikrobiota.

Quelle:
  1. Bartolini M, et al. Early-Onset dMMR/MSI-H CRC Exhibits Distinct Clinical and Molecular Features Compared to Late-Onset Disease. ASCO Gastrointestinal Cancers Symposium. 2026; Abstract 19.
  2. Sinicrope FA. Increasing incidence of early-onset colorectal cancer. N Engl J Med. 2022;386(16):1547-1558.
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