Die Tumorgeschichte einer Neandertalerrippe von vor 120 tausend Jahren

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Tag 5 (Krebsgeschichte in 365 Tagen)
Der stille Schrei eines Neandertalers vor 120.000 Jahren: Eine tumorbefallene Rippe aus einer kroatischen Höhle
In unserer Reihe zur Krebsgeschichte haben wir bereits von Dinosauriern und menschlichen Vorfahren erzählt. Heute richten wir die Zeitmaschine auf eine etwas jüngere Vergangenheit, auf die Welt unserer „Cousins“. Vor 120.000 Jahren, als der moderne Mensch Europa noch nicht betreten hatte, lebte in einer kroatischen Höhle ein Neandertaler, der an einer seltenen Knochenerkrankung litt, die wir noch heute in unseren Ambulanzen sehen.
Dieser 2013 in PLoS ONE veröffentlichte Fund gehört zu den ältesten und detailliertesten Fällen, die belegen, dass Tumoren nicht nur den modernen Menschen (Homo sapiens) betreffen. Auch unsere ausgestorbenen Verwandten trugen dieselbe biologische Last.
Was eine zerbrochene Rippe erzählt
Bei den Ausgrabungen von 1899-1905 im kroatischen Krapina wurden mehr als 900 Neandertalerknochen gefunden. Sie waren meist zerbrochen. Ein kleines, 3 cm langes Fragment einer linken Rippe mit der Kennzeichnung „Krapina 120.71“ erregte jedoch die Aufmerksamkeit der Forschenden.
Im Inneren fehlte das normalerweise vorhandene schwammartige Knochengewebe, die Trabekel. Stattdessen wirkte der Knochen wie ausgehöhlt, und seine äußere Schale, die Kortikalis, war ungewöhnlich aufgetrieben. Um diese merkwürdige Struktur zu untersuchen, setzte das Team um Janet Monge und David Frayer moderne bildgebende Verfahren ein.

Abbildung 1. Kaudale Ansicht von Krapina 120.71 (a). Die große Läsion liegt über der Gelenkfläche des Rippenhöckers und erstreckt sich seitlich. Die Trabekel sind zerstört, und die Kortikalis erscheint erweitert. Die dünne kortikale Knochenschicht, die das Dach des Hohlraums bildete, ist nach dem Tod zerbrochen. (b) Krapina 120.6 zeigt die normale Anordnung der Knochentrabekel im Markraum. Die Unregelmäßigkeiten der Oberfläche entstanden nach dem Tod.
Ergebnisse von Röntgen und Mikro-CT
- 1. Hohlraumbildung im Inneren: Die Röntgenaufnahmen zeigten im Knochen eine „osteolytische“, also knochenauflösende Läsion. Der normale Knochenmarkraum war vom Tumor eingenommen und zerstört worden.
- 2. Milchglasartiges Bild: Das in der Radiologie als „Milchglas“ (Ground Glass) bezeichnete Erscheinungsbild ist typisch für fibröse Dysplasie. Der Knochen hatte seine normale Härte verloren und war zu weicherem, faserigem Gewebe geworden.
- 3. Ein Tumor, kein Bruch: Die Struktur der Läsion schloss eine Heilung nach Verletzung sowie eine Infektion (Osteomyelitis) aus. Es handelte sich eindeutig um eine Neoplasie, also einen Tumor.
Hatte dieser Neandertaler Schmerzen?
Fibröse Dysplasie ist eine entwicklungsbedingte Knochenerkrankung, die auch heute vorkommt. Normales Knochengewebe wird durch schwaches, faseriges Gewebe ersetzt. Dadurch wird der Knochen instabil, verdickt sich und verformt sich.
Welche Beschwerden waren möglich?
Bei heutigen Patienten verursacht die Erkrankung manchmal keine Symptome; sie kann aber auch Knochenschmerzen, pathologische Frakturen und Verformungen hervorrufen. Veränderungen an den Rippen sind meist schmerzlos, können beim Atmen jedoch ein Stechen auslösen.
Wie beeinflusste sie sein Leben?
Trotz des schwierigen Höhlenlebens in Krapina erreichte dieser Neandertaler das Erwachsenenalter. Das zeigt, dass der Tumor seine lebenswichtigen Funktionen nicht zum Erliegen brachte, vermutlich jedoch chronische Beschwerden verursachte.
- Monge J, Kricun M, Radovčić J, Radovčić D, Mann A, Frayer DW. Fibrous Dysplasia in a 120,000+ Year Old Neandertal from Krapina, Croatia. PLoS ONE. 2013;8(6):e64539. doi:10.1371/journal.pone.0064539
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