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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Muss der Hals bei frühem Mundhöhlenkrebs mitbestrahlt werden?

Muss der Hals bei frühem Mundhöhlenkrebs mitbestrahlt werden?
In diesem Artikel

Lassen sich unnötige Behandlungen vermeiden?

Mundhöhlenkrebs ist mit weltweit jährlich etwa 390 Tausend Neuerkrankungen ein wichtiges Problem der öffentlichen Gesundheit. Betroffen sein können Lippen, vorderer Zungenabschnitt, Gaumen, Mundboden, Wangeninnenseiten und Zahnfleisch. Standardbehandlung ist die Operation; in bestimmten Fällen wird ergänzend eine postoperative Strahlentherapie empfohlen. Besonders bei frühem Krebs ohne Metastasen in den Halslymphknoten (pN0) bleiben jedoch Notwendigkeit und Nutzen einer zusätzlichen Halsbestrahlung umstritten.

Eine klare Antwort darauf suchte eine multizentrische retrospektive Studie aus den Niederlanden. Sie zeigte, dass eine auf das Tumorbett begrenzte Bestrahlung ohne Einbeziehung des Halses sowohl wirksam als auch nebenwirkungsärmer sein könnte. Die Ergebnisse erschienen am 19. April 2025 in Radiotherapy and Oncology.


Methodik: Wer erhielt welche Behandlung?

Die Forschenden analysierten aus 12 niederländischen Strahlentherapiezentren im Zeitraum 2010–2019 die Daten von 264 Patienten. Alle waren wegen Mundhöhlenkrebs operiert worden, mit En-bloc-Entfernung des Tumors und Neck-Dissektion. Bei der pathologischen Untersuchung der zervikalen Lymphknoten waren Metastasen nicht nachweisbar (pN0).

Die Patienten wurden in zwei Gruppen eingeteilt:

  • Bestrahlung ausschließlich des Tumorbetts (n = 118)

  • Bestrahlung von Tumorbett + Halsregion (n = 146)

Die Strahlendosen unterschieden sich nach Resektionsrandstatus und weiteren Risikofaktoren. Primärer Endpunkt war die regionale Rückfallrate; sekundäre Endpunkte waren lokale Rückfälle, das Gesamtüberleben und späte Nebenwirkungen nach der Behandlung (bewertet nach dem 3. Monat).


Wichtigste Ergebnisse: gleiche regionale Kontrolle, deutliche Unterschiede bei Nebenwirkungen

Lokale Kontrolle und Gesamtüberleben nach Behandlungsgruppe: Soll der Hals bei Mundhöhlenkrebs mitbestrahlt werden?

Regionale Kontrollrate:

  • Nach 5 Jahren in beiden Gruppen 96% (kein statistischer Unterschied)

  • Insgesamt nur 9 regionale Rückfälle (3,4%)

    • Nur Tumorbett bestrahlt: 4 Fälle (3,39%)

    • Tumorbett + Hals bestrahlt: 5 Fälle (3,42%)

Lokale Kontrollrate:

  • Tumorbett-Gruppe: 92%

  • Tumorbett + Hals: 91%

Gesamtüberleben nach 5 Jahren:

  • Tumorbett-Gruppe: 80%

  • Tumorbett + Hals: 78%

Die Zahl entnommener Lymphknoten  (Lymphknotenausbeute) war signifikant mit besserer regionaler Kontrolle verbunden (HR: 0,46).


Nebenwirkungen: Halsbestrahlung erhöht späte Belastungen

Späte Nebenwirkungen nach Behandlungsgruppe: Folgen der Halsbestrahlung bei Mundhöhlenkrebs

Bei Patienten mit Halsbestrahlung traten späte Nebenwirkungen  deutlich häufiger auf:

  • Mundtrockenheit (Grad 2-3):

    • 31% mit Halsbestrahlung

    • 15% bei ausschließlicher Tumorbettbestrahlung

    • Odds Ratio (OR): 4,93

  • Schluckbeschwerden (Grad 2-3):

    • 61% mit Halsbestrahlung

    • 19% in der anderen Gruppe

    • Odds Ratio (OR): 5,29

Die Unterschiede waren sowohl statistisch als auch klinisch signifikant.


Klinischer Kommentar: Halsbestrahlung ist nicht immer nötig

Bei pathologischem pN0 nach En-bloc-Neck-Dissektion ergab eine alleinige Tumorbettbestrahlung  dieselbe regionale Kontrolle wie eine zusätzliche Halsbestrahlung, aber deutlich weniger Nebenwirkungen.

Bei Patienten, deren pathologische Hochrisikofaktoren nur den Primärtumor betreffen und deren Halsregion tumorfrei ist, könnte demnach auf eine Halsbestrahlung verzichtet werden. Dies ist besonders zur Vermeidung später Nebenwirkungen wichtig, die die Lebensqualität beeinträchtigen.


Fazit: individualisierte Strahlentherapie ist möglich

Die Studie zeigt bei erfolgreich operierten Patienten mit negativen Halslymphknoten, dass eine Begrenzung des Bestrahlungsfeldes sicher und wirksam sein könnte. Sie unterstützt zugleich einen Ansatz, der die Lebensqualität verbessern und späte Folgen wie Mundtrockenheit und Schluckbeschwerden verringern kann.

Bei ausgewählten Patientengruppen könnte die Studie den Weg dafür bereiten, eine auf das Tumorbett konzentrierte adjuvante Behandlung zum Standard zu machen.

Quellen

Kreike B, Al-Mamgani A, van Werkhoven E, Beugeling M, Kaanders JHAM, van Ruler M, Doornaert PAH, de Jong MA, Koedijk MS, Vergeer MR, Verbeek HHG, Wesseling FWR, Elbers JBW; Dutch Head and Neck Radiation Oncology Society. Postoperative radiotherapy for oral cavity cancer with or without elective neck radiotherapy of the pN0 en bloc dissected neck: oncologic outcomes and late toxicity. Radiother Oncol. 2025 Apr 19;208:110896. doi: 10.1016/j.radonc.2025.110896. Epub ahead of print. PMID: 40258417.
DROZDOGAN KI

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Drozdogan-Assistent

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