Probiotika, Präbiotika und Stuhltransplantation bei Krebs: Bakterien gezielt beeinflussen

In diesem Artikel
Die Krebsbehandlung entwickelt sich in beispiellosem Tempo. Neben herkömmlichen, auf den Tumor gerichteten Verfahren nutzen wir bahnbrechende Ansätze wie die Immuntherapie, die das Immunsystem gegen Krebs mobilisiert. Doch bei manchen bleibt die Wirkung hinter den Erwartungen zurück, bei anderen entsteht mit der Zeit Resistenz. Bei der Suche nach Gründen entdeckten Forschende etwas Überraschendes: Die Billionen Mikroorganismen in unserem Körper, das Mikrobiom, beeinflussen den Immuntherapieerfolg unmittelbar.
Diese Entdeckung eröffnete einen neuen Weg der Krebsbehandlung: Mikrobiommodulation. Durch Veränderung besonders des Darmmikrobioms soll sie das Immunsystem stärken und die Immuntherapiewirkung verbessern. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in der renommierten Fachzeitschrift JCO, veröffentlicht am 11. Juli 2025, stellt neueste wissenschaftliche Studien und klinische Befunde ausführlich dar.
🌿 Darmflora: Verborgene Partnerin im Kampf gegen Krebs
Das menschliche Mikrobiom, besonders die Darmflora, steht in ständigem dynamischem Austausch mit dem Immunsystem. Präklinische Studien zeigen, dass bestimmte Bakterien das Ansprechen auf Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) verbessern. In Melanommodellen wurde etwa festgestellt, dass Bifidobacterium und Bacteroides als kommensale Bakterien das ICI-Ansprechen beeinflussen können.
Auch klinische Untersuchungen bestätigen den Zusammenhang. Bei soliden Tumoren wie metastasiertem Melanom, Nierenzellkarzinom (mRCC) und nichtkleinzelligem Lungenkrebs (mNSCLC) war eine hohe Häufigkeit von Ruminococcaceae, Akkermansia und Bifidobacterium im Stuhl mit besserem Ansprechen auf Anti-PD-1-Antikörper und längerem Überleben verbunden. Dagegen stören vor oder während ICI gegebene Antibiotika das Darmmikrobiom und führen zu mehr primärer Resistenz und kürzerem Gesamtüberleben.
Der Einfluss des Mikrobioms ist so deutlich, dass neue Biomarker zur Messung dieses Zusammenhangs entwickelt werden. Einer davon, TOPOSCORE, beruht auf der ökologischen Topologie der Darmmikrobiota und schätzt den Dysbiosegrad sowie die Wahrscheinlichkeit eines ICI-Ansprechens. Validierungen in Kohorten mit mNSCLC, mRCC und metastasiertem Urothelkarzinom zeigten einen signifikanten Zusammenhang zwischen TOPOSCORE und Gesamtüberleben.

🧪 Strategien der Mikrobiommodulation und vielversprechende klinische Befunde
Aktuelle Studien prüfen verschiedene Ansätze zur Mikrobiommodulation in der Krebsbehandlung. Besonders hervorzuheben sind Präbiotika, Probiotika und fäkale Mikrobiotatransplantation (FMT) .
Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über zentrale Ansätze, Wirkmechanismen, Grenzen und laufende Studien. (Herr Doktor, hier könnte die türkische Übersetzung von Abbildung 1aus dem PDF eingefügt werden. Die Grafik vereinfacht komplexe Informationen und erleichtert ein umfassendes Verständnis.)
🥦 Präbiotischer Ansatz: Die Kraft der Ernährung
Präbiotika ernähren nützliche Darmmikroorganismen und steigern die Postbiotikaproduktion. Spencer und Kollegen zeigten bei fortgeschrittenem Melanom, dass ballaststoffreiche Ernährung das progressionsfreie Überleben (PFS) signifikant verbesserte. Bei täglich mehr als 20 Gramm Ballaststoffen war das Progressionsrisiko gegenüber Personen ohne Probiotika um 44 % niedriger. Bolte und Kollegen fanden ebenfalls günstigere Immuntherapieergebnisse bei fortgeschrittenem Melanom unter Mittelmeerkost.
🦠 Probiotika: Behandlung mit lebenden Mikroorganismen
Probiotika sind lebende Mikroorganismen mit vermutetem günstigem Therapieeinfluss. Ein wichtiges Beispiel ist C. butyricum MIYAIRI 588 (CBM588) als Probiotikum. Tomita und Kollegen beobachteten in zwei retrospektiven Serien bei mNSCLC unter CBM588 längeres PFS und Gesamtüberleben. Dies bildete die Grundlage zweier prospektiver randomisierter Studien:
- Erste Studie: Bei 30 mRCC-Patienten unter Nivolumab und Ipilimumab verlängerte zusätzliches CBM588 das PFS signifikant und erhöhte die Gesamtansprechrate (58 % gegenüber 20 %).
- Zweite Studie: Bei 30 mRCC-Patienten unter Nivolumab und Cabozantinib erhöhte zusätzliches CBM588 die Gesamtansprechrate auf 74 %, deutlich über der Kontrolle (20 %). Die Ergebnisse führten zur Prüfung von CBM588 in der Phase 3 SWOG BioFront Studie, die seine Rolle in der onkologischen Standardversorgung klären soll.
💊 Fäkale Mikrobiotatransplantation (FMT): Hoffnung bei Resistenz
FMT überträgt die Stuhlmikrobiota gesunder Spender und zeigt bei Immuntherapieresistenz vielversprechende Ergebnisse. In zwei Phase-1-Studien bei Anti-PD-1-resistentem fortgeschrittenem Melanom erzielte FMT zusammen mit erneut begonnener Immuntherapie Gesamtansprechraten von 30 % beziehungsweise 20 %. Das ist bemerkenswert in einer Situation, in der ICI allein Ansprechraten unter 10 % erreichen.
Auch bei neu beginnender Behandlung zeigte FMT eine starke Wirkung:
- MiMic-Phase-1-Studie: Bei unbehandeltem fortgeschrittenem Melanom erreichten FMT + Anti-PD-1-Therapie 65 % Gesamtansprechen und 20 % vollständiges Ansprechen. Dies deutet auf höhere Erfolgsraten als bei früheren Standardbehandlungen hin.
- FMT-LUMINate-Phase-2-Studie: Die Studie umfasste mNSCLC und Melanom. Bei kutanem Melanom erreichten 20 Patienten 75 % Gesamtansprechen, im mNSCLC-Arm waren es 77 %. Diese Raten liegen deutlich über historischen Ergebnissen von KEYNOTE 042 und KEYNOTE 024.
- TACITO-Phase-2-Studie: Bei metastasiertem Nierenkrebs erhöhte FMT zusätzlich zu Pembrolizumab und Axitinib die PFS-Rate nach 12 Monaten von 35 % auf 67 %.
📊 Mikrobiommodulation in der Krebsbehandlung: Übersichtstabelle
| Strategie | Mechanismus | Klinische Befunde | Vorteile | Grenzen | Laufende Studien |
|---|---|---|---|---|---|
| Präbiotika (Ballaststoffe, Mittelmeerkost, Camu-Camu usw.) | Ernähren nützliche Bakterien und steigern die Postbiotikaproduktion (SCFA usw.) | Bei Melanom 44 % geringeres Progressionsrisiko bei ≥20 g Ballaststoffen; besseres PFS/OS mit Mittelmeerkost | Natürlich, kostengünstig, über den Lebensstil umsetzbar | Keine Standarddosis/-form; Dysbioserisiko bei übermäßigem Konsum | NCT03950635 (ketogene Ernährung); NCT05119010 (Nierenkrebs) |
| Probiotika (CBM588 usw.) | Lebende Mikroorganismen stärken die Immunantwort | Bei mRCC mit zusätzlichem CBM588 stieg ORR auf 58–74 % (Kontrolle 20 %); längeres PFS beobachtet | Potenzial für besseres klinisches Ansprechen; sicher | Kleine Stichproben; Artenwahl entscheidend; Infektionsrisiko | Phase 3 SWOG BioFront (CBM588 + ICI) |
| FMT (fäkale Mikrobiotatransplantation) | Mit gesundem Spenderstuhl die Darmflora neu aufbauen | Bei resistentem Melanom 20–30 % ORR; in MiMic 65 % ORR, 20 % CR; in LUMINate bei mNSCLC 77 % ORR; in TACITO bei mRCC stieg das PFS nach 12 Monaten von 35 % auf 67 % | Vielversprechendes Ansprechen auch bei Resistenz; hohe Erfolgsraten | Spenderauswahl entscheidend; keine Standardisierung; Infektionsrisiko | LUMINate (Melanom, NSCLC), TACITO (mRCC), RENMIN-215 (MSS mCRC) |
🔎 Abkürzungen der Tabelle
- SCFA: Short Chain Fatty Acids (kurzkettige Fettsäuren)
- PFS: Progression-Free Survival (progressionsfreies Überleben)
- OS: Overall Survival (Gesamtüberleben)
- mRCC: Metastasiertes Nierenzellkarzinom
- ORR: Objective Response Rate (objektive Ansprechrate)
- CR: Complete Response (vollständiges Ansprechen)
- ICI: Immune Checkpoint Inhibitor (Immuncheckpoint-Inhibitor)
- NSCLC: Non-Small Cell Lung Cancer (nichtkleinzelliger Lungenkrebs)
- MSS mCRC: Mikrosatellitenstabiles metastasiertes kolorektales Karzinom
🔬 Auch das Tumormikrobiom ist wichtig
Die Wirkung des Mikrobioms beschränkt sich nicht auf den Darm. Neue Studien zeigen, dass auch Mikroorganismen im Tumor (intratumorales Mikrobiom) den Behandlungserfolg beeinflussen. Beispielsweise waren bei Speiseröhren- und Lungenkrebs im Tumor vorkommende Streptococcus und Escherichia sowie ähnliche Bakterien mit besserem Immuntherapieansprechen verbunden.
🚀 Künftige Entwicklungen und wichtige Hinweise
Mikrobiommodulation birgt großes Potenzial für die Krebsbehandlung. Frühe Daten sind vielversprechend, doch große randomisierte kontrollierte Studien sind für die klinische Routine nötig. Wesentliche Fragen bleiben offen: Sollen Interventionen für alle gleich oder anhand der individuellen Ausgangszusammensetzung des Mikrobioms personalisiert erfolgen?
Künftige Studien sollen Strategien verbessern, Resistenzmechanismen klären und die Dauerhaftigkeit der Behandlungen prüfen. Mikrobiommodulation gewinnt als unterstützende, vielversprechende onkologische Strategie an Bedeutung.
Quellen
DOI:10.1200/JCO-25-00374
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