Sind risikosenkende Operationen bei erblichen Mutationen außerhalb der BRCA-Gene notwendig?

In diesem Artikel
Neue Diskussion über die Vorbeugung von Eierstockkrebs
Ovarialkrebs, also Eierstockkrebs, gehört weiterhin zu den häufigen gynäkologischen Krebsarten und wird meist erst in fortgeschrittenen Stadien erkannt. Bei etwa 20% der Betroffenen wird eine erbliche genetische Veranlagung nachgewiesen; BRCA1 und BRCA2 sind die bekanntesten Risikogene. Zunehmend werden jedoch auch bei Menschen mit Mutationen außerhalb der BRCA-Gene risikosenkende Operationen vorgenommen.
Dabei stellt sich eine wichtige Frage: Ist die vorbeugende Entfernung von Eierstöcken und Eileitern bei Menschen mit Mutationen außerhalb der BRCA-Gene wirklich notwendig? Eine neue multizentrische Studie zu dieser Frage liefert wertvolle Hinweise, die Entscheidungen in diesem Bereich erleichtern könnten.
Drei Kreisdiagramme zur erblichen Veranlagung und Verteilung genetischer Mutationen bei Eierstockkrebs

Die Studie im Überblick: Vergleich von Frauen mit BRCA- und anderen Mutationen
In der auf der Jahrestagung 2025 der United States and Canadian Academy of Pathology (USCAP) vorgestellten Studie wurden 152 Frauen mit anderen Mutationen mit 388 Frauen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation verglichen. Beide Gruppen hatten sich zur Risikosenkung einer bilateralen Salpingoophorektomie unterzogen, also einer Entfernung beider Eierstöcke und Eileiter.
- HGSC (High-Grade Serous Carcinoma): Der aggressivste und häufigste Untertyp von Eierstockkrebs. Er wird meist in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert und breitet sich rasch aus.
- STIC (Serous Tubal Intraepithelial Carcinoma): Ein in den Eileitern entstehender Krebsentwicklungsprozess, der als Vorstufe des HGSC gilt. Mikroskopisch ist er durch hochgradige Zellatypien gekennzeichnet.
Studiendaten:
-
Gruppe mit Mutationen außerhalb der BRCA-Gene:
-
Durchschnittsalter: 54,8 Jahre (30-81 Jahre)
-
Mutationen: PALB2 (45%), BRIP1 (33%), ATM (8%), CHEK2 (4%), RAD51 (4%)
-
Weitere Mutationen: BARD1, Li-Fraumeni-Syndrom, Lynch-Syndrom
-
Häufigste Gründe für den Gentest: eigene Brustkrebserkrankung (51%), Familienanamnese (27%)
-
Operationen: 97% bilaterale Salpingoophorektomie, 3% Hysterektomie + Salpingoophorektomie
-
Ergebnis: Bei keiner Patientin wurden ein hochgradiges seröses Karzinom (HGSC) oder ein seröses tubares intraepitheliales Karzinom (STIC) nachgewiesen
-
-
BRCA1/2-Gruppe:
-
Durchschnittsalter: 47,7 Jahre
-
BRCA1 (51%), BRCA2 (48%), beide (1%)
-
Operationen: 65% bilaterale Salpingoophorektomie, 27% Hysterektomie + Salpingoophorektomie
-
Ergebnisse:
-
STIC in 3 Fällen
-
Hochgradiges seröses Karzinom in 7 Fällen (etwa 3%)
-
Zusätzlich 1 Endometriumkarzinom und 3 weitere pathologische Befunde
-
-

Nachbeobachtung und Befunde nach der Operation:
-
Gruppe mit anderen Mutationen (149 Patientinnen nachbeobachtet):
-
Durchschnittliche Nachbeobachtung: 23,3 Monate
-
Bei allen Patientinnen (100%) keine Krankheitszeichen
-
-
BRCA1/2-Gruppe (388 Patientinnen):
-
Durchschnittliche Nachbeobachtung: 60,1 Monate
-
Bei 96% keine Krankheitszeichen
-
Wie notwendig sind diese Operationen?
In der Gruppe von 152 Patientinnen mit Mutationen außerhalb der BRCA-Gene wurden weder hochgradige seröse Karzinome noch STIC gefunden. Dagegen wurden bei 3% der Patientinnen mit BRCA1/2-Mutation diese Krebsvorstufen nachgewiesen.
Diese Daten werfen die Frage auf, wie notwendig eine vorbeugende Operation bei anderen Mutationen ist. Insbesondere angesichts schwerwiegender Folgen wie Fertilitätsverlust und vorzeitiger Menopause sollte die Entscheidung zur Operation vorsichtiger getroffen werden.
Was sagen klinische Leitlinien zu Mutationen außerhalb der BRCA-Gene?
Einige klinische Leitlinien empfehlen auch bei Varianten wie BRIP1, RAD51C oder PALB2 eine Operation. Diese Empfehlungen beruhen jedoch meist auf einem niedrigen Evidenzniveau . Deshalb sollten bei der Operationsentscheidung die persönliche und familiäre Krebsvorgeschichte, das Menopausenalter, die Fertilität und die Erwartungen der betroffenen Person berücksichtigt werden.
Fazit: Eine Operation ist möglicherweise nicht immer die beste Wahl
Die Studie zeigt, dass die routinemäßige Durchführung risikosenkender Operationen bei Mutationen außerhalb der BRCA-Gene neu bewertet werden sollte . Evidenzbasierte Medizin verdeutlicht erneut die Bedeutung individueller Entscheidungen und eines patientenzentrierten Ansatzes.
Die Operationsentscheidung sollte nicht allein auf einem Gentestergebnis beruhen, sondern auf der gemeinsamen Bewertung genetischer, pathologischer, epidemiologischer und klinischer Daten . Künftig sind belastbarere prospektive Studien in diesem Bereich sowohl für die klinische Entscheidungsfindung als auch für die Betroffenen von entscheidender Bedeutung.
Quellen
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.