Wie nah sind wir an der Krebsfrüherkennung mit einem einzigen Bluttest?

In diesem Artikel
Lassen sich 13 Krebsarten mit einem einzigen Bluttest erkennen?
Vielversprechende Daten und notwendige Vorsicht bei einem neu entwickelten MCED-Test
Krebs bleibt weltweit eine der größten Gesundheitsbedrohungen. Manche Krebsarten, etwa Pankreas-, Eierstock- oder Magenkrebs, verursachen früh keine Beschwerden und werden deshalb häufig spät diagnostiziert. Eine frühe Diagnose kann die Erfolgsaussichten einer Behandlung jedoch deutlich verbessern. Neue Verfahren, die Krebs schon vor dem Auftreten von Symptomen erkennen, gehören daher zu den vorrangigen Zielen der Medizin.
Eine der dafür in den letzten Jahren entwickelten Technologien sind Multikrebs-Früherkennungstests (MCED – Multi-Cancer Early Detection) . Sie sollen mit nur einem Röhrchen Blut durch die Analyse zirkulierender zellfreier Tumor-DNA (cfDNA) Krebs und sogar sein Ursprungsorgan erkennen.
Was zeigt die neue Studie in Nature Medicine?
Im Juni 2025 wurden in Nature Medicine Ergebnisse einer Studie zu einem MCED-Test veröffentlicht, den das chinesische Biotechnologieunternehmen Geneseeq Technology Inc. entwickelt hat. Mit diesem Test lassen sich 13 verschiedene Krebsarten anhand einer einzigen Blutprobe erkennen:
🔹 Brustkrebs
🔹 Gebärmutterhalskrebs
🔹 Dickdarm- und Enddarmkrebs
🔹 Endometriumkarzinom
🔹 Speiseröhrenkrebs
🔹 Magenkrebs
🔹 Leberkrebs
🔹 Lungenkrebs
🔹 Eierstockkrebs
🔹 Bauchspeicheldrüsenkrebs
🔹 Prostatakrebs
🔹 Gallengangskrebs
🔹 Lymphome
Diese Krebsarten machen weltweit 66.6 % aller Neuerkrankungen und 74 % der Krebstodesfälle aus.
Wie funktioniert der Test?
Der Test untersucht die genetischen und strukturellen Eigenschaften der cfDNA . Er berücksichtigt nicht nur Mutationen, sondern auch:
- Kopienzahlveränderungen (CNV)
- Verteilung der Fragmentlängen
- Nukleosomenspuren
- Methylierungsmuster der cfDNA
Ein fortgeschrittener KI-Algorithmus analysiert diese biologischen Signaturen gemeinsam. So beantwortet er sowohl die Frage „Liegt Krebs vor?“ als auch die Frage nach dem Ursprungsort des Tumors .
Wie belastbar sind die wissenschaftlichen Ergebnisse?
Die Studie umfasste drei Phasen:
- Modelltraining: Analyse von Blutproben von 6553 Personen, davon 3076 mit Krebs und 3477 gesund.
- Unabhängige Validierung: Untersuchung einer neuen Gruppe von 1465 Personen.
- Screening unter Alltagsbedingungen: Testung von 3724 asymptomatischen, also beschwerdefreien Menschen.
🔬 Die wichtigsten Ergebnisse:
- Gesamtsensitivität: 87.4 %
- Gesamtspezifität: 97.8 %
- Sensitivität im Stadium I: 79.3 %
- Im Stadium II: 86.9 %
- Im Stadium IV: 97.1 %
- Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs: 76.9 %
- Bei Eierstockkrebs: 90.5 %
- Bei Leber- und Gallengangskrebs: 100 %
- Sensitivität bei Brustkrebs: 63.8 %
Diese Ergebnisse zeigen, dass sich selbst manche Krebsarten im Frühstadium mit hoher Genauigkeit erkennen lassen.
Ist wirklich alles so einfach?
Trotz seines Potenzials hat der Test Einschränkungen. Besonders wichtig ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein positives Ergebnis tatsächlich Krebs bedeutet:
👉 Positiver Vorhersagewert (PPV): 25 %
Das bedeutet, dass von 4 positiv getesteten Personen nur 1 tatsächlich Krebs hat. Die anderen 3 könnten unnötiger Angst sowie weiteren Bildgebungen oder Biopsien ausgesetzt werden.
In der als Vergleich angeführten Studie von 2023 namens PATHFINDER lag der PPV bei 38 %. Der neue Test erzeugt also etwas mehr falsch positive Ergebnisse .
Wie schnitt der Test beim Bevölkerungsscreening ab?
Bei der Anwendung an asymptomatischen Menschen:
- Wurden 23 von 43 Krebserkrankten erkannt.
- Sensitivität für die 13 Zielkrebsarten: 62.1 %
- Spezifität: 98.1 %
- Falsch-positiv-Rate: Nur 0.54 % beziehungsweise 20/3724 Personen
Interessanterweise erkannte der Test bei 8 Menschen Krebs, der bei einer körperlichen Untersuchung nicht nachweisbar war. Das verdeutlicht das Potenzial von MCED zur Entdeckung verborgener Krebserkrankungen .
Wie stark überschneiden sich MCED-Diagnosen mit Krebsfällen aus klassischen Früherkennungsverfahren?
Und gibt es Fälle, die MCED erkennt, obwohl klassische Screenings sie übersehen?

- MCED und leitliniengerechtes Screening: 11 von 18 Fällen wurden von beiden Verfahren gleichzeitig erkannt.
- Außerhalb klassischer Screenings: 4 von 8 Fällen wurden auch durch MCED erkannt.
- MCED zeigte 2 von klassischen Screenings übersehene Krebsfälle ein Jahr früher an.
- Von 15 aufgrund eines klinischen Verdachts entdeckten Fällen wurden 8 durch MCED frühzeitig erkannt.
Fazit: vielversprechend, aber noch zu früh für die klinische Routine
Dank moderner Bioinformatik und cfDNA-Analysen kann dieser MCED-Test 13 Krebsarten früh erkennen. Besonders bei Krebsarten ohne Screening, etwa Pankreas- und Eierstockkrebs, ist dies eine spannende Entwicklung.
Vor einem breiten Einsatz bleiben jedoch Fragen offen:
- Wie werden Kosten und Verfügbarkeit aussehen?
- Wie lassen sich falsch positive Befunde reduzieren?
- Wie können psychologische Folgen der Ergebnisse aufgefangen werden?
Aus diesen Gründen sollte der Test als ein Werkzeug betrachtet werden, das klassische Screenings ergänzt, anstatt sie zu ersetzen .
Abschließender Gedanke
Dutzende Krebsarten mit einem einzigen Bluttest zu erkennen, ist keine Science-Fiction mehr. Bis dies jedoch zur klinischen Realität wird, braucht es noch Zeit und ein sorgfältiges Vorgehen. Die Wissenschaft entwickelt sich weiter; wir verfolgen sie aufmerksam.
Quellen
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