Wie veränderte ein Tumor die Weltgeschichte? Das Geheimnis der Königin Atossa

In diesem Artikel
15. Tag (Reihe: Geschichte des Krebses in 365 Tagen)
Warum verbarg die mächtigste Frau eines Reiches ein tödliches Geheimnis in ihrer Brust? Und wie veränderte dieses Geheimnis die Weltgeschichte?
In den vorherigen Folgen haben wir die altägyptische Medizin und umweltbedingte Krebserkrankungen betrachtet. Heute führt unser Weg ins Herz des Perserreichs, zum Palast von Susa. Die von Herodot, dem Vater der Geschichtsschreibung, überlieferte Geschichte der Königin Atossaist der älteste bekannte Beleg dafür, dass Krebs neben einem medizinischen Fall auch ein tiefgreifendes psychologisches und gesellschaftliches Phänomen ist.
Sie erzählt, wie Scham eine Diagnose verzögerte und ein einziger Tumor den Funken zu einem gewaltigen Krieg, den Perserkriegen, entzündete.
Die historische Reise eines Tumors
550 v. Chr.
Atossas Geburt: Sie wurde als Tochter von Kyros dem Großen, dem Gründer des Perserreichs, geboren.
Etwa 520 v. Chr.
Beginn der Erkrankung: Atossa bemerkte einen Knoten (phuma) in ihrer Brust, verbarg ihn jedoch.
519 v. Chr.
Demokedes greift ein: Der gefangene griechische Arzt Demokedes behandelte die Königin und erhielt im Gegenzug ein Versprechen.
518 v. Chr.
Beginn des Krieges: Nach ihrer Genesung überzeugte Atossa ihren Mann Dareios von einem Feldzug gegen Griechenland.
1. Der stumme Schrei im Palast: der Faktor Scham
Im dritten Buch (Thalia) von Herodots Historien findet sich ein bemerkenswertes Detail. Königin Atossa, die mächtigste Frau des Reiches, bemerkt einen Knoten oder ein Geschwür in ihrer Brust, auf Griechisch phuma.Entgegen dem heutigen Grundsatz „Früherkennung rettet Leben“ bewahrt Atossa diesen Befund jedoch als Geheimnis.
„Aischunē“ (Scham)
Herodot erklärt mit einem einzigen Wort, warum die Königin ihren Zustand verbarg: Scham. In der antiken Welt galten körperliche Veränderungen und Krankheiten als Zeichen von Schwäche. Für eine Königin bedeutete eine Beeinträchtigung ihres Körpers auch eine Erschütterung ihrer Macht. Diese patientenbedingte Verzögerung („patient delay“) führte leider dazu, dass der Tumor wuchs, ulzerierte und sich ausbreitete.
2. Der gefangene Arzt Demokedes und die Behandlung
Als die Krankheit nicht mehr zu verbergen war und gefährliche Ausmaße angenommen hatte, bat Atossa verzweifelt einen gefangenen griechischen Arzt am Hof um Hilfe: Demokedes von Kroton. Demokedes, der berühmteste Arzt seiner Zeit, erklärte sich zur Behandlung bereit, stellte jedoch eine Bedingung:
„Ich werde dich heilen, doch dafür wirst du tun, worum ich dich bitten werde.“
Krebs oder Mastitis? Medizinhistoriker diskutieren diesen Fall bis heute. Manche, etwa Mukherjee, halten ihn für den ersten dokumentierten Brustkrebsfall. Andere vermuten wegen der Genesung und des anschließenden langen Lebens der Königin einen schweren Brustabszess (Mastitis). Demokedes dürfte den Abszess chirurgisch entleert und die Infektion mit pflanzlichen Umschlägen zum Abklingen gebracht haben.
Warum konnte Demokedes Heilung versprechen?
Dass ein gefangener Arzt der mächtigsten Frau des Perserreichs eine sichere Genesung versprach, geht über gewöhnliches Selbstvertrauen hinaus.
Demokedes war wahrscheinlich sowohl mit der griechischen Medizin als auch mit dem auf Chirurgie und klinischer Beobachtung beruhenden Wissen des alten Ägypten vertraut. Die Papyri Edwin Smith und Ebers beschreiben einige Schwellungen der Brust als Entzündungen, Abszesse und sezernierende Läsionen, die durch Drainage und lokale Behandlungen geheilt werden konnten. Demokedes könnte erkannt haben, dass die Veränderung in der Brust der Königin eher einem Abszess ähnelte als einem Tumor, und daraus den Mut zu seinem Heilungsversprechen geschöpft haben.
Krebs oder Mastitis? Medizinhistoriker diskutieren diesen Fall noch immer. Manche sehen darin den ersten dokumentierten Brustkrebsfall; andere halten wegen der Genesung und des langen weiteren Lebens einen schweren Brustabszess für möglich.
3. Wie veränderte ein Tumor die Weltgeschichte?
Der Wunsch des Arztes
Demokedes' Bitte an die Königin war einfach: Freiheit und Rückkehr nach Griechenland. Direkt an König Dareios konnte er diese Bitte jedoch nicht richten.
Der Schachzug der Königin
Nach ihrer Genesung hielt Atossa ihr Versprechen. Sie bat ihren Mann Dareios, den Skythenfeldzug aufzugeben und stattdessen nach Griechenland (Hellas) zu ziehen. Als Begründung gab sie an, athenische und spartanische Dienerinnen zu wünschen.
Auf den Wunsch seiner Frau entsandte Dareios unter Demokedes' Führung eine Vorhut an die griechische Küste. Dabei gelang Demokedes die Flucht. Noch bedeutsamer war jedoch, dass dieses Ereignis den Boden für die Perserkriegemit Schlachten wie Marathon und den Thermopylen bereitete. Eine einfache Brustläsion löste einen Schmetterlingseffekt aus, der die geopolitische Landkarte der antiken Welt neu gestaltete.
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