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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Cannabis und Krebsbehandlung: wissenschaftliche Fakten, Mythen und gefährliche Irrtümer

Cannabis und Krebsbehandlung: wissenschaftliche Fakten, Mythen und gefährliche Irrtümer
In diesem Artikel
Ein „Wunder“ für Krebspatienten oder eine „Gefahr“, die ihre Behandlung sabotiert? Hintergründe aktueller Behauptungen, molekulare Mechanismen und der tatsächliche Stellenwert in der Onkologie.

Menschen mit einer Krebsdiagnose und ihre Angehörigen suchen verständlicherweise aus Hilflosigkeit nach Hoffnung. Wenn diese Suche jedoch die evidenzbasierte Welt der modernen Medizin verlässt und in die unkontrollierte Informationsflut des Internets abgleitet, können gefährliche Folgen entstehen. Die zuletzt besonders in sozialen Medien verbreiteten Geschichten „Ich habe Krebs mit Cannabis besiegt“ sind ein aktuelles Beispiel dieser Gefahr.

Dieser mit der Sorgfalt einer onkologischen Klinik erstellte Bericht soll die Rolle von Cannabis (Cannabis sativa) in der Krebsbiologie, seinen möglichen Nutzen in der Palliativversorgung und insbesondere seine gefährlichen Wechselwirkungen mit modernen Behandlungen wie der Immuntherapie offenlegen.

1. Die aktuelle Diskussion: Analyse behaupteter „Wunderheilungen“

Kürzlich sorgte die Behauptung von Dr. Dilek İnan für Aufsehen, sie habe das multiple Myelom, eine tödliche Krebsart des Knochenmarks, ausschließlich mit Cannabis besiegt. Sie stellt sich als „Professorin für Onkologie“ dar, obwohl sie diesen Titel laut offiziellen Unterlagen nicht besitzt. Unter wissenschaftlicher Betrachtung ergibt sich folgendes Bild:

MEDIZINISCHE PRÜFUNG
  • Das Qualifikationsproblem: Die Spezialisierung auf Onkologie erfordert nach dem Medizinstudium eine jahrelange besondere Ausbildung mit Prüfungen. Untersuchungen zeigen, dass die betreffende Person diese Qualifikation nicht besitzt.
  • Die Natur der Erkrankung: Das multiple Myelom ist eine komplexe Erkrankung, die Stammzelltransplantation und zielgerichtete Medikamente wie Proteasominhibitoren erfordert. Eine vollständige Heilung innerhalb von 4 Monaten allein durch ein pflanzliches Produkt wäre in der hämatologisch-onkologischen Literatur beispiellos und bedürfte einer biologischen Erklärung.
  • Beweiskraft: In der Medizin gelten Anekdoten, also persönliche Geschichten, nicht als Beweise. Ohne einen wissenschaftlichen Fallbericht lässt sich weder prüfen, ob die Patientin weitere, nicht angegebene Behandlungen erhielt, noch ob die Erstdiagnose richtig war oder eine spontane Remission, also eine Rückbildung von selbst, möglich ist.

2. Cannabis auf molekularer Ebene: Was bewirkt es im Körper?

Um die Cannabiswirkungen zu verstehen, müssen wir das biologische Netzwerk unseres Körpers kennenlernen, das „Endocannabinoid-System“ (ECS) genannt wird. Dieses System hält mithilfe körpereigener Cannabinoide das Gleichgewicht, die Homöostase, aufrecht.

Rezeptoren (Schlösser)

Die Cannabisbestandteile binden im Körper an diese besonderen Stellen:

  • CB1-Rezeptoren: Sie kommen vor allem in Gehirn, Rückenmark und Nervensystem vor und steuern Schmerzen, Gedächtnis und Appetit.
  • CB2-Rezeptoren: Sie finden sich in Immunzellen wie Leukozyten, in der Milz und in peripheren Geweben und regulieren Entzündungen.
Aktive Bestandteile (Schlüssel)

Die Pflanze enthält mehr als 100 Phytocannabinoide; die wichtigsten sind:

  • THC (Tetrahydrocannabinol): Bindet stark an CB1-Rezeptoren. Es verursacht die psychoaktive, berauschende Wirkung, steigert den Appetit und wirkt schmerzlindernd.
  • CBD (Cannabidiol): Ist nicht psychoaktiv. Es bindet nicht direkt an CB1/CB2, sondern reguliert die Grundaktivität des Systems. Es wirkt angstlösend und entzündungshemmend.

3. Behandelt Cannabis Krebs? Mythen und Fakten

Der größte Irrtum unserer Patienten besteht darin, Laborbefunde für eine Behandlung beim Menschen zu halten. Die wissenschaftlichen Fakten sind:

MYTHOS WISSENSCHAFTLICHE TATSACHE
„Cannabisöl tötet Krebszellen und beseitigt den Tumor.“ Dafür, dass Cannabis Krebs bei Menschen behandelt, gibt es keine einzige bestätigte klinische Studie der Phase 3. NCI und ACS weisen dies klar zurück.
„Im Labor wurde bewiesen, dass es Krebs tötet.“ Richtig, in einer Petrischale, also in vitro, kann es Krebszellen töten. Aber auch Bleichmittel töten Krebs in einer Petrischale. Das bedeutet nicht, dass sie für Menschen sichere und wirksame Medikamente sind.
„Pharmaunternehmen verheimlichen das Wundermittel.“ Im Gegenteil: Pharmaunternehmen produzieren und verkaufen bereits aus Cannabis isolierte, standardisierte Medikamente wie Dronabinol und Epidiolex. Diese dienen jedoch der Symptomkontrolle und nicht der Krebsbehandlung.

4. Medizinisch anerkannte Einsatzbereiche: Symptomkontrolle (Palliativversorgung)

Obwohl Cannabis Krebs nicht heilt, hat es einen anerkannten Platz bei der Bekämpfung von Nebenwirkungen der Erkrankung oder ihrer Behandlung, also in der unterstützenden Therapie. Folgende Anwendungen sind von der FDA zugelassen:

  • DRONABINOL / NABILON Vorbeugung schwerer, durch Chemotherapie verursachter Übelkeit und Erbrechen, die auf Standardmedikamente nicht ansprechen.
  • NABIXIMOLS (Sativex) In einigen Ländern wie Kanada und in Europa zusätzlich zu Opioiden bei Krebsschmerzen eingesetzt.
  • APPETITANREGUNG Zur Appetitanregung beim Kachexie- beziehungsweise Auszehrungssyndrom von Menschen mit AIDS oder fortgeschrittenem Krebs.

5. Tödliche Risiken: „Natürlich“ bedeutet nicht harmlos

Cannabiskonsum birgt lebensbedrohliche Risiken, besonders für Patienten unter moderner onkologischer Behandlung. Die größte Gefahr liegt in der Wechselwirkung mit der Immuntherapie, der bahnbrechenden Behandlung der letzten Jahre.

ACHTUNG: WARNUNG FÜR PATIENTEN UNTER IMMUNTHERAPIE

Immuntherapien wie Pembrolizumab und Nivolumab geben dem Immunsystem gewissermaßen Gas, damit es Krebs angreift. Cannabis dagegen ist ein starkes Immunsuppressivum (immunsystemunterdrückendes Mittel) und wirkt entsprechend.

In einer prospektiven israelischen Studie von Bar-Sela et al. betrug die Tumorschrumpfungsrate beziehungsweise Ansprechrate bei Cannabiskonsum während einer Immuntherapie %15.9, ohne Cannabiskonsum dagegen %37.5. Cannabis halbierte somit die Wirkung des Medikaments.

Mechanismus: Cannabis unterdrückt über CB2-Rezeptoren T-Zellen und Makrophagen. Wenn Sie einerseits das Immunsystem mit Medikamenten anregen, es andererseits mit Cannabis einschläfern, scheitert die Behandlung.

Weitere toxische Wechselwirkungen

  • Leberenzyme (CYP450): Cannabis kann Leberenzyme, die Chemotherapeutika wie Taxane oder Irinotecan abbauen, blockieren oder beschleunigen. Dadurch können toxische Blutspiegel entstehen oder das Medikament kann unwirksam werden.
  • Herz-Kreislauf-Risiko: THC erhöht die Herzfrequenz und kann den Blutdruck verändern. Für Krebspatienten mit Herzerkrankungen ist das riskant.
  • Pilzinfektion: Unkontrollierte Cannabispflanzen vom Schwarzmarkt enthalten häufig den Pilz Aspergillus . Bei immungeschwächten, neutropenischen Krebspatienten kann dieser Pilz eine tödliche Lungenentzündung verursachen.
KLINISCHER KOMMENTAR DER DROZDOGAN AKADEMIE

Den Weg im Licht des Wissens gehen

Liebe Patienten und Angehörige, der Kampf gegen Krebs ist schwierig, und es ist völlig natürlich, sich an jeden Hoffnungsschimmer klammern zu wollen. Die Onkologie ist jedoch eine Wissenschaft, die durch Belege und nicht durch Wunder vorankommt.

Wie im Beispiel von Dr. Dilek İnan können wissenschaftlich unbegründete, unkontrollierte Ratschläge außerhalb der eigenen Fachkompetenz nicht nur finanzielle Verluste, sondern auch unwiederbringliche Zeit- und Gesundheitsverluste verursachen.

Unsere Empfehlung ist eindeutig:

  • Betrachten Sie Cannabis nicht als „Krebsmedikament“. Es kann Ihre eigentliche Behandlung niemals ersetzen.
  • Wenn Sie bei Schmerzen, Übelkeit oder Appetitlosigkeit eine pflanzliche Unterstützung erwägen, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Onkologen darüber. Eine heimliche Anwendung kann Ihr zielgerichtetes Medikament oder Ihre Chemotherapie unwirksam machen.
  • Holen Sie medizinischen Rat ausschließlich bei Ärzten mit der Facharztbezeichnung „Medizinische Onkologie“ ein.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Lektüre

  • Bericht der Nationalen Akademien der Wissenschaften: The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine. „Die gesundheitlichen Auswirkungen von Cannabis und Cannabinoiden: aktueller Stand der Evidenz.“ Washington, DC: The National Academies Press; 2017.
  • Immuntherapiestudie: Bar-Sela G, et al. „Cannabiskonsum von Krebspatienten während einer Immuntherapie korreliert mit ungünstigen klinischen Ergebnissen.“ Cancers (Basel). 2020;12(9):2447.
  • Klinische Übersichtsarbeit: Kramer JL. „Medizinisches Marihuana bei Krebs.“ CA: A Cancer Journal for Clinicians. 2015;65(2):109-122.
  • NCI PDQ: National Cancer Institute. „Cannabis und Cannabinoide (PDQ®) – Version für medizinisches Fachpersonal.“ 2024.

Quellen

1. Marie McCormick et al.,
The health effects of cannabis and cannabinoids: The current state of evidence and recommendations for research.
The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine, 12 January 2017.

2. Joan L. Kramer MD.
Medical marijuana for cancer.
CA Cancer J Clin 2015;65: 109–122. © 2014 American Cancer Society.
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