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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Das Wissen des Ostens strömt in den Westen: Konstantin der Afrikaner

Das Wissen des Ostens strömt in den Westen: Konstantin der Afrikaner
In diesem Artikel

Tag 34 (Die Geschichte des Krebses in 365 Tagen)

Ein Mönch, der mit Handschriften aus Nordafrika die Medizin wiederaufbaute, die Europa im Dunklen Zeitalter vergessen hatte. Die Entstehung der onkologischen Theorie in Europa mit dem „Liber Pantegni“.

In der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts lag die europäische Medizin in tiefem Schlaf. Eingeschlossen hinter Klostermauern, war sie vom Wissen der antiken Welt abgeschnitten. Genau zu dieser Zeit war es ein geheimnisvoller Mann aus Tunis namens Konstantin der Afrikaner, der mit arabischen Handschriften im Gepäck die Küsten Italiens betrat.

Konstantin der Afrikaner und die Entwicklung der onkologischen Theorie im Liber Pantegni

Seine Ankunft war mehr als eine Migration: Sie war einer der größten „Datentransfers“ der Medizingeschichte. Das onkologische Wissen, das Ibn Sina und al-Razi in der islamischen Welt zu höchster Blüte gebracht hatten, sollte sich dank Konstantins Übersetzungen an der Medizinschule von Salerno und von dort in ganz Europa verbreiten. In diesem Beitrag untersuchen wir, wie Krebs im Westen mithilfe der Theorie der „Schwarzen Galle“ neu definiert wurde.

Die Mission eines Mönchs: eine Übersetzungsrevolution

Als Konstantin erstmals nach Salerno kam, erkannte er, wie unzureichend die medizinische Literatur im Westen war. Die lateinische Welt hatte das Erbe von Hippokrates und Galen vergessen. Um diese Lücke zu schließen, zog er sich in das Kloster Monte Cassino zurück und widmete sein Leben der Übersetzung arabischer medizinischer Texte ins Lateinische.

BAGDAD / TUNIS Quelltexte (islamische Medizin)
SALERNO Das Tor nach Europa
MONTE CASSINO Übersetzung und Latinisierung

Liber Pantegni: „Das Buch der gesamten Kunst“

Konstantins bedeutendstes Werk ist die lateinische Übersetzung des „Kitab al-Maliki“ (Königliches Buch) des berühmten islamischen Arztes Ali ibn Abbas al-Madschusi mit dem Titel Liber Pantegni. Dieses Werk gilt als das erste umfassende medizinische Lehrbuch, das in Europa verfasst wurde.

In diesem Werk wird Krebs nicht nur als Schwellung betrachtet, sondern als Folge einer Störung des allgemeinen Gleichgewichts im Körper. Konstantin unterscheidet zwischen „Occult“ (verborgen, noch nicht ulzeriert) und „Ulcerated“ (ulzeriert, mit offener Wunde). Diese Unterscheidung sollte in den folgenden Jahrhunderten zum grundlegenden Kriterium für chirurgische Entscheidungen werden.

Die Ätiologie des Krebses: der Fluch der Schwarzen Galle

Als Konstantin die galenische Medizin nach Europa zurückbrachte, erklärte er auch die Ursache des Krebses anhand der „Humoralpathologie“. Demnach bestand das Universum aus 4 Elementen (Erde, Wasser, Luft, Feuer), der Mensch hingegen aus 4 Säften (Blut, Schleim, Gelbe Galle, Schwarze Galle).

BLUT (Sanguis) Warm und feucht (Luft)
SCHLEIM (Phlegma) Kalt und feucht (Wasser)
GELBE GALLE (Cholera) Warm und trocken (Feuer)
SCHWARZE GALLE (Melancholia) Kalt und trocken (Erde)
DER URSPRUNG DES KREBSES

Der Theorie zufolge verhärtete die von der Milz gesteuerte „Schwarze Galle“ (Melancholia), wenn sie sich im Körper übermäßig ansammelte und „verbrannte“ oder ablagerte, das Gewebe, in dem sie sich festsetzte, beeinträchtigte dessen Ernährung und führte zu Krebs. Deshalb galt Krebs als „kalter“ Tumor. Diese „Kälte“ war ein Zeichen dafür, dass das Gewebe seine Lebensenergie verloren hatte.

Die Latinisierung der „Krabben“-Metapher

Konstantin übersetzte das Wort „Sartan“ aus den arabischen Texten mit dem lateinischen „Cancer“ (Krabbe). Im Liber Pantegni wird dieser Vergleich folgendermaßen erklärt:

„Die harte Masse im Zentrum des Tumors ähnelt dem Körper einer Krabbe. Die geschwollenen, dunkel gefärbten Adern, die sich um sie herum ausbreiten, erinnern hingegen an die Beine der Krabbe. So wie eine Krabbe ihre Beute mit ihren Scheren packt und nicht mehr loslässt, klammert sich auch der Krebs fest an das Organ, in dem er sich angesiedelt hat.“

Diese Übersetzung bestimmte nicht nur den Namen des Krebses, sondern auch den Blick der Ärzte auf die Krankheit: „Eine Krankheit, die sich festsetzt, ausbreitet und nur schwer entfernen lässt.“

Kommentar der DROZDOGAN Akademie

Die Geschichte Konstantins des Afrikaners erinnert uns an die Universalität der Wissenschaft. Die Grundlagen der heutigen modernen Medizin wurden mit den arabischen Büchern gelegt, die ein Mönch im 11. Jahrhundert auf seinem Rücken trug. Auch wenn die Theorie der „Schwarzen Galle“ heute biologisch nicht mehr gültig ist, hat der von ihr vorgeschlagene „systemische Ansatz“ weiterhin Bestand: Krebs ist nicht nur eine örtliche Schwellung, sondern eine Störung des Gleichgewichts des gesamten Körpers. Konstantin entschied sich dafür, Wissen durch Übersetzung zu verbreiten, statt es zu verbergen; mit derselben Mission teilen auch wir heute Wissen.

Wissenschaftliche Quellen:
  • The 'Pantegni, Theorica' of Constantine the African: A Text-Historical Study. University of Helsinki.
  • Medicine at Monte Cassino: Constantine the African and the Oldest Manuscript of His Pantegni.
  • The Concept of Black Bile and Its Importance in Maintenance of Health. ResearchGate.
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