Der älteste dokumentierte Krebs in der menschlichen Abstammungslinie: 1.7 Millionen Jahre

In diesem Artikel
2. Tag (Geschichte des Krebses in 365 Tagen)
Der älteste Krebsfall der Menschheitsgeschichte: Was erzählen uns die Knochen eines Vorfahren, der vor 1.7 Millionen Jahren lebte?
Bei Krebs denken wir sofort an die Belastungen der modernen Welt: Industrieschlote, gentechnisch veränderte Lebensmittel, Chemikalien ... Viele halten Krebs für eine „künstliche“ Krankheit. Doch die Wissenschaft erzählt uns anhand eines 1.7 Millionen Jahre alten Knochens aus der Erde eine ganz andere Geschichte.
Ein in einer südafrikanischen Höhle entdecktes Zehenfossil belegte, dass Krebs weit mehr als eine Nebenwirkung des modernen Lebens ist: eine evolutionäre Realität tief in unserer Biologie.
In unserem früheren Beitrag Krebs in einem 76 Millionen Jahre alten Dinosaurierfossil entdeckt haben wir die Wurzeln der Krankheit vor dem Auftreten des Menschen untersucht. Nun stellen wir die Zeitmaschine auf die Menschheitsgeschichte ein.
Dieser Beitrag erzählt mehr als die Geschichte eines alten Knochens. Er ist eine wissenschaftliche Detektivgeschichte darüber, „woher Krebs kommt“ und dass er ein komplexer Preis der Natur und des Lebens ist.
Versteinerter Schmerz: Der Mittelfußknochen aus der Höhle
Unsere Geschichte beginnt damit, dass Paläoanthropologen bei der Untersuchung unzähliger Knochenfragmente in der südafrikanischen Swartkrans-Höhle auf einen linken Mittelfußknochen mit der Kennung SK 7923 stießen. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein gewöhnliches Fossil, doch seine Form war auffällig verändert: Auf der Oberfläche zeigte sich eine krankhafte Knochenwucherung, die an einen Blumenkohl erinnerte.
War dies lediglich eine verheilte Fraktur oder eine prähistorische Infektion? Um die Antwort zu finden, nutzten Forscher der Universität Witwatersrand die Möglichkeiten der modernen Medizin.
Die Diagnose nach 1.7 Millionen Jahren: Osteosarkom
Das Fossil wurde mit Mikro-CT untersucht, einem Verfahren mit wesentlich höherer Auflösung als die Computertomografie im Krankenhaus. Die innere Knochenstruktur wurde mit fast zellulärer Detailgenauigkeit erfasst. Die Befunde entsprachen genau den Fällen, die wir heute in onkologischen Kliniken sehen:
- Unregelmäßige innere Struktur: Das schwammartige Gewebe im Knocheninneren war vollständig zerstört und durch chaotisches Tumorgewebe ersetzt worden.
- Aggressive Ausbreitung: Das Knochenwachstum breitete sich unkontrolliert nach außen aus und bildete das typische „Sonnenstrahlenmuster“ (sunburst appearance). Dieses Bild ist charakteristisch für den bösartigen Knochentumor Osteosarkomund gilt als sein Erkennungszeichen.
Diese Krebsart, die heute besonders bei Kindern und jungen Erwachsenen vorkommt, folgte bereits vor 1.7 Millionen Jahren denselben biologischen Regeln.
Wer war der Patient? Ein Mensch?
Hier müssen wir eine wichtige wissenschaftliche Unterscheidung treffen. Vor 1.7 Millionen Jahren existierte der moderne Mensch (Homo sapiens) noch nicht; unsere Art erschien erst vor etwa 300.000 Jahren. Der Besitzer des krebskranken Knochens gehörte zu einer von zwei möglichen fernen Verwandten in unserem Stammbaum:
(Eine frühe Menschenart)
(Ein menschenähnlicher Verwandter)
Unabhängig von seiner genauen Art war dieses Individuum ein auf zwei Beinen gehender „Hominine“. Der Zustand des Knochens lässt vermuten, dass die Krankheit erhebliche Schmerzen verursachte und das Benutzen des Fußes sowie das Gehen erschwerte. Wie lange das Individuum unter den unerbittlichen Bedingungen der Wildnis überlebte, wenn Flucht vor Raubtieren oder Jagd unmöglich wurden, bleibt ein völliges Rätsel.

Wie verändert diese Entdeckung unseren Blick auf Krebs?
Das Fossil widerlegt die verbreitete Vorstellung, Krebs sei lediglich der „Preis des modernen Lebens“, und macht ihn als biologische Realität begreifbar:
- 1. Krebs ist nicht „modern“: Schon vor der industriellen Revolution, vor Zigaretten und verarbeiteten Lebensmitteln gab es Krebs. Umweltfaktoren erhöhen zwar das Risiko, doch Krebs lässt sich nicht auf Verschmutzung allein reduzieren.
- 2. Ein biologischer Preis: Unsere Zellen müssen sich durch Teilung erneuern. Dass bei diesem komplexen Kopiervorgang Fehler, also Mutationen, entstehen, liegt in der Natur der Evolutionsbiologie, im „Code des Lebens“. Krebs ist der statistische Preis der Vielzelligkeit.
- Odes EJ, Randolph-Quinney PS, Steyn M, et al. Osteogenic sarcoma in a 1.7 million-year-old hominin from Swartkrans, South Africa. South African Journal of Science. 2016;112(7/8). doi:10.17159/sajs.2016/20150471
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.