Der erste Big-Data-Analyst der Medizingeschichte: Bernardino Ramazzini und die Nonnen

In diesem Artikel
Vom Inneren des Körpers zum Rhythmus der Gesellschaft: der Moment, in dem Ramazzini, der „Vater der Berufskrankheiten“, den großen Zusammenhang zwischen Lebensstil und Krebs entdeckte.
Im Verlauf der Krebsgeschichte hatten Ärzte ihre Linsen stets auf das „Innere“ des Körpers gerichtet, auf die stillen Tiefen der Gewebe und Zellen (Tag 59). Doch zu Beginn des 18. Jahrhunderts hob Bernardino Ramazzini zum ersten Mal in der Medizingeschichte den Kopf vom Mikroskop und blickte auf die Gesellschaft und die Lebensweise der Menschen. Er erkannte, dass das Geheimnis des Krebses nicht nur mit einem biologischen Zufall zusammenhing, sondern auch damit, „was jemand tat“ und „wie jemand lebte“. Die Grundlage der Begriffe „Risikofaktoren“ und „Präventivmedizin“, die wir heute in der Onkologie verwenden, wurde durch jenen statistischen Funken gelegt, den Ramazzini in den Klosteraufzeichnungen entdeckte.
Als Professor für Medizin an der Universität Padua fügte Bernardino Ramazzini (1633-1714) der seit Hippokrates bestehenden ärztlichen Praxis etwas Erschütterndes hinzu. Er hielt es für unzureichend, wenn Ärzte ihre Patienten lediglich fragten: „Wo haben Sie Schmerzen?“, und stellte jene goldene Frage, die das Schicksal der Medizin veränderte: „Was ist Ihr Beruf?“
Die Frage, die Hippokrates vergaß, und das statistische Erwachen
Ramazzini untersuchte mehr als 50 Berufsgruppen, von Schneidern bis zu Bäckern und von Bergleuten bis zu Bäckern. Seine Beobachtungen fasste er in seinem 1700 veröffentlichten monumentalen Werk De Morbis Artificum Diatriba (Abhandlung über die Krankheiten der Arbeiter) zusammen. Die eindrucksvollste Analyse seines Buches betraf jedoch eine besondere Gruppe, die abgeschieden von der Gesellschaft lebte: die Nonnen.
Indem Ramazzini die Gesundheitsaufzeichnungen der Nonnen mit denen verheirateter Frauen verglich, führte er die erste „vergleichende Risikoanalyse“ der Medizingeschichte durch.
Während Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) bei Nonnen nahezu nicht vorkam, waren die Brustkrebsraten erschreckend hoch.
Die stille Tragödie der Klöster: Jungfräulichkeit und Brustkrebs
Warum waren gerade diese frommen Frauen, die sich vom Trubel der Welt fernhielten, dem härtesten Schlag des „Krebses“ ausgesetzt? Ramazzini kam zu dem Schluss, dass diese tragische Situation auf die „zölibatäre“ (unverheiratete) Lebensweise der Nonnen zurückzuführen war.
Die von der modernen Onkologie bestätigte Theorie
Obwohl Ramazzinis Theorie, dass „Ehelosigkeit zu einer Instabilität des Brustgewebes führt“, auf dem begrenzten biologischen Wissen seiner Zeit beruhte, war seine epidemiologische Schlussfolgerung makellos. Heute wissen wir: Wer nie ein Kind zur Welt bringt (Nulliparität) und nie stillt, ist im Laufe des Lebens einer höheren Östrogenmenge ausgesetzt, wodurch das Brustkrebsrisiko einer Frau unmittelbar erhöht wird. Ebenso waren die Nonnen auf natürliche Weise vor Gebärmutterhalskrebs geschützt, weil sie dem sexuell übertragbaren HPV-Virus fernblieben.
Die Geburt der Epidemiologie: Krebs ist nun eine Frage des „Lebensstils“
Diese historische Beobachtung Ramazzinis bewies, dass Krebs nicht bloß ein „inneres Unglück“ war. Zum ersten Mal wurde Krebs mit dem Lebensstil, der Fortpflanzungsgeschichte und dem hormonellen Gleichgewicht in Verbindung gebracht. Die Wissenschaft, die die Verteilung und die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung untersucht, die moderne Epidemiologie, entstand aus diesen Klosteraufzeichnungen.
Doch die riskante Beziehung des Menschen zur Außenwelt sollte mit dem rußigen Atem der Industriellen Revolution schon bald noch dramatischere Formen annehmen.
Morgen (Tag 61) werden wir in die rußigen Schornsteine Englands steigen. Wir werden die Tragödie der „Schornsteinfegerkinder“ und die erschütternde Entdeckung Percivall Potts kennenlernen, der den Zusammenhang zwischen Krebs und „Chemikalien von außen“ nachwies!
Der stille Schrei in den Daten
Bernardino Ramazzini lehrte uns, dass wir für eine „treffsichere Orientierung“ in der Onkologie nicht nur die Biopsie eines Patienten, sondern auch seine **Lebensgeschichte** betrachten müssen. Die stille Tragödie der Nonnen ist die älteste Lektion darüber, wie biologische Wiederherstellung nicht nur durch Medikamente, sondern auch durch den Respekt vor dem natürlichen Kreislauf selbst (Geburt, Stillen, hormonelles Gleichgewicht) bewahrt werden kann.
Aus der Perspektive der Gesundheitsinformatik ist Ramazzini der erste Analyst „großer Datenmengen“ (big data) der Medizingeschichte. Mit der Frage „Was ist Ihr Beruf?“ brach er das jahrtausendealte medizinische Schweigen und machte Krebs von einem Schicksal zu einem „Forschungsgegenstand“. Heilung bedeutet, die Einzelheiten des Lebens treffend zu lesen und die Fehler in diesen Einzelheiten mithilfe der Wissenschaft zu beheben.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Lektüre
- 1. Ramazzini B. De Morbis Artificum Diatriba (Diseases of Workers). 1713. (Englische Übersetzung: American Journal of Public Health, 2001).
- 2. Franco G. "Ramazzini and workers' health." The Lancet, 1999;354(9181):858-861.
- 3. Mukherjee S. The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer. Scribner, 2010.
- 4. CancerQuest. "The History of Cancer: Early Cancer Epidemiology." The American Cancer Society.
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