„Der traurigste Ausschuss“ – Behinderung, Vererbung und der Blick des Künstlers

Joaquín Sorolla feierte bei der Weltausstellung 1900 in Paris einen großen Erfolg. Sein Gemälde ¡Triste herencia! (Trauriges Erbe) gewann sowohl den Grand Prix als auch eine Ehrenmedaille. Nachdem der spanische Maler für die französische Légion d’honneur vorgeschlagen worden war, erhielt er ein Jahr später bei der Nationalausstellung in Madrid eine weitere Medaille. Sorolla war damals 37 Jahre alt. Der aus Valencia stammende Künstler hatte in Madrid, Rom und Paris studiert. Er war bereits bekannt; das Gemälde von 1899 vergrößerte seinen Ruhm noch, auch wenn es heute weniger geläufig ist.
Die Ausstellung „Meister des Lichts“ in Mailand 2022 sollte das Publikum mit Sorollas Werk vertraut machen. Das riesige Gemälde ¡Triste herencia! erhielt eine eigene Wand. Kleinere Bilder im Raum zeigten sein Interesse am Zusammenspiel von Sonnenlicht, Wasser und Kinderkörpern. Niño durmiendo en la barca (Schlaf im Boot, 1895) zeigt einen barfüßigen Jungen in grober Kleidung, der im Schatten eines Segels vermutlich auf einem Fischerboot schläft. Mediodía en la playa de Valencia (Mittag am Strand von Valencia, 1904) zeigt drei Kinder. Die impressionistische Behandlung von Licht, Schatten und Spiegelungen lässt offen, ob sie über Sand oder durch Wasser gehen.
¡Triste herencia!, der Blickfang des Raums, unterscheidet sich jedoch deutlich davon. Statt eines friedlich schlafenden, vielleicht von harter Arbeit erschöpften Jungen oder dreier unbeschwerter Kinder zeigt es mehr als 20 nackte Jungen beim Baden im Meer unter Aufsicht eines Priesters in schwarzer Soutane. Im Vordergrund stehen Kinder, die noch nicht ins Wasser gegangen sind. Einige sind offensichtlich behindert: Zwei bewegen sich mit Krücken über den Sand, ein anderer scheint blind zu sein und streckt suchend seine Hand aus. Mindestens einer der bereits im Wasser stehenden Jungen benutzt ebenfalls eine Krücke.
Alle Kinder wirken kränklich und schmächtig; ihre Körper erscheinen blass vor dem goldbraunen Sand. Der Kritiker Aureliano de Beruete schrieb 1901: „Auf diesem Gemälde sehen wir einen Priester der Kongregation San Juan de Dios, der eine Schar degenerierter Kinder badet: blinde, verkrüppelte, lahme, leprakranke Kinder, kurz, Kinder mit allen möglichen Krankheiten. Es ist der Abfall, den die Gesellschaft aus ihrer Mitte ausgestoßen hat und den diese wohltätige Einrichtung aufnimmt und schützt“. Anlässlich von Sorollas großer New Yorker Ausstellung 1909 beschrieb ein weiterer Kritiker, William Starkweather, sie als „die ausgestoßenen Kinder elender Eltern. Die meisten sind verkrüppelt, manche tragen das Stigma des Schwachsinns, viele sind völlig blind“.
Beruetes Elendskatalog erinnert an die Worte, mit denen Sorolla selbst die Entstehung des Bildes schilderte: „Eines Tages, als ich in eine meiner Arbeiten zur Fischerei in Valencia vertieft war, sah ich in der Ferne mehrere nackte Kinder im Meer und am Ufer, beaufsichtigt von der kräftigen Gestalt eines Priesters. Offenbar waren es Bewohner des Krankenhauses San Juan de Dios, der traurigste Ausschuss der Gesellschaft: Blinde, Irre, Krüppel und Leprakranke. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr mich das bewegte. Ich verlor keine Zeit, die Erlaubnis zum Arbeiten vor Ort einzuholen, und malte mein Bild unmittelbar dort am Wasser.“
¡Triste herencia! wurde mehrfach in der medizinischen Literatur aufgegriffen. Martínez-Lage und Kollegen besprachen das Gemälde 2012 in Child’s Nervous System aus neurologischer Sicht und brachten es mit den Folgen einer Polioepidemie (Kinderlähmung) in Verbindung, die einige Jahre zuvor die Region Valencia getroffen hatte. Joseph schrieb 2021 im Journal of Pediatric Orthopaedics, „Sorolla habe unwissentlich erstmals Kinder mit Lähmungen nach Polio gemalt“! Bewundernd beschrieb er, wie der Maler beim vom Priester gestützten Jungen die Atrophie der Ober- und Unterschenkelmuskulatur erfasst hatte. Er kommentierte, dass die starke Beugung des rechten Knies und die Plantarflexion des rechten Sprunggelenks zusammen mit dem fehlenden Abheben der Zehen vom Sand während der Schwungphase des Gehens auf eine Lähmung des Musculus tibialis anterior hinwiesen.
Doch warum „trauriges Erbe“? Und warum „Abfall“, „Ausschuss“ und „elende Eltern“? Josephs Wort „unwissentlich“ bezog sich auf Sorollas eigenes Missverständnis der dargestellten Pathophysiologie. Ursprünglich hieß das Bild Niños de placer (Kinder des Vergnügens). Beide Titel legten nahe, dass diese kränklichen, in einer Einrichtung untergebrachten Kinder durch die Sünden ihrer Eltern behindert worden seien – vermutlich also an den Folgen einer angeborenen Syphilis litten. Sorolla verstand nicht, dass er Lähmungen nach Polio malte; er betrachtete das Problem der Kinder als moralische Frage. Der „traurigste Ausschuss der Gesellschaft“ war tatsächlich eine gesellschaftliche Frage: Das tragische Erbe bestand darin, dass die Sünden der Eltern ihre Söhne heimsuchten.
Auch Sorollas Zeitgenossen verstanden das Bild als Darstellung angeborener Syphilis. Als die Ausstellung 1909 in New York eröffnet wurde, beschrieb die Newark Evening News die Szene so: „Dutzende schwachsinniger oder verkrüppelter Kinder – ihre anatomischen Deformationen meisterhaft dargestellt –, von unmoralischen und unbekannten Eltern verlassen, scharen sich um den guten Priester. Sein Leben ist der Linderung jener Leiden gewidmet, die die Sünden der Eltern verursacht haben.“
Auch andere Gemälde Sorollas vermittelten gesellschaftliche und politische Botschaften: Trata de blancas (Weißer Sklavenhandel, 1894) zeigte vier junge Prostituierte in einem Zug unter Aufsicht einer älteren Frau. ¡Otra Margarita! (Noch eine Margarita!, 1892) zeigte eine gefesselte Frau, die wegen der Tötung ihres unehelichen Kindes verhaftet worden war. ¡Aún dicen que el pescado es caro! (Und sie sagen noch, Fisch sei teuer!, 1894) stellte einen schwer verletzten jungen Mann auf einem Fischerboot dar. Nach ¡Triste herencia! meinte Sorolla jedoch, mit traurigen und schwierigen Themen abgeschlossen zu haben. Laut Starkweather sagte er 1909: „Ich habe sehr gelitten. Ich werde es nie wieder tun.“.
Ein Orthopäde mag Sorollas genaue Beobachtung von Muskelpathophysiologie und Gangstörungen bewundern. Ein Kinderarzt könnte dagegen fragen, ob dem Maler die ansteckende Bedrohung durch Polio bewusst war. Wären diese Kinder Opfer einer Polioepidemie gewesen, hätte das Bild weiterhin gegen eine Gesellschaft protestieren können, die kranke oder behinderte Kinder ausgrenzt. Vererbung und elende Eltern hätten damit jedoch nichts zu tun gehabt. Polioepidemien waren Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa und den USA noch relativ neu; die Eigenschaften der Erkrankung wurden erst erforscht. 6 Jahre nach Fertigstellung des Bildes erkannte Dr. Ivar Wickman in Stockholm, dass Polio eine ansteckende Krankheit ist.
Angeborene Syphilis galt dagegen schon lange als vererbbar: Paracelsus hatte 1529 erklärt, sie werde vom Vater auf den Sohn übertragen. Der norwegische Künstler Edvard Munch malte 1897-99 The Inheritance (Das Erbe), eine weinende Mutter mit einem Säugling auf dem Schoß. Munch hatte in Paris eine Lehrsammlung anatomischer Wachsmodelle besucht. Er stellte das Kind mit Hydrozephalus, vorgewölbter Stirn, dünnen Gliedmaßen und einem Hautausschlag auf der Brust dar.
Sorolla malte Pathophysiologie nach dem Leben und hielt sie so genau fest, dass sie einen Orthopäden beeindrucken konnte. Seine moralische Lehre beruhte jedoch auf einer falschen diagnostischen Theorie. Die beschriebenen und dargestellten Kinder waren Ausgestoßene: Blinde, Irre, Krüppel und Leprakranke. Er machte ihre Eltern verantwortlich, denen er unmoralische sexuelle Handlungen zuschrieb, und sah in diesen „Kindern des Vergnügens“ die Erben von Schmerz und Leiden. Bemerkenswerterweise hatte Sorolla selbst 1865 im Alter von nur 2 Jahren seine Eltern an Cholera verloren, einer Krankheit, die damals eindeutig mit einem ansteckenden Mikroorganismus verbunden werden konnte.
Mit den möglichen Schäden der Syphilis lag Sorolla nicht falsch. Eine unbehandelte angeborene Erkrankung – damals gab es keine wirksame Behandlung – kann tatsächlich Skelettschäden, Optikusatrophie, Blindheit und neurologische Probleme einschließlich Lähmungen verursachen. Die dargestellten Muster von Muskelschwund und Lähmung liefern medizinischen Betrachtern des 21. Jahrhunderts jedoch spezifischere diagnostische Hinweise. Sorollas Sicht auf seine Motive und den beabsichtigten gesellschaftlichen Protest erinnert daran, wie häufig die Medizin über Jahrhunderte Patienten oder ihren Eltern die Schuld zuwies. Das Bild bietet darüber hinaus eine umfassendere gesellschaftliche Lehre über die Ausgrenzung behinderter Kinder: „der Abfall, den die Gesellschaft aus ihrer Mitte ausgestoßen hat“, „der traurigste Ausschuss“.
Das Gemälde zeigt den ausgegrenzten Kindern jedoch einen Moment der Freude. Wie sehr der Maler beim Festhalten der Szene auch gelitten haben mag, für die Kinder ist es kein Moment des Leidens. Während Sorolla die Schädigungen ihrer Körper dokumentierte, malte er ihren Weg vom Sandstrand ins lichtfunkelnde Wasser. Er hielt sie zwischen Meer und Himmel in einem Augenblick der Erholung fest, in dem sie Kinder sein konnten. Vielleicht wollte er eine tiefgreifende gesellschaftliche Aussage machen; zugleich malte er einen Moment der Gnade.
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Der vorstehende Text ist eine Übersetzung des von Dr. Perri Klass am 3. Februar 2024 im New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlichten Artikels „"The Saddest Waste" - Disability, Heredity, and the Artist's Eye“.
Quellen
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