Der überraschende Zusammenhang zwischen Puls (Ruheherzfrequenz) und Krebs

In diesem Artikel
Die Herzfrequenz (der Puls) gibt an, wie oft das Herz innerhalb einer Minute schlägt. Unsere Herzfrequenz ist ein wichtiger Messwert, der Hinweise auf unsere Gesundheit enthält. Besonders unser Ruhepuls liefert neben Informationen über die Herzgesundheit auch Hinweise auf unseren allgemeinen Gesundheitszustand.
Die Herzfrequenz kann je nach Alter, Geschlecht, körperlicher Aktivität und allgemeinem Gesundheitszustand von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. In der Regel wird ein Puls von 60-100 Schlägen pro Minute erwartet. Als idealer Ruhepuls werden heute jedoch 50-70 Schläge pro Minute angesehen.
Risiken einer hohen Ruheherzfrequenz
Die Ruheherzfrequenz ist nicht nur ein Indikator für die Herzgesundheit, sondern gibt auch Auskunft über den Stoffwechsel, das autonome Nervensystem und den allgemeinen Gesundheitszustand. Obwohl der Ruhepuls durch Stress, die Umgebungstemperatur, die Körpertemperatur, Dehydratation (Flüssigkeitsverlust) und Infektionen steigen kann, wird ein hoher Ruhepuls vor allem mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Studien haben gezeigt, dass eine hohe Herzfrequenz in Ruhe gegenüber einer normalen Herzfrequenz mit einem erhöhten Risiko für Todesfälle jeglicher Ursache und für Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist. Betrifft ein Anstieg unseres Ruhepulses also nur die Herzgesundheit, oder könnte er auch mit schweren Erkrankungen wie Krebs zusammenhängen? Diese Frage beschäftigt heute zahlreiche Wissenschaftler und steht im Mittelpunkt der Forschung.
Tatsächlich lieferten zahlreiche Studien Hinweise darauf, dass ein hoher Ruhepuls ein unabhängiger Risikofaktor für einen krebsbedingten Tod sein könnte.
Der Zusammenhang zwischen Krebs und Ruheherzfrequenz
Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention veröffentlichte 2021 eine Studie, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Ruheherzfrequenz und der gesamten Krebsmortalität (krebsbedingten Todesfällen) aufzeigte. In dieser von 1974-2002 in Dallas, Texas, durchgeführten Studie wurden 50.108 männliche und weibliche Teilnehmer mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren regelmäßig medizinisch untersucht. Die Teilnehmer wurden im Durchschnitt 15 Jahre beobachtet; in diesem Zeitraum wurden 1090 krebsbedingte Todesfälle erfasst.
Die Studie ergab, dass bei Menschen mit einem Ruhepuls von 80 Schlägen pro Minute oder mehr im Vergleich zu Menschen mit einem Ruhepuls unter 60 Schlägen pro Minute das gesamte Risiko eines krebsbedingten Todes um 35% höher war. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung möglicher Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Body-Mass-Index, körperlicher Aktivität und kardiovaskulärer Vorerkrankungen signifikant (Lancaster & al, 2021 June).
Herzfrequenz und Überleben bei Brustkrebs
In der Veröffentlichung wurden auch einzelne Krebsarten untersucht. Zwischen dem Ruhepuls und dem Sterberisiko bei Lungen-, Brust-, Prostata-, kolorektalem oder anderem Krebs fand sich jedoch kein statistisch signifikanter Zusammenhang.
Eine Metaanalyse, die bis 2017 in den Datenbanken PubMed und Embase veröffentlichte Studien einschloss, untersuchte den Zusammenhang zwischen Ruheherzfrequenz und allgemeinem Krebsrisiko. In die Metaanalyse gingen 88 Veröffentlichungen mit Daten aus Studien in Europa, den USA und Asien ein. Diese Studien umfassten insgesamt 615.790 Teilnehmer und 10.938 Krebsfälle.
Die Ergebnisse der Metaanalyse zeigten, dass jeder Anstieg der Ruheherzfrequenz um 10 Schläge/Minute das allgemeine Krebsrisiko um 14% erhöhte. Dabei wurde ein linearer Zusammenhang beobachtet: Je höher die Ruheherzfrequenz war, desto höher war auch das allgemeine Risiko, an Krebs zu erkranken (Aune, Sen, & al, 2017).

Mögliche Mechanismen einer hohen Herzfrequenz
Diese Ergebnisse stützen die Hypothese, dass die Ruheherzfrequenz ein unabhängiger Risikofaktor für das allgemeine Krebsrisiko sein könnte. Im Bericht der Metaanalyse wurden Rauchen, mangelnde körperliche Aktivität oder psychischer Stress als mögliche Ursachen dieses Zusammenhangs genannt.
Es gibt auch Studien, die darauf hinweisen, dass ein hoher Ruhepuls das krankheitsfreie Überleben und das Gesamtüberleben bei Brustkrebspatientinnen ungünstig beeinflussen könnte.
Eine koreanische Studie an etwa 4800 Brustkrebspatientinnen im Stadium I-III ergab einen signifikanten Zusammenhang zwischen einem hohen Ruhepuls und einem erhöhten Risiko sowohl für Todesfälle jeglicher Ursache als auch für brustkrebsspezifische Todesfälle. Der Ruhepuls wurde zu Beginn gemessen; alle Patientinnen wurden durchschnittlich 5,0±2,5 Jahre nachbeobachtet.
In dieser Studie hatten Brustkrebspatientinnen im Stadium I-III mit einer Ruheherzfrequenz von 85 Schlägen pro Minute oder mehr ein höheres Sterberisiko als Patientinnen mit einer Herzfrequenz unter 67 Schlägen pro Minute. In der Gruppe mit hoher Herzfrequenz war das Risiko, an irgendeiner Ursache zu sterben, um 57% und das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 69% erhöht.
Außerdem ging jeder Anstieg der Ruheherzfrequenz um 10 Schläge mit einem um 15% höheren Risiko für Todesfälle jeglicher Ursache und einem um 22% höheren Risiko für brustkrebsbedingte Todesfälle einher. Zwar wurde auch ein um 6% höheres Risiko für einen erneuten Krebsbefall festgestellt, doch konnten die vorliegenden Daten nicht belegen, dass ein hoher Ruhepuls das Rezidivrisiko deutlich erhöhte (Lee & al, 2016).
Eine weitere Studie berichtete, dass ein hoher Ruhepuls Parameter des metabolischen Syndroms beeinflussen und dadurch den Verlauf von Brustkrebs ungünstig verändern könnte. Es ist bekannt, dass Adipositas und das metabolische Syndrom das Brustkrebsrisiko und das Überleben ungünstig beeinflussen. Die Forscher fanden heraus, dass jeder Anstieg des Ruhepulses um 10 Schläge/Minute mit einem Anstieg des diastolischen Blutdrucks um 4 mmHg, der Triglyzeride um 13 mg/dl und der Glukose um 5 mg/dl verbunden war. Ein erhöhter Ruhepuls könnte somit ein Hinweis auf metabolische Risikofaktoren sein, die den Verlauf von Brustkrebs ungünstig beeinflussen können (Lee & al, November 2018) (L.A.Healy & al, 2010).
Insgesamt scheint ein hoher Ruhepuls mit einem erhöhten allgemeinen Risiko für krebsbedingte Todesfälle zusammenzuhängen. Dieser Zusammenhang ist jedoch sehr komplex und noch nicht vollständig geklärt. Ein spezifischer Zusammenhang zwischen einem hohen Ruhepuls und einer Zunahme einer bestimmten Krebsart wurde nicht beobachtet.
Zu den möglichen Ursachen dafür, dass eine hohe Ruheherzfrequenz das Risiko eines krebsbedingten Todes erhöht, zählen eine verstärkte Aktivierung des sympathischen Nervensystems, hormonelle Veränderungen und Auswirkungen auf das Immunsystem.
Die kardiorespiratorische Fitness beschreibt die Fähigkeit des Körpers, die Muskeln während körperlicher Belastung mit Sauerstoff zu versorgen und diesen zu nutzen. Sie ist ein Maß dafür, wie effizient Herz, Lunge und Blutgefäße zusammenarbeiten. Eine Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness durch regelmäßige Bewegung und körperliche Aktivität könnte bei Menschen mit hohem Ruhepuls eine wichtige Rolle dabei spielen, das Risiko krebsbedingter Todesfälle zu senken.
Mit einem gesunden Lebensstil, regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung und weniger Stress können Sie sowohl Ihre Herzgesundheit schützen als auch Ihr Krebsrisiko senken.
Quellen
2. L.A.Healy, & al, e. (2010). Metabolic Syndrome, Central Obesity and Insulin Resistance are Associated with Adverse Pathological Features in Postmenopausal Breast Cancer. Clinical Oncology, 22/281-288.
3. Lancaster, K. M., & al, e. (2021 June). Resting Heart Rate and Risk of Cancer Mortality in Men and Women. Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention, 30(6): 1072–1078.
4. Lee, D. H., & al, e. (2016). Lee, D. H., Park, S., Lim, S. M., Lee, M. K., Giovannucci, E. L., Kim, J. H., … Jeon, J. Y. (2016). Resting heart rate as a prognostic factor for mortality in patients with breast cancer. Breast Cancer Research and Treatment, doi:10.1007/. Epidemiology, 159(2), 375–384.
5. Lee, m. K., & al, e. (November 2018). Relationship between resting heart rate and metabolic risk factors in breast cancer patients. Clinica Chimica Acta, 486/104-109.
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