Die mystische Heilerin vom Rhein, Hildegard von Bingen, und Vicht: der giftige Vorbote des Krebses

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Tag 40 (Reihe: Krebsgeschichte in 365 Tagen)
Im dunklen Mittelalter hatte eine Nonne entdeckt, dass Krebs nicht nur eine „Masse“, sondern ein Stoffwechselprozess ist, der mit einer Vergiftung des Körpers beginnt.
Das mittelalterliche Europa stellen wir uns oft als eine „dunkle“ Zeit vor: Jahre, in denen die Wissenschaft schwieg, nur das Gebet sprach und die Pest umging ... Doch im Deutschland des 12. Jahrhunderts, in Bingen, lebte in einem Kloster am nebligen Rheinufer eine visionäre Frau, die dieses Dunkel durchbrach. Komponistin, Philosophin, Theologin, Botanikerin und Ärztin: Die heilige Hildegard von Bingen (1098-1179).
Bevor wir zur Geschichte der Chirurgie, zu John of Ardernes Klinge (Tag 39) und zur anatomischen Revolution der Renaissance übergehen, müssen wir uns diesem „fehlenden Bindeglied“ zuwenden. Denn Hildegard war die erste europäische Denkerin, die Krebs nicht nur als eine herauszuschneidende „Schwellung“ beschrieb, sondern als einen giftigen Prozess, bei dem die Körperchemie gestört wird und Seele und Körper ihr Gleichgewicht verlieren.
Visionen und Medizin: die Kraft der „viriditas“
Hildegards Medizin war eine einzigartige Mischung aus der antiken griechischen „Humoralpathologie“ (Viersäftelehre) und christlicher Mystik. Doch sie war keine gewöhnliche Nonne, die in der Klosterbibliothek nur alte Bücher abschrieb. Sie beobachtete Natur, Pflanzen und den menschlichen Körper genau und gründete ihre gesamte Philosophie auf einen einzigen Begriff: „Viriditas“ (Grünkraft).
Gesundheit bedeutete für sie, dass diese Grünkraft der Natur, die Lebensenergie, frei durch den Körper fließt. Krankheit und Krebs waren dagegen ein Stillstand dieses Flusses, ein Austrocknen (ariditas) und Verhärten des Körpers. Nach Hildegard bestand Behandlung darin, den Körper wieder „ergrünen“ zu lassen.
„Vicht“: die giftige Wurzel des Krebses
Hildegards wichtigstes medizinisches Werk, „Causae et Curae“ (Ursachen und Behandlungen), erwähnt einen Begriff, der dem heutigen Verständnis der Onkologie erstaunlich ähnelt: „Vicht“ (oder Vichtkraft).
Nach Hildegard war „Vicht“ kein vollständig entwickelter Krebstumor, sondern ein giftiger metabolischer Vorzustand, der den Boden für Krebs bereitete. Sie beschrieb ihn als eine Art Stoffwechselsumpf aus Giftstoffen und „schlechten Säften“, die sich im Körper ansammelten und nicht ausgeschieden werden konnten.
Symptome: Chronische Müdigkeit, unerklärliche wandernde Schmerzen, Verdauungsprobleme und ein Schweregefühl im Körper.
Die moderne Entsprechung: Heute wissen wir, dass Krebs häufig auf dem Boden chronischer Entzündungen, oxidativen Stresses und zellulärer Toxizität entsteht. Was Hildegard im 12. Jahrhundert „Vicht“ nannte, war vielleicht genau der Zustand, den die moderne Medizin als „Tumormikroumgebung“ oder „chronische Entzündung“ bezeichnet.
Hildegard schrieb: „Dieser giftige Zustand (Vicht) verhärtet sich, wenn er nicht rechtzeitig gereinigt wird, und verwandelt sich in Geschwüre (Krebs), die den Menschen von innen verzehren.“
Melancholie (schwarze Galle) und Geschlechterphysiologie
Der antike Arzt Galen führte Krebs auf einen Überschuss an „schwarzer Galle“ zurück. Hildegard übernahm diese Theorie, ergänzte sie aber um eine theologische und geschlechtsbezogene Dimension mit der weiblichen Biologie im Mittelpunkt. Ihrer Ansicht nach hatte sich die menschliche Physiologie durch die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies verändert; „Melancholie“ (schwarze Galle) war in den Körper eingetreten. Doch diese giftige Substanz wirkte bei Männern und Frauen unterschiedlich:
Nach Hildegard konnten Frauen dank ihrer „weicheren und feuchteren“ Beschaffenheit schwarze Galle jeden Monat auf natürliche Weise durch Menstruation (Monatsblutung) ausscheiden. Dieser Mechanismus schützte Frauen vor bestimmten Krebsarten. Verschwand dieser Schutz mit der Menopause, erhöhte die angesammelte schwarze Galle jedoch das Brust- oder Gebärmutterkrebsrisiko.
Männer besaßen diesen natürlichen Reinigungsmechanismus nicht. Um schwarze Galle auszuscheiden, benötigten sie deshalb eine strengere Ernährung, regelmäßiges Schröpfen (Blutentziehen) und eine strikte Lebensdisziplin.
Rezepte vom Rhein: Dinkel und Entgiftung
Um „Vicht“, den giftigen Zustand vor einer Krebserkrankung, umzukehren, empfahl Hildegard keine Operation, sondern eine intensive Entgiftung und Diät. Ihre Apotheke war die Natur.
- Dinkel (Spelt): Er war ihr Allheilmittel. „Dinkel ist das beste Getreide; er reinigt das Blut, klärt den Geist und stärkt die 'Viriditas'“, sagte sie. Dieses in der modernen Ernährung wieder beliebte Getreide war der Grundstein der Hildegard-Medizin.
- Eine besondere Kur für Vicht: Bei „Vicht“ empfahl sie eine besondere Weinkur aus Wasserlinse (Lemna minor), Zimt, Salbei, Fenchel und Honig. Das Ziel war, den „giftigen Sumpf“ im Körper auszutrocknen und die Zellen zu reinigen.
Botschaft des Tages
Ohne Mikroskop oder biochemisches Labor hatte Hildegard von Bingen gespürt, dass Krebs nicht „plötzlich auftaucht“, sondern das Ergebnis eines lang andauernden Ungleichgewichts des Körpers (Vicht) ist. Dies war der Grundsatz der modernen Onkologie, „Krebs entsteht nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses“, bereits vor 900 Jahren formuliert.Kurz bevor die Chirurgen die Bühne betraten, war sie die letzte große mystische Ärztin, die versuchte, „das Leben des Patienten und nicht die Krankheit zu behandeln“. Morgen reisen wir mit dem großen Chirurgen Guy de Chauliac, der den „Schwarzen Tod“ überlebte und Krebs als „Wurm im Gesicht“ beschrieb, ins Frankreich des 14. Jahrhunderts.
Quellen
- 1. Hildegard von Bingen. Causae et Curae (Holistic Healing). Liturgical Press, 1994.
- 2. Sweet, V. (1999). Hildegard of Bingen and the Greening of Medieval Medicine. Bulletin of the History of Medicine.
- 3. Mayer, J.G. (2001). Die Medizin der Hildegard von Bingen.
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