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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Eine Übernahme mit 32: Matthew Baillie, das Erbe der Familie Hunter und die sichtbare Gestalt der Pathologie

Eine Übernahme mit 32: Matthew Baillie, das Erbe der Familie Hunter und die sichtbare Gestalt der Pathologie
In diesem Artikel
📅 Tag 69 · Die Geschichte des Krebses in 365 Tagen — Serie
🩺 Zeitraum: Ende des 18. Jahrhunderts — 1793-1803
🇬🇧 Ort: London — Great Windmill Street Anatomy School

Morgagni, von dem wir gestern erzählt haben, schrieb 1761 die Geburtsurkunde der pathologischen Anatomie; doch das Geschriebene bestand nur aus Worten. Fünf Bände, siebzig Briefe, siebenhundert Fälle — alles auf Latein, alles Beschreibungen, die sich der Leser vorstellen sollte. Um Magenkrebs oder einen Pankreastumor zu sehen, musste man das Buch lesen und anschließend an einem Obduktionstisch stehen, um die Worte mit dem Fleisch abzugleichen. Zweiunddreißig Jahre später übersetzte ein zweiunddreißigjähriger schottischer Arzt an einer Anatomieschule in Londons Great Windmill Street dasselbe pathologische Wissen in eine andere Sprache : Bilder. Sein Name war Matthew Baillie, und sein 1793 veröffentlichtes Werk The Morbid Anatomy of Some of the Most Important Parts of the Human Body war das erste nach Organsystemen gegliederte Pathologielehrbuchder Medizingeschichte. Sechs Jahre später verwandelten seine in den Jahren 1799-1803 veröffentlichten Bildbeilagen — dreiundsiebzig hochwertige Stiche — die Pathologie in eine lehrbare, teilbare und über Grenzen hinweg vermittelbare Disziplin. Medizinstudierende würden einen Tumor nun nicht mehr durch Lesen , sondern durch Sehen erkennen.

Doch Matthew Baillie war mehr als ein Pathologe. Er war der Neffe der vielleicht zwei brillantesten Genies der Anatomie des 18. Jahrhunderts — William Hunter und John Hunter . Seine Mutter Dorothea war die Schwester der beiden Brüder Hunter. Baillies Buch war deshalb nicht nur die verdichtete Frucht seiner eigenen jahrelangen Arbeit, sondern auch einer Hunter-Tradition über zwei Generationen . Daher ist 1793 nicht nur das Erscheinungsjahr eines medizinischen Buches, sondern zugleich das Jahr, in dem ein Erbe die Hände wechselte: Im selben Jahr, am 16. Oktober 1793, starb sein Onkel mütterlicherseits John Hunter in London an einem Herzinfarkt. Der zweiunddreißigjährige Baillie stand in der Woche, in der sein Buch erschien, bei der Beerdigung seines Onkels. Das anatomische Erbe der Familie Hunter lag nun auf seinen Schultern.

DAS HUNTER-ERBE UND GREAT WINDMILL STREET

Die dritte Generation einer anatomischen Dynastie

Matthew Baillie wurde am 27. Oktober 1761 — also in dem Jahr, in dem Morgagni De Sedibusveröffentlichte — in Shotts im schottischen Lanarkshire geboren. Sein Vater James Baillie war Geistlicher, seine Mutter Dorothea Hunter die Schwester zweier großer Namen der Medizin. Die mütterliche Seite bestimmte Baillies Schicksal.

Sein älterer Onkel mütterlicherseits, William Hunter (1718-1783), war einer der gefragtesten Geburtshelfer Londons und zugleich ein Reformator der Anatomieausbildung. 1768 eröffnete er in der Great Windmill Street in Soho eine private Anatomieschule — ein Modell, das es in der medizinischen Ausbildung zuvor nicht gegeben hatte. Hier konnten Studierende mit eigenen Händen Leichen präparieren, eng mit ihren Lehrern arbeiten und anhand anschaulicher Exemplare aus anatomischen Sammlungen lernen. Junge Ärzte strömten aus ganz Europa dorthin.

Sein jüngerer Onkel mütterlicherseits, John Hunter (1728-1793), war, wie Önder an Tag 65 der Serie erzählte, der Mann, der die moderne Chirurgie als Wissenschaft begründete; er besaß außerdem eine Sammlung von über 13.000 anatomischen und pathologischen Präparaten. Diese Sammlung bildet den Kern des heutigen Hunterian Museumam Royal College of Surgeons of England.

Baillie studierte in Edinburgh und Oxford (Balliol College), kam anschließend 1779 nach London und wohnte im Haus seines Onkels. William Hunter nahm seinen Neffen sofort in die Anatomieschule auf; er wurde Schüler, Assistent und schließlich Partner. Als William 1783 starb, wurde der 22-jährige Matthew Baillie Hauptlehrer der von ihm geerbten Great Windmill Street Anatomy School. Zwei Jahre später, mit gerade einmal 24 Jahren, wurde er in die Royal Society (FRS) gewählt. Er hatte seine großen Werke noch nicht veröffentlicht, doch die europäische Medizinwelt kannte ihn bereits.

In den folgenden zehn Jahren tat Baillie zwei Dinge: Er unterrichtete jede Woche Präparation (wie Morgagni in Padua) und erfasste jedes pathologische Präparat, das ihm in die Hände fiel, systematisch. Aus diesen Aufzeichnungen entstand allmählich ein Buch, doch es sollte anders sein als Morgagnis siebzig Briefe.

VOM WORT ZUM BILD — 32 JAHRE SPÄTER

1793 — The Morbid Anatomy

Das 1793 veröffentlichte The Morbid Anatomy of Some of the Most Important Parts of the Human Bodywar auf den ersten Blick ein kleines Buch: ein einziger Band, ungefähr 350 Seiten, ein bescheidener Titel, keine Abbildungen. Doch sein Aufbau war neu.

The Morbid Anatomy — London, 1793

Morgagni teilte den Körper in siebzig Briefen grob nach anatomischen Regionen auf: Kopf, Brust, Bauch und Unterbauch. Baillie verwandelte dies in eine wesentlich systematischere, auf Organen beruhende Struktur : Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber, Milz, Niere, Fortpflanzungsorgane und Gehirn. Für jedes Organ wurden zuerst die Krankheiten beschrieben, für die es anfällig war, danach die pathologischen Befunde jeder Krankheit und schließlich Beispielfälle. Dieser Aufbau ist bis heute das Gerüst aller medizinischen Lehrbücher. Das Erscheinungsjahr 1793 ist die Geburtsurkunde des modernen, nach Organen aufgebauten Pathologielehrbuchs.

Das Buch war ein großer Erfolg. 1797 erschien die zweite, 1807 die dritte Auflage; es wurde ins Deutsche, Französische, Italienische und sogar Russische übersetzt und an den medizinischen Fakultäten in Edinburgh, Paris und Berlin als Lehrbuch verwendet. Doch Baillie wusste, dass sein Werk unvollständig war. Worte konnten die Farbe eines Tumors, seine Konsistenz und seine Beziehung zum umgebenden Gewebe nur bis zu einem bestimmten Punkt beschreiben. Die eigentliche Revolution lag jenseits der Worte — im Bild .

DREIUNDSIEBZIG TAFELN — DIE EIGENTLICHE STÄRKE DES ATLAS

1799-1803 — A Series of Engravings

In den sechs Jahren nach der Ausgabe von 1793 arbeitete Baillie mit den begabtesten anatomischen Zeichnern seiner Zeit zusammen, besonders mit William Clift, der John Hunters Assistent und Gründungskurator des Hunterian Museum war. Sein Ziel war es, sämtliche in The Morbid Anatomybeschriebenen Pathologien durch hochwertige Stiche sichtbar zu machen.

Diese von 1799 bis 1803 veröffentlichte Bildbeilage erschien als eigenständiges Werk: A Series of Engravings, Accompanied with Explanations, Which are Intended to Illustrate the Morbid Anatomy of Some of the Most Important Parts of the Human Body. Dreiundsiebzig Tafeln. Zehn Lieferungen. Jede Lieferung enthielt sieben bis acht pathologische Abbildungen eines eigenen Organsystems. Es war der erste systematische Atlas, der zeigte, wie ein Lungentumor, eine Lebermetastase oder Magenkrebs mit bloßem Auge aussah — und der das Wissen, das zuvor auf die anatomischen Museen einzelner Ärzte beschränkt gewesen war, in eine drucktechnisch vervielfältigbare und über Grenzen hinweg vermittelbare Bildsprache verwandelte.

Für heutige Leser mag die Größe dieser Revolution schwer zu erfassen sein. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte ein Medizinstudent, der einen bestimmten Tumor kennenlernen wollte, nur eine Möglichkeit: diesen Tumor selbst bei einer Obduktion zu sehen. Wenn in seiner Stadt keine Obduktion mit diesem Tumor durchgeführt worden war, sah er ihn nie. Wie meisterhaft die Beschreibungen in Büchern auch waren, es war gewöhnlich, dass ein Chirurg sagte: „Ich habe in meinem Leben noch nie gesehen, wie das aussieht.“ Nach Baillies Atlas war diese Situation beendet. Ein Student in Edinburgh, einer in Padua, einer in Boston — alle betrachteten dieselben dreiundsiebzig Tafeln und lernten dieselben Tumoren anhand derselben Bilder kennen. Die Pathologie wurde von einer nationalen Wissenschaft zu einer internationalen Sprache.

Die größte Schwierigkeit, der ein Medizinstudent in der pathologischen Anatomie begegnen wird, besteht darin, sich das tatsächliche Erscheinungsbild der Krankheit im Körper nicht vor Augen führen zu können. Oft kennen wir eine Krankheit nur durch eine gelesene Beschreibung; doch eine Beschreibung kann niemals ersetzen, was wir mit eigenen Augen sehen. Mit diesem Werk hoffe ich, dass wir einen Raum eröffnet haben, in dem die Gravur dort helfen kann, wo die Sprache nicht ausreicht. Matthew Baillie — A Series of Engravings, Vorwort, 1799 (adaptierte Übersetzung)
BAILLIES KREBSFÄLLE

Lunge, Magen, Gehirn, Leber — bildlich dokumentierte Tumoren

Die Krebsarten, denen Baillie sowohl im Text von 1793 als auch im Atlas von 1799-1803 besondere Bedeutung beimaß, waren folgende:

  • Lungenkrebs: Baillie war der Arzt, der in seinem Atlas eine solide, fungöse oder skirrhöse Masse in der Lunge erstmals mit einer systematischen visuellen Signatur dokumentierte. Zu seinen Fällen gehörten um den Bronchialbaum wachsende Massen, die Pleura betreffende Tumorinfiltrationen und vergrößerte mediastinale Lymphknoten. Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs war in diesen Jahren noch nicht formuliert — John Hill erahnte diese Verbindung 1761 (Tag 63), Doll-Hill bewiesen sie 1950 (Tag 129); doch Baillie war der erste Arzt, der das anatomische Bild des Lungenkrebses im Körper zeichnete.
  • Magenkrebs (skirrhöser Pylorus): Beschreibung eines dicken, fibrösen Tumors im Pylorusbereich, der das Lumen verengt. Die entsprechende Tafel seines Atlas ist der erste Beleg, der den Zusammenhang zwischen den Beschwerden des Patienten — Erbrechen und Gewichtsverlust — und diesem anatomischen Befund bildlich bestätigte. Was Morgagni schriftlich beschrieben hatte, zeigte Baillie durch einen Stich.
  • Hypophysentumoren: Beschreibung weicher, Druck ausübender Massen an der Hirnbasis im Bereich der Sella turcica. Der Begriff „Hypophysenadenom“ existierte damals nicht; Baillie nannte diese Läsionen „tubercles of the brain base“. Seine Beschreibung entspricht jedoch genau dem klassischen anatomischen Erscheinungsbild eines heutigen Hypophysenmakroadenoms. Es war eine konzeptionelle Vorbereitung auf das endokrinologische Bild, das Cushing (wird an Tag 117 behandelt) ein Jahrhundert später aufklären sollte.
  • Lebertumoren — Unterscheidung zwischen primären und metastatischen Tumoren: Die von Morgagni begonnene Unterscheidung bewies Baillie in seinem Atlas bildlich . Auf derselben Tafel wurden das Bild des primären Leberkrebses — ein einzelner Herd, der das umgebende Gewebe verdrängt — und das multifokale, verstreut knotige Bild des metastatischen Leberbefalls nebeneinander gedruckt. Dies ist der visuelle Vorläufer der Unterscheidung, die wir noch heute in radiologischen Berichten verwenden.
  • Hodentumor und Uterustumoren: Auch die ersten systematischen Bilddokumente über Krebs der Fortpflanzungsorgane finden sich in Baillies Atlas.

Diese Stiche aus Baillies Atlas wurden für das folgende Jahrhundert zur Standardreferenzder europäischen medizinischen Ausbildung. Wenn ein Student 1850 in Berlin keinen Magenkrebs gesehen hatte, betrachtete er die Tafel in Baillies Atlas. Wenn ein Arzt 1880 in Edinburgh einen Patienten mit Verdacht auf einen Hypophysentumor untersuchte, war die Beschreibung aus dem Atlas in seinem Gedächtnis noch lebendig.

DIE HUNTER-KETTE UND DIE ÜBERTRAGUNG DER SAMMLUNG

Die Gründung anatomischer Museen als wissenschaftliches Unternehmen

Baillies zweiter großer Beitrag ist kein Buch, sondern ein Museum. Als sein Onkel mütterlicherseits John Hunter 1793 starb, hinterließ er eine gewaltige Sammlung von 13.687 anatomischen und pathologischen Präparaten. Dies war ein Archiv wissenschaftlicher Daten von einer bis dahin in der englischen Geschichte unbekannten Größe: Krebspräparate, Fehlbildungen, Varianten der normalen Anatomie und Präparate aus experimenteller Chirurgie. Trotz der Warnungen seiner Frau wollte Hunter nicht, dass die Sammlung sich selbst überlassen blieb; doch sein Testament war kompliziert.

Baillie und William Clift organisierten den Verkauf der Sammlung an die britische Regierung . 1799 kaufte die Regierung die Sammlung für 15.000 Pfund Sterling (nach heutigem Wert etwa 2 Millionen Pfund Sterling) und übergab sie 1800 dem Royal College of Surgeons. Die Sammlung zog zuerst nach Lincoln's Inn Fields und dann in das heutige Gebäude des Royal College. Das heutige Hunterian Museum ist der Vorläufer des modernen medizinischen Sammelns — und die zentrale Person, der diese Institution ihren Fortbestand verdankt, ist Matthew Baillie.

Für die Geschichte des Krebses hat dies große Bedeutung. Ein Museum ist nicht nur ein ästhetischer oder historischer Ort; es ist ein Archiv wissenschaftlicher Daten. Ein Pathologe der 1850er Jahre musste sich nicht mit der Beschreibung in Baillies Atlas zufriedengeben: Er konnte zum Royal College gehen und das originale Hunter-Präparat betrachten. Dies ist der konzeptionelle Ursprung moderner Biobanken und Archive von Tumorgewebe . Heute sind das 50-jährige Tumorarchiv von Memorial Sloan Kettering, die Zusammenarbeit von M.D. Anderson mit Foundation Medicine und die Biobank des Onkologie-Instituts Hacettepe in der Türkei allesamt Fortsetzungen der Tradition, die Baillie und Clift 1799 begannen.

👑 EIN EXKURS: DER ARZT DES KÖNIGSHAUSES UND DES DICHTERS

Ab 1799 wurde Baillie zum gefragtesten Internisten Londons. 1810 wurde er zum leitenden Arzt von König Georg III. ernannt — als Leiter des Teams, das den König während seines „Wahnsinns“ betreute (in der heutigen Diskussion als Porphyrie oder bipolare Störung interpretiert). Später war er auch der Arzt von Lord Byron und Caroline, Prinzessin von Wales . In den letzten Lebensmomenten vieler Mitglieder der königlichen Familie finden sich seine handschriftlichen Untersuchungsnotizen. Durch seine Praxis erwarb er im Lauf seines Lebens ein beträchtliches Vermögen; einen erheblichen Teil davon spendete er dem Royal College of Physicians, dessen Bibliothek und Stipendienfonds. 1817 gab er die aktive Praxis auf und zog sich aufs Land zurück. Er starb am 23. September 1823 in Gloucestershire — und hinterließ sowohl ein Pathologielehrbuch mit drei Auflagen als auch die Gründungsgeschichte eines der wichtigsten Museen der britischen Medizin.

Morgagni gab der Krankheit einen „Ort“. Baillie gab diesem Ort ein „Bild“. Bichat (nicht morgen, sondern an Tag 73 dieser Serie) wird unter diesem Bild die Schicht „Gewebe“ ergänzen; Müller (Tag 81) wird das Mikroskop einführen und die Zelle zeigen; Virchow (Tag 87) wird die Sprache der Zellen entschlüsseln. Die zweihundertfünfzigjährige Auflösungskette der Pathologie begann 1761 mit Worten, ging 1799-1803 zu Bildern über und wurde anschließend Tag für Tag kleiner, bis sie beim heutigen Einzelzelltranskriptom ankam.
DAS ERBE — VON 1793 BIS HEUTE

Der 230-jährige Nachhall eines Atlas

📖 DIE BILDSPRACHE DER PATHOLOGIE — VON BAILLIE BIS HEUTE

1761
Morgagni — Pathologie in Worten. Der Ort der Krankheit wird schriftlich beschrieben. (Tag 68)
1793-1803
Baillie — visuelle Pathologie. Der Ort der Krankheit wird durch Stiche gedruckt und über Grenzen hinweg vermittelt. (Heute)
1801
Bichat — Gewebepathologie. Unterschiedliche Gewebe innerhalb desselben Organs erkranken unterschiedlich. (Tag 73)
1838
Müller — mikroskopische Pathologie. Ein Tumor ist eine Gemeinschaft von Zellen. (Tag 81)
1858
Virchow — Zellpathologie. Jede Zelle entsteht aus einer Zelle. (Tag 87)
1900er Jahre
Moderne Pathologieatlanten. Robbins, Rosai, Sternberg — Fortführungen der Baillie-Tradition im 20. Jahrhundert.
2010+
Digitale Pathologie und AI. Paige.AI, Ibex Medical — die Ganzobjektträger-Bildgebung ersetzt Baillies Stiche; ein Tumor ist nun ein visueller Datensatz, der weltweit geteilt und aus der Ferne beurteilt werden kann. (Tag 326)

Die Spuren dieses 1793 gedruckten Buches reichen bis zu den heutigen Plattformen der digitalen Pathologie. Wenn ein Pathologe von Memorial Göztepe mit einem Kollegen in Stockholm eine Entscheidung zur Biopsie bespricht, ist er tatsächlich das jüngste Glied des Prinzips „Pathologie ist eine Bildsprache“, das Baillie vor 230 Jahren begründete. Die noch immer im Hunterian Museum ausgestellten Originalpräparate sind die Vorläufer moderner Biobanken. Die Sammlung des Royal College of Surgeons aus dem 18. Jahrhundert ist das erste Beispiel einer Infrastruktur, die heute in jedem Zentrum für onkologische Forschung weltweit wiederholt wird.

🔍 EINE KURZE NOTIZ ZUR FAKTENPRÜFUNG

  • Geburt und Tod: 27. Oktober 1761, Shotts (Schottland, Lanarkshire) — 23. September 1823, Duntisbourne House (England, Gloucestershire), im Alter von 61 Jahren
  • Mutter: Dorothea Hunter — Schwester von William Hunter (1718-1783) und John Hunter (1728-1793)
  • Ausbildung: Universität Edinburgh, danach Balliol College, Oxford
  • Great Windmill Street Anatomy School: 1783 im Alter von 22 Jahren übernommen; bis 1799 geleitet
  • Mitgliedschaft in der Royal Society (FRS): 1790
  • The Morbid Anatomy: London, 1793; drei Auflagen (1793, 1797, 1807); in zahlreiche Sprachen übersetzt
  • A Series of Engravings: London, 1799-1803, zehn Lieferungen, dreiundsiebzig Tafeln; Zusammenarbeit mit dem Zeichner William Clift
  • Hunter-Sammlung: 13.687 Präparate; 1799 für 15.000 Pfund Sterling an die Regierung verkauft; seit 1800 am Royal College of Surgeons
  • Königlicher Arzt: Ab 1810 leitender Arzt von König Georg III.; außerdem Arzt von Lord Byron und Caroline, Prinzessin von Wales
MORGEN
📖 MORGEN — TAG 70

Marie Antoinettes Mutter: Kaiserin Maria Theresia und Krankheiten am Habsburger Hof

Vom Labor der pathologischen Anatomie in das königliche Schlafgemach... Maria Theresia, eine der mächtigsten Frauen Europas im 18. Jahrhundert, gehört zu den ersten Fällen, bei denen sich ein nach ihrem Tod lange diskutierter „Krebsverdacht“ in Hofdokumenten nachverfolgen lässt. Marie Antoinettes Mutter, eine Frau, die politische Entscheidungen der Aufklärung prägte: Mit welcher unklaren Krankheit verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre? Morgen öffnen wir ein thematisches Dossier zu den Aufzeichnungen der Hofärzte, den medizinischen Grenzen der Epoche und dem Begriff „königliche Krankheit“.

Anmerkung des Autors: Das Baillie-Zitat in diesem Artikel wurde aus dem Vorwort von A Series of Engravingsaus dem Jahr 1799 ins Türkische übertragen; es ist eine konzeptionelle Zusammenfassung und keine wörtliche Übersetzung des englischen Originaltextes. Baillies Krebsbeschreibungen entsprechen nicht genau dem heutigen Begriff histopathologischer Untertypen: Die morphologische Sprache des 18. Jahrhunderts (skirrhös, fungös, melisseros, encephaloid) war eine Klassifikation anhand von Konsistenz und Farbe. Ihre Umwandlung in die moderne molekulare und histologische Klassifikation wird in den kommenden Tagen der Serie in den Artikeln zu Müller (Tag 81), Virchow (Tag 87) und Waldeyer (Tag 90) behandelt.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Baillie M. The Morbid Anatomy of Some of the Most Important Parts of the Human Body. London: J. Johnson and G. Nicol, 1793. (Erste Auflage.)
  2. Baillie M. A Series of Engravings, Accompanied with Explanations, Which are Intended to Illustrate the Morbid Anatomy of Some of the Most Important Parts of the Human Body. Illustratoren: William Clift und James Heath. London: W. Bulmer & Co., 1799-1803. (Zehn Lieferungen; dreiundsiebzig Tafeln.)
  3. Wardrop J. Memoirs of the Life and Writings of Matthew Baillie, M.D. London: J. Murray, 1825. (Biografische Quelle, die zwei Jahre nach Baillies Tod erschien.)
  4. Crainz F. The Editions and Translations of Dr. Baillie's "Morbid Anatomy". Medical History 1982;26(4):443-452.
  5. Russell KF. Matthew Baillie F.R.S. (1761-1823). Medical History 1972;16(1):1-22.
  6. Long ER. A History of Pathology. New York: Dover Publications, 1965. (Der Platz des Übergangs von Morgagni zu Baillie in der Geschichte der Pathologie.)
  7. Moore W. The Knife Man: The Extraordinary Life and Times of John Hunter, Father of Modern Surgery. New York: Broadway Books, 2005. (Geschichte der Familie Hunter und des intellektuellen Umfelds, in dem Baillie heranwuchs.)
  8. Cooke AM. A Forgotten Sketch of Matthew Baillie. Journal of the Royal College of Physicians of London 1979;13(3):189-191.
  9. Royal College of Surgeons of England. The Hunterian Museum: A Guide. London: Royal College of Surgeons, verschiedene Auflagen. (Der Ablauf der Übertragung von John Hunters Sammlung durch Baillie an die Institution.)
  10. Hajdu SI. A note from history: landmarks in history of cancer, part 2. Cancer 2011;117(11):2811-2820. doi:10.1002/cncr.25855

Dieser Artikel ist Tag 69 der Serie „Die Geschichte des Krebses in 365 Tagen“. Die nachfolgenden Glieder der Kette von der Visualisierung der pathologischen Anatomie zur modernen digitalen Pathologie — Bichat (Tag 73), Müller (Tag 81), Virchow (Tag 87), Waldeyer (Tag 90) und moderne AI-unterstützte Pathologie (Tag 326) — werden in den kommenden Tagen der Serie behandelt. Der Artikel wurde aus einer populärhistorischen Perspektive verfasst und enthält keine Anleitung zur medizinischen Behandlung.

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