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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Fehlende Glieder: Krebsspuren im dunklen Zeitalter und ein 240 Millionen Jahre alter Tumor

Fehlende Glieder: Krebsspuren im dunklen Zeitalter und ein 240 Millionen Jahre alter Tumor
In diesem Artikel

Tag 4 (Reihe: Krebsgeschichte in 365 Tagen)

Fehlende Glieder: Krebsspuren im „dunklen Zeitalter“ – Schildkröten, Hundeahnen und Homininen

In den ersten Tagen unserer Reihe zur Krebsgeschichte sprachen wir über einen Dinosaurier vor 76 Millionen Jahren und einen menschlichen Vorfahren vor 1.7 Millionen Jahren . Doch was war in der gewaltigen Zeitspanne dazwischen? Und was geschah sogar vor den Dinosauriern?

Viele Menschen halten die Krebsgeschichte für lückenhaft, doch Fossilien liefern eine „durchgehende Krankheitsgeschichte“. Heute holen wir Krebsfälle aus den „fehlenden Gliedern“ ans Licht, von den Tiefen der Ozeane bis ins Dunkel der Höhlen. Die Reise von Schildkrötenvorfahren über Hundeahnen bis zu Neandertalern belegt erneut die Universalität der Erkrankung.

Vor 240 Millionen Jahren: Das Leiden einer Schildkröte ohne Panzer

Selbst wenn wir über die Dinosaurier hinaus bis zum Beginn der Trias zurückgehen, verschwinden die Krebsspuren nicht. Ein in Deutschland gefundenes 240 Millionen Jahre altes Fossil gilt als ältester bekannter Krebsfall bei Amnioten, der gemeinsamen Gruppe von Reptilien, Vögeln und Säugetieren.

Fall: Pappochelys rosinae

Dieses Tier war ein „panzerloser“ Vorfahr heutiger Schildkröten, der noch keinen Panzer entwickelt hatte. Untersuchungen seines Oberschenkelknochens (Femur) zeigten einen rasch wachsenden bösartigen Knochentumor, der in seiner Struktur dem heutigen menschlichen periostalen Osteosarkom genau entsprach. Krebs war bereits da, bevor die Dinosaurier die Bühne betraten.

Vor 30 Millionen Jahren: Erster Beleg genetischer Veranlagung (Hesperocyon)

Nach dem Aussterben der Dinosaurier begann der Aufstieg der Säugetiere. In Fossilien einer primitiven hundeartigen Art aus Nordamerika namens Hesperocyon fiel eine interessante Besonderheit auf.

  • Befund: Bei 61 % der Fossilien fanden sich gutartige Knochentumoren, sogenannte „multiple Osteochondrome“.
  • Bedeutung: Eine so hohe Rate spricht dafür, dass diese Tumoren wahrscheinlich nicht zufällig entstanden, sondern auf einer genetischen Veranlagung beruhten. Dies gehört zu den ältesten Fossilbelegen für die „familiäre“ und „genetische“ Natur von Krebs und Tumoren.

Ein wissenschaftliches Drama: Der Kanam-Kiefer (1.5 Millionen Jahre)

Die Krebsgeschichte in der menschlichen Abstammungslinie wurde sowohl durch Knochen als auch durch Vorurteile der Wissenschaftler geprägt. 1932 fand der berühmte Paläoanthropologe Louis Leakey in Kenia einen Kieferknochen mit einer merkwürdigen Schwellung.

Damals begegnete die Wissenschaft Leakeys Fund skeptisch und legte den krankhaft veränderten Knochen als „Fehler“ oder „nicht bestimmbar“ beiseite. Dies schadete sogar seinem Ruf. Jahre später gaben moderne Analysen Leakey jedoch auf andere Weise recht:

  • Die Schwellung am Kiefer war kein Bruch, sondern vermutlich ein Burkitt-Lymphom oder ein Osteosarkom als Ursache.
  • Der Fall zeigte, dass Krebs seit Millionen Jahren neben Knochen auch Weichteile und das Lymphsystem betrifft und menschliche Vorfahren mit diesen schmerzhaften Erkrankungen kämpften.

Prähistorische Krankenakten: Neandertaler und andere

Aus der Zeit, die wir als „dunkles Zeitalter“ bezeichnen, gibt es tatsächlich Krebshinweise aus aller Welt:

Vor 1.98 Millionen Jahren: Karabo

In Südafrika fand man im Fossil eines Australopithecus sediba (Karabo) einen gutartigen Knochentumor der Wirbelsäule (Osteoidosteom). Dieses Individuum war erst 12-13 Jahre alt. Krebs verschonte auch Kinder nicht.

Vor 120.000 Jahren: Neandertaler

In einer Neandertalerrippe aus der Krapina-Höhle in Kroatien wurde eine „fibröse Dysplasie“ (gutartiger Knochentumor) festgestellt. Unsere Verwandten erlitten dieselben Beschwerden wie wir.

Kommentar der DROZDOGAN Akademie

Diese „fehlenden Glieder“ der Fossilüberlieferung zeigen eindringlich, dass Krebs eine von Zeit und Ort unabhängige biologische Realität ist. Von Reptilien zu Säugetieren, vom Meer zum Land, seit 240 Millionen Jahren bis heute gilt unverändert: Wo sich Zellen teilen, besteht auch ein Risiko.

Diese Funde vermitteln jedoch Wissen statt Hoffnungslosigkeit. Krebs ist weder „Fluch“ noch „Strafe“, sondern ein biologischer Mechanismus. Unsere Vorfahren kämpften unwissend und hilflos gegen die Erkrankung. Wir dagegen kennen den Gegner, entschlüsseln seine Genetik und verfügen über Waffen zu seiner Bekämpfung.

Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, Krebs zu verstehen und künftige Therapien zu entwickeln.

Quellen:
  1. Schoch RR, et al. Osteosarcoma in a Triassic turtle ancestor. JAMA Oncology. 2019.
  2. Stanyon R, et al. The Kanam Mandible: A tumor not a Taxon. American Journal of Physical Anthropology. 1993.
  3. Monier-Williams M, et al. Fibrous Dysplasia in a Neanderthal. PLoS One. 2013.
  4. Ancient Diseases in Vertebrates: Tumours through the Ages. PMC - PubMed Central. 2026.
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