Heilung bei Krebs: Sollten Onkologen diesen Begriff verwenden?

In diesem Artikel
Der Begriff „Heilung“ fällt bei Krebs heute häufiger. Moderne Verfahren, besonders Immuntherapien und zielgerichtete Behandlungen, ermöglichen selbst bei fortgeschrittenen Erkrankungen ein langes Überleben. In manchen Fällen wird metastasierter Krebs zu einer chronischen Erkrankung. Dies veranlasst onkologische Fachleute, ihre Zurückhaltung gegenüber dem Heilungsbegriff zu überdenken. Dennoch bestehen wichtige wissenschaftliche und ethische Fragen.
Die Bedeutung des Wortes „Heilung“ für Menschen mit Krebs
Die größte Hoffnung nach einer Krebsdiagnose ist das vollständige Verschwinden der Erkrankung. Dennoch vermeiden onkologische Fachleute bei guten Nachrichten oft das Wort „Heilung" (vollständige Genesung / vollständige Wiederherstellung). Stattdessen bevorzugen sie Begriffe wie „Remission", "kein Krankheitsnachweis“ oder „höchstwahrscheinlich geheilt“.
Ist „Heilung“ bei Krebs der richtige Begriff? Wie stark wirkt dieses Wort auf Betroffene? Betrachten wir die Frage anhand wissenschaftlicher Daten.
Der Heilungsbegriff im klinischen Alltag
Ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung ist, dass ein künftiger Rückfall nie völlig ausgeschlossen werden kann.
Onkologische Fachleute befürchten, „Heilung“ könnte als Versprechen verstanden werden und bei einem späteren Rückfall das Vertrauen beschädigen.
Heilung bei Krebs: Ist die Definition eindeutig?
Auch eine fehlende einheitliche Definition erschwert die Verwendung.
-
Nach dem US-amerikanischen National Cancer Institute (US-NCI) bedeutet Heilung, dass nach der Behandlung keine Krebszellen im Körper verbleiben und die Krankheit niemals wiederkehrt.
-
Die American Society of Clinical Oncology (ASCO) definiert Heilung dagegen als mindestens fünf Jahre ohne Rückfall.
Diese Unterschiede erschweren eindeutige Aussagen. 10 Jahre ohne Erkrankung könnten theoretisch als Heilung gelten, doch bei manchen Krebsarten sind späte Rezidive (Rückfälle) möglich.
Heilungschancen nach Krebsart
Für bestimmte Krebsarten gibt es Daten, die den Heilungsbegriff unterstützen, beispielsweise:
-
Früher Brustkrebs: Das Fünfjahresüberleben liegt nahezu bei 100%. Je nach Tumoruntertyp bleibt jedoch ein Spätrezidivrisiko.
-
Metastasiertes Melanom: Laut CheckMate 067 erreichten mit Nivolumab und Ipilimumab behandelte Personen ein durchschnittliches Gesamtüberleben von 6 Jahren. Manche unter Immuntherapie starben an anderen Ursachen als dem Melanom, was auf eine mögliche Heilung hindeuten könnte.
-
Dreifach negativer Brustkrebs: In den ersten 2-3 Jahren ist das Rückfallrisiko hoch. Viele Menschen, die nach fünf Jahren krankheitsfrei sind, erreichen jedoch ein langfristiges Überleben.
Auf dieser Grundlage erscheint der Heilungsbegriff bei manchen Krebsarten vertretbar. Fachleute betonen jedoch, dass mögliche späte Rückfälle zur Vorsicht mahnen.
Verwendung des Begriffs „Heilung“ in onkologischen Einrichtungen
Studien zeigen deutliche Unterschiede unter onkologischen Fachleuten:
-
In einer Befragung von 117 Onkologinnen und Onkologen erklärten 81%, den Begriff „Heilung“ nur zurückhaltend zu verwenden.
-
In einer italienischen Untersuchung von 2024 mit 224 ärztlichen und 249 erkrankten Befragten glaubten über 90%, dass Menschen von Krebs geheilt werden können; 80% hielten den Begriff für psychologisch positiv.
Diese unterschiedlichen Auffassungen zeigen, dass der Begriff in der Onkologie weiterhin diskutiert wird.
Krebsüberlebende und die psychologische Wirkung des Heilungsbegriffs
Viele Betroffene sind zunächst erleichtert, wenn sie hören, dass die Krankheit überwunden ist. Die Angst vor einem Rückfall kann jedoch jahrelang bestehen bleiben. In einer Studie mit 229 Überlebenden einer Krebserkrankung im Kindesalter berichtete ein Drittel noch Jahre später über Rückfallangst. Dies betrifft auch Menschen, die im Erwachsenenalter erkrankt sind.
Mit Unsicherheit leben zu lernen und Ängste zu bewältigen, kann das Wohlbefinden verbessern. Der Begriff „Heilung“ kann daher kurzfristig beruhigen, beseitigt langfristige Sorgen aber möglicherweise nicht vollständig.
Fazit: Sollten Onkologen von Heilung sprechen?
Fortschritte der Krebsbehandlung machen den Heilungsbegriff für manche Menschen zunehmend plausibel. Dennoch bevorzugen onkologische Fachleute weiterhin vorsichtige Formulierungen, sowohl wegen wissenschaftlicher Unsicherheiten als auch wegen der psychischen Situation der Betroffenen.
Die Verwendung sollte unter Berücksichtigung von Krebsart, Stadium, vergangener Zeit und individueller psychischer Situation sorgfältig abgewogen werden. Am sinnvollsten ist möglicherweise, die Realität anhand wissenschaftlicher Daten zu erläutern und zugleich eine hoffnungsvolle, realistische Perspektive zu vermitteln.
Quellen
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.