Impfempfehlungen zum Schutz vor Infektionen bei erwachsenen Krebspatienten

In diesem Artikel
Infektionen sind im ersten Jahr nach einer Krebsdiagnose die zweithäufigste nicht krebsbedingte Todesursache. Die häufigste nicht krebsbedingte Todesursache sind Herz-Kreislauf-Ereignisse. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Onkologen bei ihren Patienten für einen aktuellen Schutz durch die wichtigsten Impfungen sorgen. Die von der American Society of Clinical Oncology (ASCO) veröffentlichten Leitlinien bieten hierzu Orientierung für die Impfung von Krebspatienten und ihren Haushaltsangehörigen. Da insbesondere Menschen unter einer Krebsbehandlung ein geschwächtes Immunsystem haben, ist der Schutz vor Infektionen lebenswichtig.
Bei der aktualisierten ASCO-Leitlinie zur Impfung erwachsener Krebspatienten wurde Folgendes berücksichtigt:
- Das Expertengremium, das diese aktualisierte Impfleitlinie erstellte, überprüfte die vorhandenen Belege und formulierte Empfehlungen zur Impfung Erwachsener mit soliden, also von Geweben oder Organen ausgehenden Tumoren sowie mit Krebserkrankungen des Blutes oder Knochenmarks. Eingeschlossen waren Patienten nach hämatopoetischer Stammzelltransplantation (HSCT), unter einer Therapie mit chimären Antigenrezeptor-T-Zellen (CAR-T-Zellen) sowie unter B-Zell-depletierender Behandlung. Außerdem wurden Empfehlungen zur Impfung von Haushaltsangehörigen und anderen Kontaktpersonen gegeben.
- Das Gremium prüfte 102 Veröffentlichungen, darunter 24 systematische Übersichtsarbeiten, 14 randomisierte kontrollierte Studien und 64 nicht randomisierte Studien.
- Zu den bewerteten Impfungen gehörten COVID-19, Influenza, Hepatitis A und B, das respiratorische Synzytialvirus (RSV), Tdap (Tetanus, Diphtherie, Pertussis), humane Papillomviren (HPV), inaktivierte Polioimpfstoffe und Tollwut.
- Die Autoren wiesen darauf hin, dass der zugrunde liegende Immunstatus und die Krebsbehandlung die Strategien für Impfungen und erneute Impfungen im Vergleich zu den Empfehlungen für die allgemeine erwachsene Bevölkerung ohne Krebs beeinflussen können.
Impfungen und besondere Empfehlungen
Der erste Schritt besteht darin, den Impfstatus festzustellen und dafür zu sorgen, dass neu diagnostizierte erwachsene Krebspatienten sowie ihre Familienangehörigen vor Behandlungsbeginn bei saisonalen und alters- oder risikobezogenen Impfungen auf dem aktuellen Stand sind. Bestehen Lücken, sollten die Impfungen idealerweise 2-4 Wochen vor Beginn der Krebsbehandlung erfolgen. Nichtlebendimpfstoffe können jedoch auch während oder nach der Behandlung verabreicht werden.
COVID-19-Impfung
Nichtlebender (inaktivierter) Impfstoff.
COVID-19 war weltweit eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit. Alle Krebspatienten und ihre Haushaltsangehörigen sollten die saisonale COVID-19-Impfung erhalten.
Nach einer HSCT oder CAR-T-Zell-Therapie sollten Patienten frühestens 3 Monate nach Abschluss der Behandlung gegen COVID-19 geimpft werden. Bei Patienten unter B-Zell-depletierender Behandlung sollte frühestens 6 Monate nach deren Abschluss erneut geprüft werden, ob eine COVID-19-Impfung erfolgen soll.
Influenzaimpfung (Grippeimpfung)
Es gibt sowohl Lebendimpfstoffe als Nasenspray als auch inaktivierte Impfstoffe zur Injektion. Für Krebspatienten wird im Allgemeinen die inaktivierte Form empfohlen. In der Türkei ist die inaktivierte Form verfügbar.
Influenza kann bei Krebspatienten schwere Komplikationen verursachen. Alle Krebspatienten und ihre Haushaltsangehörigen sollten die jährliche Grippeimpfung erhalten.
Nach einer HSCT oder CAR-T-Zell-Therapie können Patienten frühestens 3 Monate nach Abschluss der Behandlung gegen Grippe geimpft werden.
Impfung gegen Gürtelrose
Gürtelrose (Herpes zoster) ist eine Erkrankung mit schmerzhaften Hautausschlägen, die bei einer Schwächung des Immunsystems auftritt. Bei Krebspatienten ist das Risiko insbesondere während Chemotherapie und immunsuppressiver Behandlung 3-9-fach höher als in der Allgemeinbevölkerung. Deshalb wird der rekombinante Zosterimpfstoff (RZV) als wichtiger Schutz für Krebspatienten empfohlen. RZV ist ein Nichtlebendimpfstoff mit einem nachgewiesenen Wirksamkeits- und Sicherheitsprofil. Er kann idealerweise vor oder während der Krebsbehandlung eingesetzt werden und ist sehr erfolgreich bei der Verhütung von Gürtelrose und Komplikationen wie postherpetischer Neuralgie. Die Empfehlung dieser Impfung durch Onkologen ist somit ein entscheidender Schritt zur Infektionskontrolle.
Impfung gegen Hepatitis A und B
Inaktivierter Impfstoff.
Hepatitis-A- und Hepatitis-B-Viren verursachen Leberinfektionen. Krebspatienten und ihre Haushaltsangehörigen sollten gegen Hepatitis A und B geimpft werden. Diese Impfungen sind besonders bei einer Risikobewertung vor Reisen von Bedeutung.
Impfung gegen das respiratorische Synzytialvirus (RSV)
Inaktivierter Impfstoff. In der Türkei noch nicht verfügbar.
RSV ist ein Virus, das insbesondere für kleine Kinder und Menschen mit geschwächtem Immunsystem gefährlich sein kann.
Derzeit besteht keine allgemeine RSV-Impfempfehlung für Krebspatienten. Künftige Impfstudien für gefährdete Personen sind jedoch wichtig.
Tdap-Impfung (Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten)
Inaktivierter Impfstoff.
Der Tdap-Impfstoff schützt vor Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten. Krebspatienten und ihre Haushaltsangehörigen sollten sich an den empfohlenen Tdap-Impfplan halten.
Impfung gegen humane Papillomviren (HPV)
Inaktivierter Impfstoff.
HPV kann bestimmte Krebsarten verursachen. Die HPV-Impfung ist besonders für junge Erwachsene und gefährdete Personen wichtig. Krebspatienten wird empfohlen, mit ihrem Arzt zu besprechen, ob sie gegen HPV geimpft werden können.
Inaktivierter Polioimpfstoff
Das Poliovirus kann schwere Lähmungen verursachen. Krebspatienten und ihre Haushaltsangehörigen sollten mit dem inaktivierten Polioimpfstoff geimpft werden, insbesondere abhängig von der Risikosituation im Reiseziel.
Tollwutimpfung
Inaktivierter Impfstoff.
Tollwut kann tödlich verlaufen. Krebspatienten sollten gegen Tollwut geimpft werden, insbesondere wenn sie in Risikogebiete reisen, in denen ein Kontakt mit Tieren möglich ist.
In der Praxis
Die Impfung von Krebspatienten und ihren Haushaltsangehörigen senkt das Infektionsrisiko und kann den Erfolg der Krebsbehandlung verbessern. Klinisch tätige Fachkräfte sollten Patienten und betreuende Personen über Impfungen informieren und beraten. Der Zugang zu richtigen und aktuellen Informationen ist dabei lebenswichtig.
Die Bedeutung der Impfung als Schutzstrategie gegen Infektionen im Kampf gegen Krebs darf nicht übersehen werden. Die ASCO-Leitlinien bieten hierzu die neuesten Informationen und geben sowohl Gesundheitsfachkräften als auch Krebspatienten Orientierung. Dieser umfassende Ansatz unterstreicht die Bedeutung einer ganzheitlichen Sicht auf die Krebsbekämpfung und trägt zum Schutz der allgemeinen Gesundheit der Patienten bei.
Quellen
DOI:10.1200/JCO.24.00032
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