Psychisch Kranke von Ketten befreien 1793 – Behandeln statt bestrafen

Der französische Arzt Philippe Pinel beschrieb 1801 in seinem Buch „A Treatise on Insanity“ (Eine Abhandlung über den Wahnsinn) die schreckliche Behandlung von Patienten in französischen psychiatrischen Anstalten: „Den Manischen wurde manchmal so verschwenderisch Blut abgenommen, dass man zweifeln konnte, ob der Patient oder sein Arzt der Verrückte war.“ (vermutlich zum Zweck eines Aderlasses).
Als Pinel 1793 die Leitung des Bicêtre-Krankenhauses übernahm, vertrat er die Auffassung, psychisch Kranke müssten als krank angesehen werden. Sie sollten nicht bestraft werden, weil man sie für von bösen Mächten besessen hielt oder ihr Verhalten als sündhaft betrachtete.
Die Idee, Patienten liebevoll zu behandeln, war revolutionär in einer Zeit, in der Menschen in psychiatrischen Anstalten geschlagen, angekettet, ausgehungert, auf Stühlen bis zum Erbrechen gedreht und manchmal wie Tiere zur Schau gestellt wurden.
Pinel lernte viel von dem Krankenhausleiter Jean-Baptiste Pussin, der für eine Behandlung mit aufrichtiger Anteilnahme eintrat. Um 1793 nahmen Pussin und Pinel einigen Patienten der Anstalt Bicêtre die Ketten ab, beobachteten ihre Entwicklung sorgfältig und sahen bei vielen eine Besserung. Pinel verbot harte Strafen und bestand auf einer besseren Ernährung, Rehabilitationsangeboten für das Personal und sorgfältig geführten Patientenakten. Er hielt außerdem kluge und mitfühlende Mitarbeiter für notwendig, die wirksamer mit psychisch Kranken arbeiten konnten. Infolge dieses Ansatzes ging die Zahl der Todesfälle im Krankenhaus dramatisch zurück, und die Zahl der entlassenen Patienten stieg. 1795 wurde Pinel Leiter des Salpêtrière-Krankenhauses, der größten psychiatrischen Anstalt Europas. Dort setzte er ähnliche Reformen erfolgreich um und wurde als einer der Begründer der Psychiatrie bekannt. Seinen menschlichen Ansatz nannte Pinel „traitement moral“ (moralische Behandlung). Er betonte, dass vor einer körperlichen Behandlung als erste psychologische Behandlungsstufe eine „zugewandte Haltung“ eingesetzt werden sollte.
Weitere Reformatoren psychiatrischer Einrichtungen aus derselben Zeit waren der englische Quäker William Tuke, der 1792 eine Zufluchtsstätte für psychisch Kranke gründete, und der italienische Arzt Vincenzo Chiarugi, der 1788 als Leiter eines Krankenhauses in Florenz eine menschliche Behandlung förderte.
Erläuterung der Artikelabbildung: Die früher als Buffalo State Asylum bekannte Einrichtung wurde 1870 vom Architekten Henry Hobson Richardson entworfen. Sie beherbergte bis Mitte der 1970er-Jahre psychisch Kranke, die nach Geschlecht getrennt untergebracht waren.
Im Artikel erwähnte historische Persönlichkeiten: William Tuke (1732–1822), Philippe Pinel (1745–1826), Jean- Baptiste Pussin (1745–1811), Vincenzo Chiarugi (1759–1820)
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