Sulfonamide 1935 – Antibakterielle Medikamente

Ekkehard Grundmann:
„Mit Gerhard Domagk begann eine Ära eindrucksvoller Siege über Infektionskrankheiten. Vor den Sulfonamiden starben 30% der Meningitispatienten; derselbe Anteil galt auch für Lungenentzündung und Tonsillitis (eine Entzündung einer oder beider Mandeln). Außerdem starb eine von sieben Frauen nach der Geburt an Sepsis (einer schweren Infektion). Dies änderte sich ab 1935.“
Sulfonamide – manchmal auch als Sulfa-Medikamente bezeichnet – bilden eine Klasse chemischer Verbindungen, von denen einige antibakterielle Eigenschaften besitzen. 1932 entdeckte der deutsche Bakteriologe Domagk bei Versuchen mit einem auf einem Farbstoff basierenden Sulfa-Medikament namens Prontosil das erste Mittel, das zur systemischen Behandlung einer Reihe bakterieller Infektionen beim Menschen, darunter Infektionen durch Streptococcus-Bakterien, eingesetzt werden konnte. Das Medikament war kaum erprobt, als Domagk eilig mit Versuchen begann, um seiner Tochter eine Operation zu ersparen: Wegen einer Infektion am Arm sollte ihr dieser amputiert werden.
1935 wurden die Ergebnisse seines erfolgreichen klinischen Versuchs veröffentlicht, bei dem der Arm seiner Tochter vollständig verheilt war. Interessanterweise zeigte Prontosil im Reagenzglas keine antibakteriellen Eigenschaften.
1936 entdeckte der Schweizer Pharmakologe Daniel Bovet, dass chemische Reaktionen im Körper das Sulfonamid in einen unwirksamen Farbstoffanteil und Sulfanilamid, eine farblose aktive Verbindung, aufspalten.
Anfang der 1940er-Jahre entdeckten Forscher, dass Sulfanilamid bei Bakterien die Synthese von Folsäure hemmt, dadurch die Vermehrung der Bakterien verhindert und die Chancen des körpereigenen Immunsystems erhöht, die Infektion zu bekämpfen.
Sulfa-Medikamente, die einzigen wirksamen Antibiotika, die vor der Penicillintherapie entdeckt worden waren, retteten im Zweiten Weltkrieg und danach unzählige Leben.
Obwohl heute meist andere Antibiotika bevorzugt werden, können Sulfa-Medikamente weiterhin eingesetzt werden, wenn Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln.
1939 wurde Domagk für seine Entdeckung des Sulfonamids Prontosil mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Die nationalsozialistischen Behörden erlaubten ihm jedoch wegen seiner Kritik am NS-Regime nicht, den Preis anzunehmen.
Beschreibung des Artikelbildes: Vor der Einführung der Sulfonamide starben 30% der Meningitispatienten. Die auf dem kolorierten Bild gezeigten Meningokokken, die Meningitis verursachen, können die Häute des zentralen Nervensystems infizieren.
Im Artikel genannte historische Personen: Gerhard Johannes Paul Domagk (1895 – 1964), Daniel Bovet (1907 – 1992)
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