Antipsychotika 1950 – Psychische Erkrankungen mit Arzneimitteln behandeln

Nach Ansicht des britischen Psychiaters Trevor Turner sollte das Antipsychotikum Chlorpromazin als eine der größten medizinischen Entdeckungen gelten. Turner schreibt:
„Ohne die Entdeckung von Chlorpromazin lebten wir möglicherweise noch immer in jener beklagenswerten Zeit, in der die Rolle der Betreuungsperson der eines Zoowärters ähnelte. Chlorpromazin kann als eine Art ‚psychologisches Penicillin‘ angesehen werden, das die Kommunikation zwischen den Patienten und ihren Betreuungspersonen ermöglicht.“
Antipsychotika werden bei Schizophrenie und bipolaren Störungen zur Behandlung von Menschen mit Psychosen eingesetzt, die abnorme Denkprozesse wie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen zeigen. Das erste Antipsychotikum, Chlorpromazin, wurde fast zufällig entdeckt. Nachdem es 1950 vom französischen Chemiker Paul Charpentier synthetisiert worden war, testete der französische Chirurg Henri Laborit das Arzneimittel, um zu untersuchen, ob es die Ängste von Operationspatienten lindern könnte. Laborits Arbeiten erregten die Aufmerksamkeit der französischen Psychiater Pierre Deniker und Jean Delay. Sie erprobten das Mittel an selbstverletzenden, unkontrollierbaren Patienten und beobachteten bei vielen Patienten mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen erstaunliche Verbesserungen.
Unter Chlorpromazin zeigten viele Patienten mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen erstaunliche Verbesserungen. 1954 wurde Chlorpromazin unter dem Handelsnamen Thorazine in den USA zugelassen. Bis 1964 hatten es weltweit etwa 50 Millionen Menschen eingenommen. Die Zahl der Menschen in psychiatrischen Anstalten begann drastisch zu sinken, und ältere Schizophreniebehandlungen wie Insulinschocktherapie und Elektrokrampftherapie wurden seltener eingesetzt. Leider hatte Chlorpromazin wie viele Arzneimittel auch Nebenwirkungen, darunter Muskelzittern und Bewegungsstörungen.
Clozapin ist ein Vorläufer der neueren Generation von Antipsychotika. Es verringert das Risiko von Bewegungsstörungen, hat jedoch andere Nebenwirkungen. Dennoch haben Antipsychotika, wie bereits zu Beginn des Beitrags betont, das Schicksal von Menschen mit Psychosen oder einer Schizophreniediagnose in einem historisch beispiellosen Ausmaß positiv verändert.
Alle Antipsychotika neigen dazu, im zentralen Nervensystem die Rezeptoren für Dopamin (einen Neurotransmitter, der bei Motivation und willkürlichen Bewegungen eine Rolle spielt) zu blockieren.
Die Gesundheitsexperten Joe und Teresa Graedon schreiben:
„Vor Hunderten von Jahren wurden psychisch kranke Menschen verbrannt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden manche Schizophreniepatienten mit einem Eispickel lobotomiert. In einem derart barbarischen Umfeld wurden die ersten antipsychotischen Arzneimittel entwickelt.“
Erläuterung zum Beitragsbild: Katzenillustrationen des britischen Malers Louis Wain (1860-1939). Manche Psychologen vermuten, dass Wains Schizophrenie einige seiner wilden Katzendarstellungen beeinflusste.
Historische Persönlichkeiten in diesem Beitrag: Jean Delay (1907–1987), Henri Laborit (1914–1995), Pierre Deniker (1917–1998)
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